Osnabrück „Ich habe mehr Zeit im Bunker, als in der Schule verbracht“: Eine Kindheit zwischen Bombenalarm und Heimweh
Als Kind wurde Gisela Dinkhoff verschickt – und landete 900 Kilometer entfernt in einer fremden Familie. Jahrzehntelang hat sie nur die schönen Momente aus dieser Zeit mitgeteilt. Jetzt, mit 91 Jahren, spricht sie zum ersten Mal über ihre Ängste und die beklemmenden Situationen.
Wenn Gisela Dinkhoff an ihren Schulweg zurückdenkt, dann denkt sie an Bomben. Damals, im Gronau der 1940er Jahre, fielen sie regelmäßig. Mal sprang Dinkhoff in die nächste Wiese, mal rannte sie die letzten Meter nach Hause, um Schutz zu suchen. War der Bombenalarm während des Unterrichts, ging es in den Keller. „Ich habe mehr Zeit im Bunker, als in der Schule verbracht”, sagt Dinkhoff heute.
Mehr als 80 Jahre später sitzt Dinkhoff auf dem Sofa in ihrem Zimmer in einem Pflegeheim in Osnabrück. Die 91-Jährige trägt eine rot-weiße Bluse, zwei Perlenketten um den Hals. Ihr kurzes Haar hat sie mit einer Spange zurückgesteckt. Dinkhoff ist konzentriert, sie möchte erzählen, wie es damals war.
Im Krieg blieben in ihrer Klasse immer mehr Plätze leer – die Kinder waren fort, verschickt in sogenannte „luftsichere“ Gebiete. „In unserer Nachbarschaft haben immer mehr Kinder davon berichtet und von den Bergen geschwärmt“, erinnert sich die 91-Jährige. „Da habe ich meine Mutter bekniet, mich auch verschicken zu lassen.“
Was damals ein großer Wunsch von Dinkhoff war, war Teil eines gigantischen Programms der Nazis: der Kinderlandverschickung (KLV). Millionen Kinder wurden zwischen 1940 und 1945 aus deutschen Städten evakuiert – viele von ihnen per Zug in weit entfernte Orte.
Die Kinder wurden je nach Alter unterschiedlich untergebracht. Sechs- bis Zehnjährige kamen in der Regel nicht in Lager, sondern über die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) für ein halbes Jahr in Pflegefamilien – so wie Gisela Dinkhoff. Die Pflegeeltern erhielten dafür Lebensmittelkarten für die Kinder sowie ein festgesetztes Pflegegeld. Ältere Kinder – etwa ab zehn Jahren – wurden oft in Lagern untergebracht, häufig zusammen mit Lehrern. Ganze Schulen wurden so verschickt.
An den Tag ihrer Abreise erinnert sich Dinkhoff noch genau. Ihre Mutter brachte sie mit dem Fahrrad zum Bahnhof Gronau, Dinkhoff trug ein Schild um den Hals, darauf stand ihr Zielort: Bischofshofen in Österreich. 906 Kilometer von Gronau entfernt.
Im Zug traf sie Anneliese – ein quirliges Mädchen, so beschreibt es Dinkhoff. Mit langen Haaren, neugierig und voller Energie. „Guck mal, wir fahren in den gleichen Ort und kommen zur gleichen Familie!“, soll sie gerufen haben, als sie Dinkhoffs Namensschild sah. Dinkhoff selbst blieb ruhig. „Bis wir ankamen, war ich ganz still.” Am Tisch des kinderlosen Ehepaars, das die beiden Mädchen aufnahm, brach dann alles aus ihr raus. „Ich habe nur geweint und bin am Tisch vor Erschöpfung und Heimweh eingeschlafen.” Trotz des schwierigen Starts fanden die beiden Mädchen langsam in ihren neuen Alltag. Morgens ging es zur Schule, danach direkt in den Hort und dann wieder nach Hause.
Wenn Dinkhoff vom Hort berichtet, lacht sie auch Jahrzehnte später. Dort habe sie ihren ersten Freund kennengelernt – ganz kindlich und unschuldig, aber das vergisst man nicht, sagt sie. Und die 91-Jährige erinnert sich an das Essen: „Am ersten Tag im Hort gab es Buchteln mit Blaubeeren und Vanillesoße, das kannte ich nicht und das war so lecker.”
Lange habe sie nur positiv von der Verschickung erzählt: von Ausflügen ins nahe gelegene Salzburg, Wanderungen in den Bergen und Mädchen in Dirndl.
Dabei gab es Situationen, die Dinkhoff noch 80 Jahre später nachdenklich machen. So hatten sie und Anneliese während der ganzen Zeit weder ein eigenes Zimmer noch ein Bett. „Wir schliefen einfach zusammen auf dem großen Sofa, das geht doch eigentlich nicht“, sagt sie. Auch daran, dass nicht von Tellern, sondern direkt aus der Bratpfanne gegessen wurde, konnte sie sich schwer gewöhnen.
Und es gab Momente, über die Gisela Dinkhoff jahrzehntelang nicht sprach. „Eines Nachmittags kamen wir aus der Schule, und da war ein weiteres Kind da. Ein Mädchen, es war eineinhalb Jahre alt“, erinnert sie sich. Noch heute fragt sie sich, woher dieses Kleinkind plötzlich kam, auf das sie und Anneliese oft aufpassten.
Und dann ist da noch eine Erinnerung, die Dinkhoff lange weggeschoben hat: Eines Nachmittags klopfte es an der Tür. „Ein Nachbar stand dort – mit zwei Birnen in der Hand.” Der Mann, sagt Dinkhoff, hat sie ins Wohnzimmer gedrängt und auf seinen Schoß gezogen. Panisch habe sie gerufen: „Frau Mair kommt gleich!” Erst dann habe er von ihr abgelassen.
Nach sechs langen Monaten kehrte Dinkhoff zurück. Am Bahnsteig wartete ihre Mutter. Dinkhoff hielt ihren kleinen Koffer in der Hand, das Namensschild war längst verschwunden. „Ich habe nichts erzählt“, sagt sie heute. Kein Wort von den vielen Nächten auf dem Sofa, kein Wort vom Mann mit den Birnen. Ihre Mutter habe sie fest gedrückt. „Ich glaube, sie war einfach nur froh, dass ich wieder da war.“
Heute hat sie ihren Frieden damit gemacht: „Ich war dort sicher, aber es war eben nicht mein Zuhause”, sagt sie. Jahrzehnte später hat sie ihrem Mann den Ort der Verschickung gezeigt, die Straße und das Haus gab es noch immer. Neue Heimat 21 lautet die Adresse – doch für Dinkhoff war es immer nur eine auf Zeit.