Hamburg Die Christfluencer kommen: Wollen Sie auch den „Jesus-Glow“?
Auf TikTok bekennen sich immer mehr Influencer zum Christentum und schwärmen vom „Jesus-Glow“. Wie passt das zu einer vermeintlich säkularen Jugend im Zeitalter des Hedonismus? Steckt vermarktungstechnisches Kalkül dahinter, echte Überzeugung – oder der Heilige Geist?
Seit sich der weiße Rauch verzogen hat, hält Deutschland es mit dem Christentum wieder wie der Teufel mit dem Weihwasser. Soll die Kirche nicht als Begründung für Feiertage, Kulisse für Hochzeiten oder Betreiber der etwas netteren Krankenhäuser herhalten, könnte sie den meisten Deutschen inzwischen gestohlen bleiben. Schließlich gibt es hierzulande mehr Menschen ohne Religionszugehörigkeit als Mitglieder der großen beiden Kirchen.
In meinem Umfeld ist es nicht anders: Von den einen Freunden hagelt es Spott, wie viel Geld wir doch als Kirchensteuer „verschwenden“ würden, die anderen erklären, sie bräuchten die Kirche nicht, da sie sich ihre eigene Lebensphilosophie aus Christentum und Buddhismus kreiert hätten.
Ein Kollege fragte mich neulich gar, was er tun solle, da seine in einer christlichen Kita betreute Tochter zu Hause vor dem Essen beten wolle. Säkularisierung, dein Name ist Generation Y und Z so dachte ich. Dann kamen Lisa und Millane.
Die beiden deutschen Influencerinnen sind jung, schön, stylisch, von hunderttausenden Followern geliebt – und bekennende Christinnen.
Lisa Mantler, als Teil des tanzenden Zwillings-Duos Lisa und Lena bekannt, setzt als junge Mutter inzwischen wahlweise auf Familien- oder Religionscontent. Auf ihrem Instagram-Account postet sie Videos, in denen sie freudig lächelnd durch eine mit Highlightern durchgearbeitete Bibel blättert, das Kinderbuch „Weißt du schon, wie lieb Gott dich hat?“ empfiehlt oder Fotos ihres Mannes bei einem Auftritt in einer freikirchlichen Gemeinde teilt.
Sehen Sie hier ein Bild von Lisa Mantler mit ihrem Ehemann:
Ein ähnlicher (holy) spirit trägt auch Millane durchs Leben. Die Fashion-Influencerin mit knapp 1,5 Millionen Followern beschreibt sich auf ihrem Instagram-Profil mit den Worten „Liebe für Gott und Leidenschaft für Mode“ – die Prioritäten sind klar gesetzt. Alle paar Selfies reihen sich auch hier Bibelvideos inklusive Textverweisen ein, Lip-Syncing-Videos zu christlichen Songs und Botschaften wie „Stell dir eine Frau vor, die auf Gott statt auf sich selbst vertraut“.
Was ihr für einen „gesunden“ Alltag wichtig sei? Neben ausgewogener Ernährung und Sport (soweit einleuchtend) tägliches Lesen in der Bibel, morgendliche Gebets-Spaziergänge, Sonntage in der Kirche, ein kleiner Freundeskreis, keine Partys und Enthaltsamkeit bis zur Ehe (die allerdings bald ansteht). Der „Jesus-Glow“ mache eben innerlich wie äußerlich schön. Christliche Selbstoptimierung für das Ideal als fromm-keusche und zugleich sexy-sinnliche Frau: Erleben wir hier den Beginn einer Social Media Ära?
Sehen Sie hier ein Video von der Influencerin Millane:
Man fühlt sich an US-amerikanische Christfluencer erinnert, die ihren „Tradwive“-Content mit einer Prise Jesus aufwerten wollen – obgleich Millane dafür glücklicherweise die hasserfüllte Fremdenfeindlichkeit fehlt, die in jenen konservativen US-Kreisen en vogue ist. Gleichwohl wäre es ein geschickter Marketing-Schachzug, um sich mit – im wahrsten Sinn des Wortes – Gottes Hilfe vom Meer der Mode-Influencer abzuheben.
Nun ist christlicher Content auf Social Media nichts besonders in einer Welt, in der selbst Nonnen ihren Alltag auf TikTok teilen. Doch woher kommt die christliche Euphorie auch jenseits der radikalen Christfluencer in der Mitte der Social Media-Gesellschaft auf einmal? Kann sich Leo XIV. zurücklehnen und auf die Gottes-Influencerinnen hoffen, um den zumindest in Europa fallenden Mitgliederzahlen insbesondere der katholischen Kirche etwas entgegenzusetzen? Ganz im Gegenteil.
Denn Freikirchen, denen die beiden Influencerinnen nahezustehen scheinen, grenzen sich bewusst von den etablierten Kirchen ab, erinnern mit ihrer jungen und hippen Aufmachung eher an US-amerikanische Mega-Churches denn an den Vatikan; obgleich die Freikirchen mit ihrer häufig strengen Auslegung der Bibel und konservativen Einstellungen etwa in Bezug auf Homosexualität strengere Regeln predigen als die großen Kirchen selbst.
Die Beispiele zeigen drei Dinge: Erstens scheinen sich immer mehr junge Menschen in der immer vereinsamteren Gesellschaft nach Gemeinschaft zu sehen. Zweitens scheinen viele, speziell junge, Menschen enttäuscht zu sein von der Institution Kirche, die ihr nicht geben kann, was sie suchen. Drittens scheinen radikalere Gemeinschaften, die eine strengere und vermeintlich einschränkende Sicht aufs Leben vermitteln, für Jüngere den Schrecken zu verlieren – Orientierung über maximale Selbstentfaltung.
Es tut mir leid, aber wenn die beiden großen Kirchen es nicht schaffen, jungen Menschen Gemeinschaft und Sinnstiftung anzubieten, werden sie, zumindest in Deutschland, mittelfristig ums Überleben kämpfen müssen. Denn die „Nachfolger“ haben sich längst positioniert.