Osnabrück  Skulpturenpfad „Purple Path“: Neue Wahrzeichen für das gebeutelte Industrierevier

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 13.05.2025 18:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Neues Wahrzeichen der Kulturhauptstadt Chemnitz: Daniel Buren hat den Schornstein des ehemaligen Braunkohlekraftwerks Chemnitz zu einem leuchtenden Kunstwerk umgestaltet. Foto: Henrik Schmidt/dpa
Neues Wahrzeichen der Kulturhauptstadt Chemnitz: Daniel Buren hat den Schornstein des ehemaligen Braunkohlekraftwerks Chemnitz zu einem leuchtenden Kunstwerk umgestaltet. Foto: Henrik Schmidt/dpa
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Weltkunst im Erzgebirge? Die Kulturhauptstadt Chemnitz macht einen Sprung nach vorn. Das Skulpturenprojekt „Purple Path“ katapultiert die sächsische Stadt und die Region in die erste Liga der Kunstwelt. Eine Spurensuche des Erfolgs.

Massig hebt sich dieser Wirbel über das Land. Dreht seine Kreise wie eine Urkraft, die direkt aus der Erde nach oben schießt. „Stack“: Auf diesen Namen hört die tonnenschwere Bronzeplastik von Tony Cragg. Mitten im Kurpark von Aue-Bad Schlema ist sie viel mehr als ein Hingucker. Das Kunstwerk fasziniert als Energiezentrum mitten im weiten Land des Erzgebirges.

Der kleine Ort, 40 Kilometer südlich von Chemnitz, hat mit zeitgenössischer Kunst erst seit kurzem etwas zu tun. Die Bronze von Tony Cragg gehört zum „Purple Path“, einem Skulpturenpfad mit Werken von 90 Künstlern an 70 Orten der Region. Tony Cragg, sonst mit seinen Skulpturen in den Kunstmetropolen der Welt präsent, gehört nun in ein Gebilde, das Alexander Ochs als „Museum im öffentlichen Raum“ bezeichnet.

Skulpturenpfade sind ein heikles Format. Kunst dorthin bringen, wo sie eigentlich keine große Rolle spielt: So lautet die Philosophie von Skulpturenpfaden, die mit großem Ehrgeiz installiert werden und Jahre später oft alt und überholt aussehen. Die Gefahr: Solche Kunstansammlungen werden allzu oft installiert, ohne dass die Verbindung mit ihrem Standort bedacht wird.

„Wir werfen hier keine Satelliten ab“, sagt Kurator Alexander Ochs zum „Purple Path“, einem der Herzstücke des Programms von Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas 2025. Was hat die jeweilige Skulptur mit ihrem Standort zu tun? Diese Frage wird zu jedem Werk penibel beantwortet. Beispiel Tony Cragg: „Stack“ ruft die Erinnerung an den Uranbergbau wach, der einst ganz in der Nähe stattgefunden hat. Das Kunstwerk des mehrfachen Documenta-Teilnehmers Cragg als Kommentar zur Industriegeschichte einer Region. So liest sich die Philosophie des Projekts.

Ochs hat für „Purple Path“ Künstler wie Sean Scully, Tony Cragg, Rebecca Horn, Leiko Ikemura und Richard Long und mit ihnen ein Who´s who der zeitgenössischen Kunst versammelt. Immerhin ein Drittel der Künstler, die den „Purple Path“, den violetten Pfad, mit ihren Werken bestücken, kommen aus der Gegend selbst. Ochs bekommt ihn hin, den Spagat zwischen großer Kunstprominenz und den regionalen Größen. Ein Garant für Akzeptanz?

Der Bogen spannt sich jedenfalls weit, etwa zwischen Jeppe Heins mintgrünem Bankobjekt im kleinen Jahnsdorf und dem 300 Meter hohen Schornstein des ehemaligen Heizkraftwerks in Chemnitz, das Daniel Buren mit Streifen in sieben Farben versehen hat. Burens Kunstschlot leuchtet nun Tag und Nacht über der Stadt als fotogenes Wahrzeichen der Kulturhauptstadt. Jeppe Heins Bankobjekt verspricht „dynamisches Sitzen“, irgendwo am Bahnhof eines Kleinststädtchens.

„Alle Bürgermeister wollen das Projekt“, berichtete Alexander Ochs schon in der Startphase von „Purple Path“. Der Kurator installierte große Kunst fernab der Hauptstadtblase. Metropole oder nicht? Das spielt keine Rolle, wo ein ganz anderer Slogan Ton und Takt vorgibt. „Alles kommt vom Berg“, sagt der Kurator und spielt damit auf ein künstlerisches Programm an, das bewusst die Landschaft und den Bergbau, die Menschen und ihre Arbeit in den Blick nimmt. Dafür geht nicht nur Ochs mit seinem Team auf eine lange Reise. Wer alle Skulpturen sehen will, muss 400 Kilometer zurücklegen. Darunter geht es nicht.

Dafür belohnen die einzelnen Kunstwerke wie Schatzfunde. Leiko Ikemuras Hasenfigur aus Bronze in Niederwisa zum Beispiel oder Richard Longs Steinkreis im Dom von Freiberg. Die Bildhauerin Uli Aigner platziert ein mannshohes Kunstobjekt aus blankem Porzellan im kleinen Lößnitz, Tanja Rochelmeyer macht aus der Bahnhofsunterführung in Flöha einen funkelnden Lichtweg. Eine ganze Region leuchtet mit einem Mal im Glanz internationaler Kunst. Abgehängt, vergessen? Was Menschen in Ostdeutschland immer noch als Lebensgefühl beklagen, hier hat es sich komplett gedreht.

Allerdings profitiert auch die Kunst von diesem ambitionierten Projekt, das sich zwischen den Erhebungen des Erzgebirges weit verzweigt. Was auf den ersten Blick wie das Niemandsland des Kulturbetriebes wirken muss, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Erholungsort für die Kunst. Fernab der Kunstblase, ihrer Erkennungszeichen und Diskurse, wirken die Werke, als könnten sie endlich frei atmen. Wo mit ihnen nicht zu rechnen ist, wirken sie am stärksten, weil sie Luft und Raum haben.

Das allerbeste Beispiel liefert die Installation „The Universe in a Pearl“ der 2024 verstorbenen Star-Künstlerin Rebecca Horn in der kleinen Hospitalkirche in Lößnitz. Das verspiegelte Objekt lädt dazu ein, den Blick zwischen Oben und Unten wandern zu lassen. „Wir träumen von Reisen durch das Weltall – ist das Weltall denn nicht in uns?“: Der Dichter Novalis notierte diesen Satz 1798.

Horn folgt seiner Philosophie mit einem Kunstobjekt, das Grenzenlosigkeit spürbar macht. Die Bildhauerin war die ganz große Bühne der Documenta und der Skulptur Projekte von Münster gewohnt. In Lößnitz gewinnt ihr Werk Frische und Dringlichkeit. Ausgerechnet Lößnitz, möchte man sagen.

Dabei geht die Arbeit an „Purple Path“ sogar noch weiter. Auf dem Gelände des ehemaligen Steinkohlebergwerks in Oelsnitz wird eine ganze Halle für ein Lichtkunstwerk des Amerikaners James Turrell umgebaut. „Das wird mit 1600 Quadratmetern der größte Raum für Turrell in Europa“, wirft Alexander Ochs einen Blick auf diesen neuen Superlativ voraus. James Turrell ist der Mega-Mann der Kunst. Seit Jahren baut er einen erloschenen Vulkan im US-Bundesstaat Arizona zu einem Lichtkunstwerk aus. Jetzt bekommt er auch auf der anderen Seite viel Platz. In Sachsen.

Die eigentliche Sensation spart sich Alexander Ochs für den Schluss des Gesprächs auf. „Alle Kunstwerke sollen bleiben“, sagt er. Das ist für ein Skulpturenprojekt im öffentlichen Raum wirklich nicht selbstverständlich. Der Kurator bleibt übrigens auch. Der Mann, der früher einmal für die Kunst bis nach China zog, wohnt nun in Chemnitz. Was ist „Purple Path“ für ihn? „Das Projekt ist für mich wie ein Kind in der frühen Pubertät. Es braucht Pflege und Hinschauen“.   

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