Osnabrück  Konklave-Reportage aus dem Vatikan: Und dann schreitet der Favorit mitten durch die Menge

Lucas Wiegelmann
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Von Lucas Wiegelmann
| 07.05.2025 18:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Kardinäle ziehen zu Beginn der Konklave-Eröffnungsmesse in den Petersdom ein. Foto: picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
Die Kardinäle ziehen zu Beginn der Konklave-Eröffnungsmesse in den Petersdom ein. Foto: picture alliance/dpa/IPA via ZUMA Press
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Eine düstere Marien-Prophezeiung. Ganz unterschiedliche Blicke der Kardinäle bei ihrer letzten großen Prozession in aller Öffentlichkeit. Und eine Predigt-Passage, die tief blicken lässt: Wie der Auftakt des Konklave im Vatikan lief – eine Reportage aus Rom.

Der junge Franzose Aubrey hat bis ganz zum Schluss der Messe damit gewartet, sein Transparent auszurollen. Genau bis zu dem Moment also, wo sie alle auf ihn zukommen müssen: all die Kardinäle, die in wenigen Stunden mit ihrer Papstwahl anfangen werden, und darunter eben auch der nächste Papst selbst.

Aubrey, 27, einer der vielen Gottesdienstbesucher aus aller Welt, klettert auf seinen Plastikstuhl im mächtigen Mittelschiff des Petersdomes und hält den Kardinälen sein Poster entgegen: eine Darstellung der Jungfrau Maria, mit goldener Krone und Rosenkranz in den Händen. Die betagten Kirchenführer, die nun langsam daran vorbeidefilieren, mögen das als Aufmunterung auffassen. Dabei ist es als Warnung gemeint.

„Der nächste Papst wird nicht lange leben“, erzählt Aubrey kurze Zeit später, als die Eröffnungsmesse des Konklave vorbei ist. Die Gottesmutter Maria habe einem Seher in Frankreich, mit dem er in persönlichem Kontakt stehe, eine entsprechende Prophezeiung zuteil werden lassen. Aubrey hat sogar ein Schaubild der Vorhersagen dabei: Demnach werde im neuen Pontifikat auch der Dritte Weltkrieg ausbrechen („eine Frage nicht von Jahren, sondern von Monaten“), und die Deutschen und die Italiener würden zügig einen Gegenpapst aufstellen und die Kirche damit ins Chaos stürzen.

Das ist also so das Spektrum in diesen Tagen in Rom: Die ersten reden schon vom großen Völkerringen und der Kirchenspaltung. Dabei hat der Showdown noch nicht einmal richtig begonnen.

Tatsächlich muss man gar nicht an irgendwelche Privatoffenbarungen der Gottesmutter glauben, um an diesem Mittwoch im Vatikan, dem ersten Tag des Konklave, ein wenig ins Schwindeln zu kommen angesichts der gewaltigen historischen Bedeutung der Vorgänge.

Niemand weiß ja, wann die Kardinäle dieses fromme Theaterstück aus alten Ritualen, bunten Gewändern und tiefsinnigen Gebeten das nächste Mal aufführen werden. Das letzte Mal ist immerhin rund zwölf Jahre her. Und fiel damit in eine Zeit, die bei weitem nicht von so viel Unsicherheit in der ganzen Welt geprägt war, von solchen Umbrüchen wie heute. Nicht nur die Kirche, sondern die ganze Menschheit brauche jetzt einen neuen Papst, wird der höchstrangige Kardinal später in seiner Predigt sagen, der italienische Kardinaldekan Giovanni Battista Re. Der Bischof von Rom als geistliche Instanz des gesamten Erdballs: Dieses Selbstverständnis haben sie im Vatikan schon immer gerne gehabt.

Vorher, zu Beginn der Eröffnungsmesse, laufen die Kardinäle in einer langen Zweierreihe mitten durch die wartenden Gläubigen hindurch. Dass viele Besucher sie dabei mit ihren Smartphones filmen, obwohl das hier ja eigentlich ein Gottesdienst ist, lassen sie dabei auf unterschiedliche Art über sich ergehen.

Manche von ihnen lächeln nachsichtig nach links und rechts, weil sie ja an dem Rummel doch nichts ändern können. Andere schauen grüblerisch-versunken geradeaus, darunter der als Top-Papabile geltende Italiener Pietro Parolin. Als Benedikt XVI. im Konklave von 2005 merkte, dass die Sache auf ihn hinauslaufen könnte, habe sich das wie ein „Fallbeil“ angefühlt, „das auf mich herabfallen würde“, so erzählte Benedikt es später. Ob Parolin sich gerade ähnlich fühlt? Sein verschlossener Gesichtsausdruck würde jedenfalls gut passen.

Natürlich weiß Parolin an diesem Mittwochvormittag genauso wenig wie der Rest der Welt, wer es am Ende wird. Aber es gibt Szenarien. Parolin zum Beispiel wäre das Endlich-mal-wieder-ein-Italiener-Szenario, und zugleich das Manager-statt-Charismatiker-Szenario. Als andere Szenarien gelten etwa das Franziskus-II.-Szenario, das vor allem mit dem philippinischen Kardinal Luis Antonio Tagle verbunden wird, einem zumindest zeitweisen Intimus des verstorbenen Papstes. Und natürlich das Erstmals-ein-Afrikaner-Szenario.

In allen diesen Fällen wird die Öffentlichkeit aber vor allem eines wissen wollen: Wird der neue Mann das weiterführen, was Franziskus an Impulsen vorgegeben hat? Eine neue Bescheidenheit, den Blick für die Armen und kirchenpolitisch eine gewisse Wurschtigkeit (Franziskus selbst sprach von „heilsamer Dezentralisierung“)? Oder wird das Pendel zurückschwingen?

Als der hochbetagte Kardinaldekan Giovanni Battista Re sich in der Messe erhebt, um den vor dem Altar des Petersdomes platzierten Papstwählern in seiner Predigt noch einige letzte Gedanken mitzugeben, ahnt man, welche Variante er bevorzugen würde. Von Armut spricht er dabei nicht, von der Umwelt schon gar nicht, stattdessen fällt immer wieder das Wort „comunione“ – Gemeinschaft.

„Zu den Aufgaben eines jeden Nachfolgers Petri gehört es, die Gemeinschaft zu festigen: die Gemeinschaft aller Christen mit Christus, die Gemeinschaft der Bischöfe mit dem Papst; die Gemeinschaft der Bischöfe untereinander“, ruft der 91-jährige Re und fuchtelt mit der Faust, und vielleicht ist es nur als Selbstverständlichkeit gemeint. Ein wenig klingt es aber auch wie: Heraus „an die Ränder“, wie Papst Franziskus es ausdrückte, sei die Kirche in den letzten Jahren schon genug gegangen – jetzt werde es Zeit, erstmal wieder nach innen die Reihen zu schließen.

Spekulation, klar, wie so vieles in diesen letzten nervösen Stunden vor dem echten Konklave-Beginn. Dieser Kardinal habe schon 40 Stimmen sicher, haben in Rom die einen gehört. Aber nein, jener Kardinal habe bereits 50, glauben die anderen. Und in Frankreich nehmen die Seher also schon ihre Marienprophezeihungen entgegen.

Vielleicht ist diese Gemengelage auch der Grund dafür, dass sich an diesem ganzen Tag in Rom der Auflauf der Gläubigen noch in auffälligen Grenzen hielten. Der Petersplatz wirkte fast leerer als an normalen Besichtigungstagen. Es ist, als seien aus Sicht der Gläubigen nun der Worte genug gewechselt worden. Man will nun Taten sehen.

Am Abend hatten die Kardinäle ja tatsächlich noch ihren ersten Wahlgang abgeschlossen, nunmehr vor der Weltöffentlichkeit verborgen, und danach haben sie ihren ersten Rauch aufsteigen lassen. Er war schwarz.

Der Showdown ist noch nicht vorbei, heißt das. Sondern hat gerade erst angefangen.

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