Hamburg  Ein Osnabrücker Junge und die zweite Karriere eines SS-Generalmajors

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 01.05.2025 19:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Erst SS-Mann, dann Kinderheimbetreiber: Joseph Goebbels gratuliert Sturmbannführer Hugo Kraas von der SS-Panzerdivision „Leibstandarte Adolf Hitler" zur Verleihung des Ritterkreuzes. Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz
Erst SS-Mann, dann Kinderheimbetreiber: Joseph Goebbels gratuliert Sturmbannführer Hugo Kraas von der SS-Panzerdivision „Leibstandarte Adolf Hitler" zur Verleihung des Ritterkreuzes. Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz
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Ein Osnabrücker Junge wurde in den 1970er-Jahren zur Erholung in ein Kinderheim nach Sankt Peter-Ording geschickt. Jahrzehnte später erfährt er: Der Heimleiter war ein hochrangiger SS-Generalmajor. So erinnert sich der Osnabrücker an seine Verschickung.

Wenn Jürgen Wagner (Name von der Redaktion geändert) an den Sommer nach seinem ersten Schuljahr denkt, legt sich ein Schatten über seine Erinnerungen. Sechs Wochen lang war der Junge aus Osnabrück Anfang der 1970er-Jahre im Kinderkurheim „Seeschloss“ in Sankt Peter-Ording. „Ich kann mich nur bruchstückhaft daran erinnern, und alle Erinnerungen sind negativ”, sagt er. 

Eine Szene hat sich eingebrannt: Im Heim brachen die Windpocken aus und die Kinder mussten tagelang das Bett hüten. Ihnen sollte rektal Fieber gemessen werden, aber ein Junge weigerte sich. „Da kam ein Mann und hat ihm zwei verpasst”, erinnert sich Wagner. 

Was er damals nicht wusste: Der Mann, der das Heim gemeinsam mit seiner Frau betrieb, war kein Unbekannter der deutschen Geschichte. Hugo Kraas war ein ranghoher Nazi, der nach dem Krieg unbehelligt eine zweite Karriere als Leiter eines Kinderheims starten konnte. 

„Dieser Fall ist besonders, weil Kraas zur obersten Führungsriege des NS-Regimes gehörte”, sagt der Historiker Helge-Fabien Hertz. Er hat zu Verschickungsheimen in Sankt Peter-Ording geforscht. Der 1911 geborene Kraas bewegte sich im innersten Machtzirkel des sogenannten „Dritten Reichs” und stand in direktem Kontakt mit Hitler und Goebbels. Hitler schenkte ihm zu seiner Hochzeit sein Buch „Mein Kampf” – mit persönlicher Widmung. 

Bereits 1933 trat Kraas der NSDAP und der SA bei, wenig später folgte der Wechsel in die SS. Dort machte er schnell Karriere: Er war als Untersturmbannführer im SS-Panzergrenadierregiment 2 der berüchtigten „Leibstandarte Adolf Hitler“ beim Überfall auf Polen beteiligt. Ab 1944 war er der letzte Kommandeur der SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ und stieg bis zum Generalmajor auf. Dienstbeurteilungen bescheinigten ihm nationalsozialistisch zuverlässig und tapfer zu sein.

Nach dem Krieg wurde er trotz seiner exponierten Stellung in der SS von einem Hamburger Gericht als „Mitläufer“ eingestuft.

Für ihn öffnete sich damit der Weg zurück ins zivile Leben – und an die Spitze eines Kinderheims. Von 1969 bis 1980 leitete er das Kinderheim „Seeschloss” mit Platz für 70 Kinder.

Seinen weltanschaulichen Überzeugungen blieb er aber offenbar treu. Er gehörte der HIAG an, der Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der ehemaligen Waffen-SS, einer rechtsextremen Vereinigung zur historischen Rehabilitierung von SS-Angehörigen, die zwischenzeitlich vom Verfassungsschutz beobachtet wurde.

„Ich kann mich nicht erinnern, dass Nazi-Gedankengut eine Rolle gespielt hat“, sagt Wagner rückblickend. „Aber ich hätte es ja auch gar nicht begriffen.“ Was er erinnert, sind Essenszwang, endlose Spaziergänge in Zweierreihen am Strand und diktierte Briefe an die Eltern. 

Er sei froh gewesen, endlich wieder zu Hause zu sein. „Als ich wieder am Bahnhof in Osnabrück ankam, ist meine Mutter in Tränen ausgebrochen. Ich muss so krank ausgesehen haben”, erinnert sich Wagner. Beschwerden seines Vaters beim Heim seien ignoriert worden. 

Lange hat er seine Kindheitserlebnisse verdrängt. Erst durch die jüngste Berichterstattung begann er, sich mit seiner eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. „Ich war überrascht, als ich erfahren habe, dass ich in dem Heim von diesem bekannten Nazi war”, sagt er. 

Kraas führte das Heim bis zu seinem Tod, danach übernahm sein Sohn die Einrichtung. Heute stehen auf dem Grundstück Ferienwohnungen. Für mögliche Taten während der NS-Zeit wurde Kraas nie belangt.

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