Osnabrück Der blinde Held, der Hitler trotzte: Otto Weidt und seine Blindenwerkstatt
Der Mann war ein Typ. Und seine Geschichte beweist, dass jeder, der wollte, auch etwas gegen die Judenverfolgung im Nationalsozialismus tun konnte. Der Kleinfabrikant Otto Weidt geriet nach dem Zweiten Weltkrieg lange in Vergessenheit. Nicht aber bei den Menschen, denen er geholfen hat.
Otto Max August Weidt wird im Mai 1883 in Rostock geboren. In den 1930er Jahren erblindet er fast ganz, unterstützt die Arbeiterbewegung und hasst die Nazis. Er gründet in Berlin eine kleine Blinden-Werkstatt. Dort stellen überwiegend jüdische Mitarbeiter, die entweder auch blind oder andere Behinderungen haben, Bürsten und Besen her, offiziell für die Wehrmacht.
„Das Wichtigste war für mich, dass er uns wie Menschen behandelt hat“, berichtet die Holocaust-Überlebende und Publizistin Inge Deutschkron. „Das gab es ja damals in Deutschland nicht, dass man Juden gut behandelt hat. Es war wie eine Oase, man ging da hin und wusste, hier ist man irgendwie beschützt.“ Sie ist nicht behindert und arbeitet mit Weidts Geliebten Alice Licht im Sekretariat der Werkstatt in der Rosenthaler Straße.
Immer wieder gibt es dort Razzien der Geheimen Staatspolizei, immer wieder werden dort Jüdinnen und Juden abgeholt. Aber auch immer wieder schafft es Otto Weidt seine Leute zurückzuholen und wenn nötig auch zu verstecken. Denn „Papa“ Weidt ist auch ein Schlitzohr und hat schauspielerisches Talent: Er jammert den Nazis etwas vor und besticht einzelne Beamte.
Im Herbst 1943 hilft auch das nicht mehr. Mit einem Möbelwagen wird ein Großteil seiner Belegschaft abtransportiert. Otto Weidt kann mit seinen Beziehungen gerade noch erreichen, dass seine Leute nicht ins Vernichtungslager Auschwitz, sondern in das „Vorzeige-Konzentrationslager“ Theresienstadt kommen. 150 Pakete schickt er dorthin, die auch nachweislich bei den Betroffenen ankommen.
Als seine große Liebe Alice Licht später doch nach Auschwitz verlegt wird, reist er nach Polen und bereitet ihre Flucht vor, was ihr nach der Auflösung des Lagers auf einem der Todesmärsche gelingt. Inge Deutschkron kann in Berlin untertauchen. Das schaffen auch einige andere „Weidt-Juden“. Die Mehrheit wird aber deportiert und ermordet.
Der dreimal verheiratete Otto Weidt stirbt bereits zwei Jahre nach Kriegsende im Alter von 64 Jahren. Der Dokumentarspielfilm „Ein blinder Held“ von 2014 erinnert an Otto Weidt, der von Edgar Selge gespielt wird.
Am Ort der kleinen Fabrik, in der Rosenthaler Straße 39 in Berlin-Mitte, nahe den Hackeschen Höfen gibt es seit 1999 das „Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt“. Dort wird die Lebensgeschichte dieses ungewöhnlichen Mannes für Besucher jeden Alters sehr gut dargestellt. Der Eintritt ist frei.