Kolumne „Artikel 1, GG“  Geschichten, die uns bereichern

Canan Topcu
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Eine Kolumne von Canan Topcu
| 30.04.2025 08:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Unsere Kolumnistin hat auf ihrer Reise durch die USA Catherine getroffen. Sie ist die Tochter eines Holocaust-Überlebenden. Über sein Schicksal ist in Deutschland wenig bekannt.

Henri Borlant. Sie können nichts mit diesem Namen anfangen? Er war eines von 6000 jüdischen Kindern, die 1942 aus Frankreich nach Auschwitz deportiert wurden. Und: Er war das Einzige von ihnen, das überlebt hat. Weder die Person noch die Geschichte, die damit verbunden ist, waren auch mir bis Samstagmorgen bekannt.

Hätten sich mein Mann und ich uns während eines Spaziergangs im Umland von Portland (Oregon) nicht auf ein Gespräch mit einem Mann eingelassen, der sich uns als Thiery vorstellte und uns zum Abendessen einlud, dann hätte ich hier nichts schreiben können von dem Menschen, dem die Nummer 51055 auf seinen Arm tätowiert wurde. Catherine ist die Lebensgefährtin von Thiery – und wie die Namen vermuten lassen, stammen unsere Gastgeber aus Frankreich. Beide leben seit mehr als 20 Jahren in den USA.

Catherine ist die Tochter von Henri Borlant, der den Holocaust überlebte und Arzt wurde. Das erzählte sie mir erst kurz vor unserer Verabschiedung und zeigte dabei ein Buch ihres Vaters: „Merci, d’avoir survécu – Danke, dass Sie überlebt haben!“ Leider sind seine Memoiren nicht ins Deutsche übertragen worden und ich kann kein Französisch. Catherine hat mir versprochen, mir mehr von ihrem Vater und ihrer Familiengeschichte zu erzählen. Sie kann gut Deutsch. Ihre Mutter ist nämlich Deutsche.

Es sind – neben den vielen schönen Landschaften in den USA, die wir gesehen haben – vor allem die Begegnungen und die oft intensiven Gespräche über Lebensgeschichten, die unsere Tour durch dieses verrückte Land lohnenswert gemacht haben. Nach sechs Monaten ziehen wir Bilanz: Wir verlassen die USA nach rund 25.000 Kilometern um etliche Tausend Dollar ärmer, aber um unbezahlbare Erfahrungen reicher.

Der Abend mit Thiery und Catherine, der Tochter eines Holocaust-Überlebenden, gehört zweifelsohne dazu; wir haben mit uns kaum bekannten Menschen sehr viel gelacht und auch getrauert.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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