Osnabrück Kai Diekmann: „Dabei war die Bild-Zeitung zu Hause ein absolutes No-Go“
Keiner war vor ihm so lange Chefredakteur von „Bild“, Deutschlands großer Boulevard-Zeitung. Und kaum einer hat die deutsche journalistische Landschaft derart geprägt wie Kai Diekmann. Sein Weg nach oben war nicht immer schnurstracks, aber stets konsequent. Ein Wegbegleiter erinnert sich.
Als ich Kai Diekmann einst in Hamburg kennenlernte, hatte er lange Haare, die er gern mit einer Krokodil-Haarspange zusammenfasste. Er dachte sehr schnell, redete noch schneller und lachte sehr viel. Manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, er spreche zunächst eher mit sich selbst. Wenn man dann zuwartete, war er schon zum nächsten Topic gesprungen.
Dieser deutsche Journalist war seiner Zeit oft voraus - und ist es oft immer noch. Nur die so charmante Krokodil-Haarspange braucht es nicht mehr. Die Frisur ist heute eine kürzere, weit über dreißig Jahre später. Und wir schrieben schon lange nicht mehr auf mechanischen Schreibmaschinen, bei denen immer irgendein Buchstabe hakte.
Kai Diekmann, Jahrgang 1964, wurde in Ravensburg geboren. Er wuchs in Bielefeld in einer bürgerlichen Familie auf. Die Eltern waren stets gastfreundlich und langmütig. Er besuchte die katholische Marienschule der Ursulinen, als einer der wenigen Jungs in dieser Bildungsanstalt.
Das hinderte Kai Diekmann nicht daran, seine erste journalistische Station zu erobern, die Schülerzeitung „Passepartout“. Schon früh positionierte er sich im Gegensatz zu vielen anderen jugendlichen Freunden politisch konservativ.
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„Der Bundestags-Wahlkampf 1980 war besonders polarisierend, denn Franz-Josef Strauß, FJS, war Kanzlerkandidat der CDU/CSU“, erinnert sich Kai Diekmann. „Und ich wollte ein Zeichen setzen gegen den Links-Trend meiner Generation.“
Dieses Zeichen zu setzen gelang ihm im Laufe seiner Karriere immer wieder. Ohne es zu wissen, kreuzten sich die Wege von Kai Diekmann und jene des Autors dieses Porträts indirekt: Während der eine etwa für den NATO-Doppelbeschluss war, besetzte der andere Häuser in Göttingen. Dort befreundete er sich mit dem späteren Spitzen-Grünen Jürgen Trittin, der wiederum in Bild gern mal zum bösen grünen Buben stilisiert wurde, was der Politiker stets als Auszeichnung empfand. Die Welt ist klein.
Das nächste Zeichen nach dem Abitur: Kai Diekmann verpflichtete sich zum Wehrdienst für zwei Jahre. „Die Panzerartilleriekompanie, der ich zugeteilt wurde, stellte sich aber als großes Missverständnis heraus,“ erklärt Kai Diekmann lachend im Gespräch mit unserer Redaktion.
Aus den freien Wochenenden kam er zumeist verspätet in die Kaserne. Als er in eine Pressestelle versetzt wurde, kam dies seinen schon aufgekeimten journalistischen Talenten auch disziplinarisch sehr entgegen.
Der Beginn eines Studiums ist kaum eine Fußnote. Ehe es begann, wurde es beendet. Der junge Diekmann wurde Volontär des Axel Springer Verlages. Genauer: Er landete bei der Bild am Sonntag mit Stationen in der Bild-Parlamentsredaktion in Bonn und dem Springer Auslandsdienst in New York City.
„Dabei war die Bild-Zeitung zu Hause ein absolutes No-Go“, meint Kai Diekmann. „Nur Welt und Welt am Sonntag kamen auf den Tisch.“ Das Blatt mit den großen Buchstaben war seinen Eltern zu krawallig.
Seinen Posten als Parlamentskorrespondent tauschte er 1989 mit dem Chefreporter-Posten bei der Illustrierten „Bunte“ in München. Dessen freiwerdende Stelle übernahm übrigens der Autor. Kai Diekmann hatte ihn empfohlen. Der Beginn einer lang währenden Freundschaft, trotz der einen oder anderen Differenz.
Kai Diekmann kehrte nach einer Stippvisite als stellvertretender Chefredakteur bei der B.Z. zur Bild-Zeitung nach Hamburg als Politikchef zurück. Er entwickelte ausgesprochen enge Drähte ins Kohl‘sche Kanzleramt. Das missfiel dem damaligen Springer-Vorstandsvorsitzendem Jürgen Richter über alle Maßen. Er strafversetzte Kai Diekmann zum Springer-Auslandsdienst.
„Mir wurde schließlich aus dem Verlag signalisiert, ich möge doch mal eine längere Pause einlegen.“ Das machte Kai Diekmann und durchquerte mehrere Länder in Mittelamerika mit dem Jeep. Jürgen Richter musste Springer verlassen. Inzwischen wurde Bild-Chefredakteur Claus Larass Vorstand im Verlag und Kai Diekmann fand sich als Chefredakteur der Welt am Sonntag 1998 wieder.
„Zum 1. Januar 2001 wurde ich schließlich Chefredakteur bei Bild“, stellt Kai Diekmann ungerührt fest.
Damit war er nun einer der mächtigsten Journalisten in Deutschland, wenn nicht Europas. Im Gegensatz zu vielen anderen Kollegen erkannte er sehr früh: „Das Internet hat uns Print-Journalisten nach und nach die Rolle der Gatekeeper im News-Bereich nicht nur streitig gemacht, sondern es hat uns diese Rolle weggenommen.“
Plötzlich waren im neuen Jahrtausend unabhängige, rein digital basierte Portale wie die Huffington Post, Vox.com oder BuzzFeed en vogue. Sogar die altehrwürdige New York Times, die bis dahin noch als digitaler Vorreiter galt, musste im international Aufsehen erregenden „Innovation Report“ selbstkritisch einräumen: „Wir haben es immer noch nicht geschafft, systemische und strukturelle Problem zu bewältigen.“
Neben der nicht optimal gelösten Vernetzung von Print- und Online-Redaktion hatte die NYT mithin den weltweit permanenten und rasanten Siegenzug von Social Media schlichtweg unterschätzt.
In Deutschland eilten Kai Diekmann und Mathias Döpfner, seines Zeichens seit 2002 Springer-Vorstandsvorsitzender, in der deutschen Verlagsbranche voraus. Kai Diekmann konnte 2012/2013 für ein Jahr ins Silicon Valley gehen, um dort von den Mega-Digital-Konzernen sowohl zu lernen als auch funkelnagelneue Geschäftskontakte anzubahnen.
„Da haben wir mehr als nur unsere digitalen Hausaufgaben gemacht“, stellt Kai Diekmann selbstgewiss fest. Bild-Online ist heute eine Macht im Netz. Wurde dieser lange Trip zu Beginn von vermeintlichen Hütern des deutschen Journalismus noch belächelt, mussten sie hinterher kleinlaut einräumen: Er war ein genau richtig gesetzter Schachzug.
Wie jener von 2014 als Springer gemeinsam mit Samsung in Südkorea sehr erfolgreich Upday entwickelte, eine News-Aggregator-Plattform für Smartphones. Daran war Kai Diekmann ebenfalls maßgeblich beteiligt. Im Gegensatz zu manch‘ anderen Springer-Angestellten hat er diesen Umstand jedoch nie an die große Glocke gehängt.
Zweifellos ist ein zu nennender Höhepunkt in Kai Diekmanns Bild-Ära die politische Affäre um den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, zur privaten Kredit-Finanzierung seines Hauses unrichtige Angaben gemacht zu haben. Dazu kamen noch weitere in der Presse erhobene Verfehlungen aus dessen Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident.
Mitte Dezember ließ sich der Bundespräsident dazu hinreißen, auf den Mailboxen von Kai Diekmann und Mathias Döpfner Drohnachrichten zu hinterlassen, mit der Absicht, kritische Berichterstattung zu verhindern.
Kai Diekmann kann sich noch gut erinnern, wo er am 12. Dezember 2011 war, als er seine Mailbox abhörte: „Ich hatte in New York zu tun und dachte „Ach, Du Scheiße“, den Anruf habe ich sofort zur Dokumentation nach Berlin geschickt. Wulff hat sich später bei mir für sein Verhalten entschuldigt. Aber wie heißt es? Man kann die Zahnpasta nicht zurück in die Tube drücken.“
Hans Werner Kilz, langjähriger Chefredakteur von Spiegel und Süddeutscher Zeitung, gab in Sachen der Mailbox-Nachricht zu Protokoll, dass er ein „so törichtes Vorgehen noch bei keinem Spitzenpolitiker erlebt“ habe. Schlussendlich trat Christian Wulff als Bundespräsident im Februar 2012 zurück, nach nur 598 Tagen im Amt.
Wie intern bei Springer vereinbart, übergab Kai Diekmann den Chefredakteurs-Posten bei Bild zum 1. Januar 2016 an die Journalistin Tanit Koch. Kein Chefredakteur war bei dem Boulevard-Blatt so lange an der Spitze und vermutlich wird dies niemandem mehr gelingen. Er war noch ein weiteres Jahr Herausgeber.
„Aber das war keine gute Idee“, resümiert er heute. „Ich fühlte mich, als stünde ich dauernd in der Küche, dürfe aber nicht kochen - in das redaktionelle Tagesgeschäft konnte ich nicht mehr eingreifen.“
Mit unbedingter Konsequenz, die ihn auszeichnet, verließ Kai Diekmann nach insgesamt drei Jahrzehnten Anfang 2017 den Springer-Verlag. Sein Buch „Ich war BILD. Ein Leben zwischen Schlagzeilen, Staatsaffären und Skandalen“ wurde ein Bestseller.
Wer nun dachte, der Ehemann der ebenfalls sehr erfolgreichen Buch-Autorin und Interior-Designerin Katja Kessler - das Paar hat vier gemeinsame Kinder - werde neben diversen Aufsichtsrat- und Vorstandsmandaten privatisieren, sah sich getäuscht.
Nicht nur, dass Kai Diekmann körperlich extrem fit ist, unter anderem badet er im Winter regelmäßig im Eis. Er ist immer noch ein leidenschaftlicher, täglicher Vielleser nationaler und internationaler Medien. Sein Naturell ist und bleibt zutiefst journalistisch, ebenso sein Nachrichten-Instinkt.
Noch 2017 gründete er mit Philipp Jessen, ehemaliger Chefredakteur von Stern-Online, und dem Unternehmer Michael Mronz, Lebenspartner des 2016 verstorbenen FDP-Politikers Guido Westerwelle, die PublicRelations-Agentur Storymachine.
Diese sieht ihr Arbeitsfeld vor allem im Social Media-Sektor und unterstützt etwa CEO‘s als Ghostwriter auf zahlreichen Kanälen. Hier hatten Kai Diekmann und seine Partner eine publizistische Lücke im deutschen PR-Markt entdeckt und höchst professionell besetzt.
Zudem ist Diekmann Vorsitzender des deutschen Freundeskreises Yad Vashem. Schon seit vielen Jahren ist der Journalist ein kompromissloser Unterstützer der Arbeit der internationalen Holocaust-Gedenkstätte.
„Die Erinnerung an den Holocaust und die Lehren, die wir daraus ziehen, sind für jeden Deutschen Verpflichtung. Diesen präzedenzlosen Zivilisationsbruch dürfen wir niemals vergessen“, sagt Kai Diekmann ernst.
Eines steht fest: Für Yad Vashem wird sich Diekmann zeitlebens engagieren: „Ganz sicher.“