Osnabrück Verheizt, vermisst, vergessen: Wie ein Soldat in die Hölle des Weltkriegs geworfen wurde
Seit 1942 vermisst, seit vergangenem Jahr offiziell tot: In unserer Serie gehen wir dem Schicksal des Wehrmachtsoldaten Theodor Stavermann nach. Der 21-Jährige wird Ende 1942 an die Front kommandiert – die zu jener Zeit von der Roten Armee überrollt wird.
Als der erst kürzlich für tot erklärte Theodor Stavermann im Januar 1942 von seinem Arbeitsplatz weg in die Wehrmacht eingezogen wird, hat er zunächst Glück. Seine Einheit gehört der 306. Infanteriedivision an, die im Norden Belgiens stationiert ist. Keine Grabenkämpfe, keine Panzerattacken: Die Division ist im Wesentlichen mit Küstenschutz und Ausbildung befasst. Ein vergleichsweise ruhiger, ungefährlicher Posten. Der 20-jährige Theodor kommt zunächst in eine Infanteriegeschütz-Ersatzkompanie, später ins Infanterieregiment 580.
Zweieinhalbtausend Kilometer weiter östlich verläuft die Front zu jener Zeit mitten durch die Ukraine. Im Sommer 1942 startet die Wehrmacht von dort aus ihren zweiten Anlauf, die Sowjetunion zu unterwerfen, nachdem der „Blitzkrieg“ des Vorjahres vor Moskau gescheitert war. Diesmal sind die Ölfelder im Süden Russlands das Ziel – und Stalingrad. Die Offensive schreitet in den kommenden Monaten voran, allerdings unter hohen Verlusten. Die Front braucht dringend Verstärkung, und für Theodor ist die Zeit der Ruhe vorbei.
Am 21. Oktober wird die 306. in eine Angriffsdivision umgewandelt, und Theodor ist nun kein einfacher Infanterist mehr, sondern Grenadier; sein Regiment wird zum Grenadierregiment 580. Zumindest auf dem Papier; solche Umbenennungen erfolgen zu jener Zeit an vielen Stellen und sollen vor allem die Moral der Truppe heben: Grenadier klingt kampfkräftiger. An Theodors Ausbildung und Ausrüstung dürfte sich auf die Schnelle nicht viel geändert haben.
Als Theodors Regiment am 26. November im belgischen Gent in den Zug steigt, ist die 6. Armee in Stalingrad bereits eingeschlossen. Seit Tagen läuft die großangelegte Gegenoffensive der Roten Armee gegen die ausgedünnte deutsche Front. Die 306. Division wird der eilig zusammengestellten Kampfgruppe Hollidt zugeteilt, die den Kessel von Stalingrad aufbrechen soll. Theodor, der bis dahin höchstwahrscheinlich noch nie ein Gefecht erlebt hat, gehört zu jenen Soldaten, die die sich anbahnende Katastrophe verhindern sollen.
„Auf dem Transport herrschte trübe Stimmung in den Waggons“, erinnert sich der Pionier Friedrich Jakob Schruff, der ebenfalls zur 306. Division gehörte, später. „Man gedachte immer wieder der schönen Tage der Besatzung in Belgien und Frankreich.“ Die Verlegung an die Ostfront nimmt Wochen in Anspruch. „In Brest-Litowsk wurde unsere Stimmung nicht besser, hing doch fast an jedem Mast ein Erhängter“, schreibt der 1987 verstorbene Schruff in seinen Erinnerungen.
Kurz vor Weihnachten, in der Nacht zum 21. Dezember 1942, kommt Theodor mitten in der Hölle des Kriegs an. Von einem Vorstoß nach Stalingrad ist da keine Rede mehr: Die Front befindet sich in voller Auflösung, nachdem wenige Tage zuvor starke Verbände der Roten Armee über den zugefrorenen Don vorgerückt sind und dort eingesetzte italienische Truppen in die Flucht geschlagen haben. Die in diesen Tagen stückweise eintreffenden Teile der 306. Division sollen nunmehr die Frontlücken stopfen, die unerfahrenen Soldaten die gewaltige Übermacht aufhalten.
Vom Bahnhof Morosowskaja, 200 Kilometer vor Stalingrad, werden Theodor und seine Kameraden sofort nach Ankunft – mitten in der Nacht, im Schnee und unter starken Luftangriffen – in Marsch gesetzt; erst zu Fuß, dann mit Bussen. Richtung Norden, direkt an die Front oder das, was davon noch übrig ist. „Bustüren auf – und direkt ins Sperrfeuer“, beschreibt Kerstin Ullrich die Lage, in der sich die Soldaten der 306. Division wiederfanden, darunter ihr Großvater. Die Münsteranerin hat sich, als sie nach dessen Verbleib forschte, intensiv mit der Geschichte der Einheit beschäftigt.
Einige der zuvor eingetroffenen Abteilungen der 306. Division sind bereits am 21. Dezember „vollkommen aufgerieben“ worden, wie der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) später in einem Gutachten zu Theodors Schicksal schreibt. Als der junge Soldat aus Georgsmarienhütte aus dem Zug steigt, hat er nur noch Stunden zu leben.
Die Überlebenden der Angriffe stoßen bei Nischni Astachow, einem Dörfchen etwa 100 Kilometer nördlich Morosowskajas, auf den Rest der 306. Division – darunter mit einiger Wahrscheinlichkeit auch Stavermanns Regiment, das noch dabei ist, Abwehrstellungen zu errichten, als am 22. Dezember die sowjetischen Panzer kommen und die Truppen überrollen. Pionier Schruff berichtet von Verwundeten, die in einem Dorf zurückgelassen werden mussten und in den in Brand geschossenen Häusern umkamen. „Nur wenige Soldaten“, schreibt das DRK, „konnten am Abend im Schutz der Dunkelheit entkommen“.
Und noch weniger schaffen es zurück nach Morosowskaja. Viele, die den eigentlichen Kampf noch überlebt hatten, hätten „während des Rückzugs durch das tiefverschneite, deckungslose Gelände den Tod gefunden, ohne daß es von Kameraden gesehen wurde“, schreibt das DRK.
Mehr als 1000 Soldaten der Division werden allein nach diesem Dienstag vermisst, das 580. Regiment hat es besonders schwer getroffen. Unter den Vermissten: der Gefreite Theodor Stavermann, der erst wenige Wochen zuvor 21 Jahre alt geworden war. Im Wehrmachtsbericht heißt es am nächsten Tag nur: „Bei erneuten vergeblichen Angriffen zwischen Wolga und Don und in Stalingrad erlitten die Sowjets hohe Verluste.“
Zehn Wochen später, im Februar 1943, bekommt Theodors Vater Heinrich Stavermann die Vermisstenmeldung.
Aber wo liegen die Überreste Theodor Stavermanns? Dieser Frage gehen wir im finalen Teil unserer Serie nach, die Sie am Montag um 8 Uhr an dieser Stelle lesen.