Osnabrück Allerletzte Bilder? Kunststar Gerhard Richter zeigt 81 Zeichnungen in München
Gerhard Richter malt nicht mehr. Aber er zeichnet. Die Neue Pinakothek in München zeigt jetzt 81 Zeichnungen Richters aus den letzten drei Jahren. Die streng komponierte Präsentation wirkt wie ein Statement aus eisiger Einsamkeit.
Der Weg zu Gerhard Richter führt an leeren Vitrinen vorbei. Nur in einem Schaukasten ist das Motiv des Schädels zu sehen, eine Edition nach Richters berühmtem Gemälde von 1983. Der Seitenblick auf die leeren Augenhöhlen macht frösteln. Dieser Weg fühlt sich an, als würde er in eine eisige Endzeit führen.
Neue Werke von Gerhard Richter, von jenem Künstler, der seine künstlerische Aktivität eingestellt, sein Atelier aufgelassen hat? Das hört sich nach Sensation an, nach einer Stimme aus dem Hallraum selbstverordneter Leere – und nach einem ultimativen Statement. Michael Hering, Direktor der Staatlichen Graphischen Sammlung in München, landet mit dieser Schau einen Coup.
Das gilt auch für Qualität der Blätter. Krakelt da ein einsamer, inzwischen 93 Jahre alter Weltstar der Kunst einsam vor sich hin? Natürlich nicht. Gerhard Richter funktioniert weiter, als Perfektionsmaschine einer Kunst, die von Betrachtern wie ein Menetekel angestaunt wird, Blatt für Blatt, immer an der Wand entlang. Wenn Gerhard Richter zu sehen ist, herrscht in den Ausstellungsräumen andächtiges Schweigen. Das ist in München jetzt wieder so.
Denn Richters Blätter fügen sich zur Innensicht einer eigentümlich geschlossenen Welt. Strikte Liniengerüste bändigen dezente Farbwolken in Grün und Grau, in Blau und Rosa. Wer will, mag sich von der meditativen Wirkung dieser Werke an Paul Klees intellektuell klar organisierte Bildfantasien erinnert fühlen – oder an Max Frischs 1979 erschienenes Spätwerk „Der Mensch erscheint im Holozän“, dem Bericht von einem einsamen Menschen am letzten Rand seiner irdischen Existenz.
Das passt zu Gerhard Richters Blättern. Die Farbwolken auf ihnen wärmen nicht, die splittrigen Linien zerschneiden die Bildwelten eher, als dass sie diese ordnen würden. Die sichtliche Perfektion, mit der die einzelnen Darstellungen organisiert sind, reduziert sich auf eine Qualität der Form, die in sich selbst eingeschlossen wirkt. Worauf antwortet diese Kunst, was evoziert sie?
Jedes von Gerhard Richters Bildern ist eine Sphinx, herrschaftsvoll und verrätselt. Man mag eine Sphinx fragen, was man will. Ob sie antwortet? Eher nicht. Im Entree der Ausstellung ist ein Interview auf die Wand gebracht, das Michael Hering mit Gerhard Richter geführt hat. Was will er mit seiner Kunst eigentlich? „Es macht Spaß“, so lautet eine der lakonischen Antworten. Was den Nonsens streift - hier avanciert es zur Distanzgeste entrückter Autorität.
Die seltsam unpersönliche Perfektion dieser Kunst korrespondiert mit einer Form der Präsentation, die Kunst als erhabenen, fast autoritären Gestus inszeniert. Richter habe seine späten Werke in der „Abgeschiedenheit seines Studiolo“ geschaffen, heißt es. Der Künstler wird mit diesem Satz zitiert: „Das Eigentliche, das Schwierigste ist aber, etwas zu machen, das gut ist“. Aber was sagt dieser Satz? Eine Weisheit oder eine Banalität?
Gerhard Richters abstrakte Blätter sind zu Gruppen gefügt, die sich als Bildzyklen lesen lassen – oder als Notate eines Tagebuchs, das ohne Worte auskommt. Der Künstler hat jedes Blatt sorgsam datiert und signiert. In der Ausstellung ist diesen Papierarbeiten im Din-à-4-Format ein zwei mal vier Meter großes Strip-Painting beigegeben, das wie eine zentrierende Achse die Schau in zwei Hälften teilt.
Um dieses Fanal der Farbe herum gruppieren sich Richters Zeichnungen, die zart wie eine schwebende Wolke oder deprimierend wie eine Apokalypse wirken können. Gerhard Richter hat Werke von meisterhafter Kühle geschaffen, die Assoziationen alle Räume öffnen, ohne dabei beliebig zu wirken. Richter bleibt Richter, auch in jenem Gestus der unbeteiligten Glätte, der so typisch ist für sein Werk.
Dessen jüngsten Teil wird die Londoner Galerie Zwirner aus der Pinakothek der Moderne demnächst übernehmen. Die Galerie vertritt Richters Werk seit Dezember 2022. Mit der Werkgruppe der 81 Zeichnungen kann sie dann ein Konvolut präsentieren, das eine Museumsausstellung geadelt hat. Keine schlechte Voraussetzung für lukrative Verkäufe.
München, Pinakothek der Moderne: Gerhard Richter. 81 Zeichnungen, 1 Strip-Bild, 1 Edition. Bis 8. Juni 2025. Di., Mi., Fr.-So., 10-28 Uhr, Do., 10-20 Uhr.