Sylt  „Nord Nord Mord“: Stephan A. Tölle über Karl-May-Küsse und den Hollywood-Star auf seiner Schule

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 08.05.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Küstenkriminalist: Stephan A. Tölle spielt bei „Nord bei Nordwest“ und bei „Nord Nord Mord“ mit und gibt jetzt auch noch ein Gastspiel in „Stralsund“. Foto: J. Nemitz
Küstenkriminalist: Stephan A. Tölle spielt bei „Nord bei Nordwest“ und bei „Nord Nord Mord“ mit und gibt jetzt auch noch ein Gastspiel in „Stralsund“. Foto: J. Nemitz
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Stephan A. Tölle spielt in „Nord Nord Mord“ und „Nord bei Nordwest“. Im Interview erzählt er von seiner Zeit als Straßenkünstler und singt ein Loblied auf das Handwerk der Landes- und Freilichtbühnen.

Wenn ein TV-Krimi an der Küste spielt, ist Stephan A. Tölle dabei. Auf Sylt gehört er als Herr Schneider zum „Nord Nord Mord“-Team um Kommissar Sievers. In den „Nord bei Nordwest“-Filmen ist der Bestatter Töteberg. Jetzt übernimmt er auch noch eine Episodenrolle im neuen „Stralsund“-Krimi „Blutgeld“. (Sendetermin: ZDF, Samstag, 10. Mai 2025, 20.15 Uhr, schon jetzt in der Mediathek.)

Dass er mal der Vorzeige-Beamten der Nordkrimis sein würde, war Stephan Tölle nicht in die Wiege gelegt. Sein Berufswunsch lautete: Jongleur. Und tatsächlich hat er sich über Jahre sein Geld als Straßenkünstler verdient. Im Interview erzählt der 49-Jährige von seinem Karrierestart, einer Kussszene bei den Karl-May-Festspielen und von einer inzwischen sehr berühmten Kollegin aus seiner Theater-AG.

Frage: Herr Tölle, im Fernsehen sind sie Polizist, Bestatter und jetzt ein Finanzbeamter. Was ist Ihnen am nächsten?

Antwort: Ich liebe Uniformen, schon immer. Aber als Polizist wäre ich zu schissig. Vom Bestatter unterscheidet mich, dass ich in meinem ganzen Leben keinen Toten gesehen habe. Ich bin auch nicht scharf darauf. Und als Finanzbeamten sehe ich mich auch nicht. Was mir gefällt, ist das Rollenfach: der Beamten-Typ mit kleinem Abgrund.

Frage: Aber wie sind Sie da reingeraten? Angefangen haben Sie, höre ich, mit Jonglage und dem Berufswunsch Zirkus.

Antwort: Mein Vater war Familienrichter. Vielleicht ist es Prägung. Aber es stimmt: Mit zwölf Jahren habe ich in Südfrankreich jonglieren gelernt. Am liebsten wäre gleich mit dem französischen Familienzirkus weitergezogen. Stattdessen bin ich auf Familienfeiern aufgetreten. Dann habe ich Straßentheater gemacht, auch Straßenmusik. Als Schüler sind wir zu fünft im ganzen Münsterland aufgetreten und an der Ostsee von Scharbeutz bis Grömitz. Wir hießen damals „Die flinken Pfoten“. Das war meine Schauspielschule.

Sehen Sie hier den Trailer zu Stephan A. Tölles Auftritt in der „Stralsund“-Episode „Blutgeld“:

Frage: Wie viel Geld bleibt übrig, wenn man beim Straßentheater durch fünf teilt?

Antwort: Was man mit dem Hut sammelt, ist die ehrlichste Form der Gage. An der Ostsee haben wir immer so eine Woche lang gespielt und am Ende um die 1000 Mark gehabt – geteilt durch fünf. Zweimal ist uns das Einrad geklaut worden. Da war die Kohle wieder weg. Wie man auf Zwischenrufe reagiert, wie man die Leute bei der Stange hält – das haben wir da alles gelernt. Und ich habe es lange gemacht: von der achten Klasse bis zum ersten Theaterengagement mit Anfang 20.

Frage: Waren Sie in der Theater-AG auf der Schule oder immer nur auf der Straße?

Antwort: Auch in der Theater-AG. Wir hatten einen ganz tollen Lehrer: Manfred Molitor. Ich war auf dem Brentano-Gymnasium in Dülmen. Im Jahrgang über mir war Franka Potente, die war auch in unserer AG. Ein dritter Mitschüler, Makke Schneider, ist auch Schauspieler geworden – alle auf unterschiedlichen Wegen. Franka hat an der Otto-Falckenberg-Schule in München studiert. Makke hat es nach 15 Vorsprechen in Graz geschafft. Ich war mit meiner Prüfungsangst für die staatlichen Schauspielschulen verloren und habe eine Privatschule in Hamburg besucht. Trotzdem haben wir es geschafft. Wir verdienen unterschiedliches Geld, können aber alle davon leben. Toll.

Frage: Franka Potente hat dann sehr schnell Karriere gemacht und mit Matt Damon und Johnny Depp gedreht. Sie waren am Landes- und im Freilichttheater. Fällt es schwerer, mit den eigenen Erfolgen zufrieden zu sein, wenn man die Mitschülerin derart durchstarten sieht?

Antwort: Franka ist Westfälin durch und durch. Die lässt den Erfolg nicht so raushängen. Zweifel an meiner Jonglage hatte eher meine Schauspiellehrerin: Margot Höpfner, eine ältere Dame, die wollte mich zum klassischen Theater bringen. Die fand das Straßentheater schrecklich. Ich wollte natürlich auch zum Theater. Und zum Film. Als Kind habe ich die Stars der „Unendlichen Geschichte“ bei „Wetten, dass ...?“ gesehen. Genau da wollte ich auch hin: aufs Wettsofa.

Neuer Sylt-Krimi: Auch in der „Nord Nord Mord“-Folge „Sievers und der tiefe Schlaf“ ist Tölle wieder dabei.

Frage: Stattdessen …

Antwort: … bin ich direkt nach der Schule an die Landesbühne Rheinland-Pfalz gegangen und habe Komödien gespielt. Parallel habe ich mit bei Castings beworben, aber das hat alles nicht geklappt. Jahrelang hatte ich keinen einzigen Drehtag. Als ich dann von Bonn nach Hamburg kam, habe ich Jochen Freydank kennengelernt, der gerade den zweiten „Nord bei Nordwest“-Krimi gedreht hat. Der hat mich für die Rolle des Bestatters Töteberg vorgeschlagen. Kurz danach kam der Polizist Schneider aus „Nord Nord Mord“ dazu. Das war meine Geschichte und sie hat viel mit mir zu tun.

Frage: Wenn man jonglieren kann – schreiben die Autoren einem das dann ständig ins Drehbuch?

Antwort: Bei dem Bestatter wäre das etwas schräg. Wenn Herr Töteberg mal auf dem Einrad zur Arbeit fahren würde, fände ich es allerdings gut. In „Nord Nord Mord“ habe ich Oliver Wnuk mal ein Geburtstagsständchen auf dem Akkordeon vorgespielt. Und bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg habe ich mit Dynamit jongliert. Es muss sich ergeben.

Frage: Sind die Karl-May-Spiele nicht sowieso recht nah am einstigen Berufswunsch Zirkus?

Antwort: Ja, da bin ich schon eher im komischen Fach. Aber ich habe auch schon den Halunken gespielt. Und einmal Christine Neubauers jugendlichen Liebhaber – was nicht so meine Traumrolle ist. So besetzt mich sonst keiner.

Frage: Warum war die Liebhaberrolle nicht gut?

Antwort: Sowas spielt sich langweilig. Christine Neubauer hat mich geküsst, Jochen Horst hat mich erschossen – dann war ich durch.

Frage: Landes- und Freilichtbühnen sind im Theaterbetrieb womöglich unterschätzt. Wollen Sie mal ein Loblied auf diese Sparte singen?

Antwort: An der Landesbühne Rheinland-Pfalz war mein Leben wirklich wie im Wanderzirkus. Da habe ich Deutschland kennengelernt. Mit acht Schauspielern im Bulli und einem Lkw mit der Technik haben wir die Stadthallen der Republik abgeklappert. Jeden Tag eine andere Bühne, jeden Tag ein neues Publikum. In Kinderstücken habe ich alle Tiere der Weltliteratur gespielt. Und Bad Segeberg ist jetzt einfach sehr, sehr groß.

Frage: Was bedeutet das handwerklich?

Antwort: Man verbringt eine laue Sommernacht mit siebeneinhalbtausend Leuten und ich sage mir dann immer: Jetzt muss ich einem Zuschauer da ganz oben meine Geschichte erzählen, und das so, dass ich ihn und alle anderen im Sack habe.

Frage: Wenn Sie alle Tiere der Weltliteratur gespielt haben: Was können Sie am besten? Säuger, Vögel, Reptilien?

Antwort: Ich habe Wawa den Waran aus „Urmel“ gespielt, ein Rentier auch, und ich war der Rabe Abraxas aus der „Kleinen Hexe“. Ich glaube, als Rabe bin ich gut. Da bin ich sogar Einrad gefahren.

Frage: Zu Shakespeares Zeiten war das Theater beides zugleich: Rummelplatz und Hochkultur. Heute ist das verloren gegangen. Was kann das Staatstheater von den Freilichtspielen lernen?

Antwort: Ich liebe den Gedanken vom Volkstheater. Ich finde es gut, wirklich Theater fürs Volk zu machen, gerade wenn man subventioniert ist. Die Zeit, in der man das Publikum mit Geschrei und Nackten vergrault hat, sind sowieso vorbei. Früher hieß es gern mal: Heute spielen wir das Theater leer, weil wir so progressiv sind. Das fand ich schon immer falsch. Wenn keiner kommt, bringt die beste Kunst nichts. Kollegen frage ich immer als Erstes: Wart ihr gut besucht?

Der „Mills Mess“-Trick: Stephan A . Tölle zeigt, was er mit drei Äpfeln anstellen kann:

Frage: Herr Tölle, eins muss ich noch wissen: Gibt es einen richtig schwierigen Jonglage-Trick? Und wenn ja: Beherrschen Sie ihn?

Antwort: Es gibt den Mills Mess. Das ist ein Trick mit drei Bällen, bei dem man sich ziemlich die Arme verknotet. Den beherrsche ich tatsächlich. Tricks sind die eine Schwierigkeit, das andere ist die Masse. Ich kann mit drei, vier, fünf und ein bisschen auch noch mit sechs Bällen jonglieren. Bei Keulen schaffe ich gerade so fünf. Der Weltrekord liegt, glaube ich, bei elf Ringen oder neun Bällen. Davon bin ich weit entfernt.

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