Osnabrück „Fünftes Rad am Wagen“? Wie Chemnitzer das Kulturhauptstadt-Jahr als Chance begreifen
Ihre Biografien fehlten bislang in der deutschen Wahrnehmung. Das sagt Stefan Schmidtke über Chemnitz und seine Menschen. Mit der Kulturhauptstadt 2025 ändert sich das gerade. Eine Reportage aus der Hartmann-Fabrik in Chemnitz.
„Früher war ich militanter Chemnitzer“, sagt Reinhard Oelsner und lacht offen. Er trägt nicht nur das knallblaue Shirt mit dem Logo der diesjährigen Kulturhauptstadt. Gemeinsam mit seiner Frau Andrea stellt er sich auch in das Portal, auf dem der Slogan prangt, unter dem Chemnitz 2025 firmiert. C_THE_UNSEEN: Das klingt kreativ, aber auch ein bisschen nach Hilferuf. Wann wird sie endlich gesehen, endlich wahrgenommen, jene Stadt, die einmal Karl-Marx-Stadt hieß und sozialistische Musterstadt sein sollte?
Wir sind in der Hartmann-Fabrik im Chemnitzer Nordwesten. Früher fabrizierten Handwerker hinter den hohen Sprossenfenstern Werkzeuge für den Bau von Lokomotiven. 4000 Lokomotiven seien auf dem riesigen Industrieareal gleich neben der City gebaut worden, erzählen die Oelsners, zeigen historische Fotos. Von dem einstigen Industrieviertel ist nur die Hartmann-Fabrik geblieben. Nach ihrem Umbau beherbergt sie das Besucherzentrum für Europas Kulturhauptstadt 2025.
„Chemnitz hat sich enorm entwickelt“, versichern die Oelsners. Beide legen sich als Volunteers, also ehrenamtliche Helfer, für die Kulturhauptstadt ins Zeug. Was ist ein militanter Chemnitzer? Der pensionierte Ingenieur lacht. „Heute sind wir begeisterte Chemnitzer“, sagt er. Andrea Oelsner fügt allerdings gleich an: „Wir haben uns allzu lange als das fünfte Rad am Wagen gefühlt“, klagt sie und komplettiert: „in Sachsen“.
Den sächsischen Dreischritt kennen auch die Oelsners aus dem leidigen Effeff: In Dresden wird repräsentiert, in Leipzig gehandelt, in Chemnitz gearbeitet. So sagt man im Freistaat. Als Industriestandort unzählige Male umgebaut, als Stadt von der DDR-Führung umetikettiert: Chemnitzer haben Nehmerqualitäten, wenn es um schmerzhafte Veränderungsprozesse geht. Das soll jetzt aber nicht mehr alles sein. C_THE_UNSEEN: Der in großen Lettern gedruckte Slogan der Kulturhauptstadt klingt wie eine Kampfansage.
Stefan Schmidtke hat unterdessen schon einen Gang hochgeschaltet. Alle Hotels ausgebucht, die Stadt ist voll, die Veranstaltungen füllen den Kalender. Der Intendant der Kulturhauptstadt verkündet positive Botschaften im Sekundentakt. Muss er wohl auch. Als Chef der Kulturhauptstadt-GmbH steht er ganz vorn. 72 Projekte seien es bei der Bewerbung von Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas gewesen. Jetzt gingen 229 Kulturvorhaben über die Bühne. Und Schmidtke? Der ist pausenlos unterwegs, von Vernissage zu Kongress zu Pressekonferenz.
Unterwegs sind auch die Oelsners. „Wir haben im letzten Jahr von der Kulturhauptstadt gehört und davon, dass da Freiwillige gesucht werden. Da wussten wir: Das ist etwas für uns“, schauen Andrea und Reinhard Olsner beim Gespräch in der Hartmann-Fabrik zurück. Die Pensionäre überlegten nicht lang, meldeten sich als Volunteers. Was das ist? „Wir machen, was anfällt“, sagen Andrea und Reinhard Oelsner. Sie betreuen Veranstaltungen. Und verteilen Flyer an die Chemnitzer.
Kultur kommt nicht von außen, Kultur entsteht dort, wo die Leute sind. Diese Philosophie verbindet alle, die für das Projekt der Kulturhauptstadt arbeiten. Wir treffen in der Hartmann-Fabrik auch Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka. „Kunst geschieht mitten im Alltag. Sie kann dabei auch unscheinbar sein“, sagt die Kuratorin, die am Kernpunkt des Programms der Kulturhauptstadt arbeitet.
Die Kunstexpertin entwickelt Kunstformate im Rahmen des Projekts „3000 Garagen“. Die Chemnitzer Garagen, während der Zeit der DDR in gemeinschaftlicher Arbeit errichtet, seien Rückzugsorte der Menschen gewesen, erzählt die Kuratorin. Die Garagenwelt als soziales Biotop – an diesem Punkt docken Akteure der Kulturhauptstadt wie Agnieszka Kubicka-Dzieduszycka heute an.
„Man muss sich den Menschen nähern, um die großen kulturellen Potenziale zu erkennen, die in Chemnitz zu finden sind“, sagt die Kuratorin. Sie steht hinter dem Projekt „#3000 Garagen – Die Ausstellung“, in der Künstler Arbeiten präsentieren, mit denen sie auf die Chemnitzer Garagenwelt reagieren. Über Monate sind diese Werke im Garagen-Campus zu sehen. Hinter diesem Begriff verbirgt sich ein anderes Chemnitzer Highlight: das zu einem Veranstaltungszentrum umgebaute alte Straßenbahndepot an der Zwickauer Straße.
„Die Menschen sollen sich in den künstlerischen Arbeiten wiedererkennen“, formuliert die Kuratorin Kubicka-Dzieduszycka das Ziel ihrer Arbeit. Kunst ist in der Kulturhauptstadt keine Galerieware, sondern eine Reaktion auf konkrete Lebenswirklichkeit. Die war nicht immer einfach. „Die Innenstadt war früher vernebelt durch die Abgase“, erzählt Reinhard Oelsner von der harten Wirklichkeit einer Industriestadt, für die bislang kaum jemand einen Blick hatte. Das ändert sich gerade. Chemnitz ist auf die Landkarte gerückt – gerade auch für ein Publikum, das sich bislang nur in Metropolen tummelte.
Die Oelsners müssen weiter. Sie schultern ihre Taschen mit dem Aufdruck „C_THE_UNSEEN“, nehmen Flyer zur Hand. Beide lächeln. „An der Kulturhauptstadt gefällt mir einfach alles“, sagt Andrea Oelsner noch. Und ergänzt mit einem Lachen: „Nur das T-Shirt nicht. Dieses Blau steht mir einfach nicht“.