Hamburg  Die besten Startchancen für Ihr Kind gibt’s im Osnabrücker Umland – oder in Süddeutschland

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 18.05.2025 11:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Süddeutschland und im Osnabrücker Umland finden Kinder laut Teilhabeatlas die besten schulischen Bedingungen. Foto: Marcel Kusch/dpa
In Süddeutschland und im Osnabrücker Umland finden Kinder laut Teilhabeatlas die besten schulischen Bedingungen. Foto: Marcel Kusch/dpa
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Meister, Master oder für immer Hilfskraft: Wo in Deutschland ein Kind aufwächst, hat erheblichen Einfluss darauf, wie es sein Leben gestalten kann. Sind gleichwertige Lebensbedingungen für Kinder eine Illusion?

Dass das Leben nicht überall in Deutschland gleich ist, ist wunderbar. Der eine wünscht sich Theater, vegane Banh Mis und ein dichtes U-Bahn-Netz, der andere braucht zum Glücklichsein den Blick auf Berge, die auf dem Grill brutzelnden Steaks und einen schwanzwedelnden Golden Retriever. Wichtig ist nicht, dass das Leben in Berchtesgaden und Berlin gleichartig ist.

Wichtig ist, dass es gleichwertig ist; dass zum Beispiel berufliche Nachteile durch eine gute Lebensqualität ausgeglichen werden. Eine Entscheidung, die ein Erwachsener oder ein Paar für sich treffen müssen – und damit zwangsläufig für ihre Kinder treffen. Und das nicht immer zum Besten der Kinder.

Der Teilhabeatlas Kinder und Jugendliche des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung hat untersucht, wie es um die Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland steht. Getrennt für städtische und ländliche Regionen haben die Forscher alle Kreise und kreisfreien Städte nach vier Kriterien untersucht:

Das Ergebnis: Wer mit seinen Kindern in einem städtischen Umfeld das Glück finden möchte, findet es am ehesten in Stuttgart, München, Nürnberg oder Würzburg – wenn auch mit den entsprechenden Wohnkosten. Zu den Städten mit den schlechtesten Startbedingungen für Kinder gehören neben Berlin und vielen Städten im nördlichen Ruhrgebiet auch Bremen, Bremerhaven, Lübeck, Kiel und Flensburg.

Diese Gebiete zeichnen sich laut der Studie durch wenige Ausbildungsplätze, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, eine niedrige Lebenserwartung, viele Schulabbrecher und wenige Kindergartenplätze aus – haben aber eine gute Infrastruktur und schnelles Internet. 

Blickt man auf den ländlichen Raum, fallen drei Ballungsgebiete auf, in denen Kinder sich besonders gut entfalten können: im südlichen Bayern, im Großteil Baden-Württembergs sowie in der Region rund um und südlich von Osnabrück (Kreise Osnabrück, Vechta sowie von Borken bis Paderborn).

In diesen Gebieten muss man sich keine Sorgen um die berufliche Zukunft der Kinder machen: Es gibt kaum Schulabbrecher, viele Ausbildungsplätze und kaum Jugendarbeitslosigkeit. Eine hohe Lebenserwartung und viele Spielkameraden zeichnen die Regionen ebenfalls aus – nur die Infrastruktur könnte noch etwas kinderfreundlicher sein. 

Im Rest Niedersachsens und fast in ganz Schleswig-Holstein sieht es, mit wenigen Ausnahmen, nicht so gut aus, vor allem aufgrund fehlender beruflicher Perspektiven. 

Doch was bedeutet das für die einzelne Familie? Gilt es, Matjesbrötchen gegen Maultaschen zu tauschen? 

Nun misst sich eine glückliche Kindheit nicht daran, wie gut sie auf das Erwachsenenleben vorbereitet. Sie misst sich an der Anzahl der Klopfer beim Topfschlagen, der geschleckten Eiskugeln, der Arschbomben im Freibad und der Kuscheltiere, die man sich bei einem Familienausflug in den Zoo, ans Meer oder in den Freizeitpark aussuchen durfte.

Zumal die Chancengleichheit in einer Region nur bedingt mit der Chancengleichheit des einzelnen Kindes korreliert. Wer engagierte Eltern hat, die bei den Hausaufgaben unterstützen, Nachhilfe bezahlen und das Kind zum Judo-, Schwimm- oder Cellotraining fahren, wird sich nie Sorgen machen müssen – egal, was die anderen machen. 

Doch was machen “die anderen”, die Kinder aus weniger privilegierten Elternhäusern? Familien, die nicht das Geld für Nachhilfe haben, nicht die Flexibilität, eine mangelnde Infrastruktur auszugleichen, die nicht die Einsicht haben, dass ohne Schulabschluss und Ausbildung beruflicher Aufstieg so gut wie unmöglich ist?

Diese Kinder finden sich allein wieder in einer Welt, in der Influencer, Streamer und Dropshipper die heißesten und zugleich volatilsten Berufsfelder sind. In einer Welt, in der “sich um die Zukunft Gedanken machen” noch uncooler ist als sonst schon und in der die Freizeit mangels Mobilität und Nachbarkindern vor allem vor dem Bildschirm stattfindet. 

Viele dieser Probleme lassen sich nicht von heute auf morgen lösen; manche von ihnen gar nicht. In Berchtesgaden wird es keinen Bus im Minutentakt geben, in Berlin keine Ausbildungsplätze regnen, und Kinderarmut könnte nicht mal in Vollbeschäftigung verschwinden.

Sollte man es deswegen also gar nicht erst versuchen? Man sollte nicht nur, man muss. Es tut mir leid, aber je abgehängter die Jugend ist, desto abgehängter wird Deutschland werden.

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