Osnabrück Superkraft Kreativität – bis ins hohe Alter: Wie uns Pablo Picasso lehrt, aktiv zu bleiben
Sein Museum in Münster feiert 25. Geburtstag, Pablo Picasso selbst scheint Ewigkeitswert zu haben. Was macht die Magie des Kunststars aus – und wie wird sich das Kunstmuseum Pablo Picasso weiter entwickeln? Museumsdirektor Markus Müller erklärt es.
25 Jahre nach seiner Gründung hat sich Kunstmuseum Pablo Picasso in Münster von seinem Namenspatron ein Stück weit emanzipiert. Auch wenn der spanische Jahrhundertkünstler weiterhin im Mittelpunkt des Programms steht, geht das Haus in der City der westfälischen Metropole längst thematisch komplexere Wege. Museumsdirektor Markus Müller dirigiert das Museum diskret und zugleich thesenstark. Im Gespräch sagt er, wie sich das Haus weiter entwickeln soll und warum uns Pablo Picasso auch im 21. Jahrhundert noch jede Menge zu sagen hat.
Frage: Das Kunstmuseum Pablo Picasso wird 25 Jahre alt. Wie feiern Sie diesen Anlass?
Antwort: Der Geburtstag hat mehrere Zündstufen. Wir zeigen zum Geburtstag des Hauses eine große Ausstellung mit Werken Marc Chagalls und hatten dann die Freude, eine große Schenkung mit Werken des Künstlers aus der Hand seiner Enkelin Meret Meyer entgegennehmen zu dürfen. Danach präsentieren wir eine Ausstellung mit Fotos jener Künstler, die in unserem Haus versammelt sind, also über Pablo Picasso hinaus noch Fotos von Chagall, Henri Matisse, Georges Braque und anderen. Wir wollen den Menschen hinter dem Werk ergründen. Im Herbst folgt dann eine Ausstellung mit Werken von Barbara Hepworth, die kurzzeitig mit Picasso in Verbindung stand. Endlich die monografische Ausstellung einer Frau in unserem Haus.
Frage: Wie sieht Ihr ganz persönlicher Rückblick auf 25 Jahre Picasso-Museum aus?
Antwort: Wenn ich auf die Liste unserer Ausstellungen schaue, dann denke ich, dass dieses Museum eigentlich sehr jung ist. 25 Jahre sind für ein Museum ein Klacks.
Frage: Münster ist im deutschen Fernsehen gleich mit zwei äußerst erfolgreichen Krimi-Formaten präsent, mit dem Tatort und dem Format „Wilsberg“. Was das Kunstmuseum Pablo Picasso schon einmal Drehort für einen Krimi?
Antwort: Es würde sich anbieten, hat aber noch nicht stattgefunden. Ich weiß auch nicht, ob ein Mord der ultimative Adelsbrief für dieses Museum wäre. Wir sind in dieser Hinsicht noch ein ganz unschuldiges Museum.
Frage: Wie steht das Picasso-Museum als monografisches Museum in der deutschen Museumslandschaft?
Antwort: Der ehemalige französische Kultusminister Jean-Jacques Aillagon bezeichnete monografische Museen einmal als kunsthistorische Ghettos. Das mag in dem einen oder anderen Fall sogar zutreffen. In unserem Fall fände ich das übertrieben. Picasso ist in allem und alles ist in Picasso. Insofern ist ein Picasso-Museum eigentlich ein Universalmuseum, das sich mit Kunst aus unterschiedlichen Epochen beschäftigen kann. Biografien des Künstlers sprachen vom „Jahrhundert Picassos“. Er war Revolutionär und Alter Meister zugleich. Unser Haus kann sich also in alle möglichen thematischen Richtungen öffnen.
Frage: Dazu trägt sicher auch, dass Ihr Haus seit der Gründung viele weitere Sammlungsbestände erworben hat…
Antwort: In der Tat, die Sammlungspolitik des Hauses hat es erlaubt, vielfältige Kontexte zu Picasso darstellen zu können. Sehr schnell nach der Gründung kam die Suite Vollard, die berühmte Grafik-Serie Picassos hinzu, schon 2002 die Stiftung des Essener Sammlerpaares Classen mit einer Kollektion von Künstlerbüchern von Aristide Maillol bis Alfred Manessier. Weiterhin sind Werkkonvolute von Braque und Matisse hinzugekommen. Was Werke auf Papier dieser beiden wichtigen Künstler der klassischen Moderne angeht, verfügen wir immerhin über die jeweils größte Kollektion unter den deutschen Museen. Wir haben ebenso Werke von Joan Miró oder eben jetzt von Chagall hinzubekommen. Man muss fast schon aufpassen, dass der Proporz zu Picasso noch stimmt. Ja, wir sind ein monografisches Museum, zugleich haben wir diese Ausrichtung aber auch überwinden können. Wir zeigen viel mehr als nur Pablo Picasso.
Frage: Diese Erwerbungen stützen sich auf die Kreditinstitute und Versicherungen, die das Konstrukt der Stiftung darstellen, das hinter dem Museum steht. Wird diese Konstellation stabil bleiben?
Antwort: Absolut. Diese Konstruktion trägt uns in die Zukunft. Wir leben von der Gunst unserer Stifter und Förderer, die uns gerade bei den Neuerwerbungen wesentlich geholfen haben, indem sie diese Erwerbungen finanzierten. Um ein solches Museum vital zu halten, geht es darum, mit neuem Bestand auch immer wieder frische Impulse zu geben.
Frage: Diese neuen Bestände sind aber im Besitz der Kreditinstitute geblieben und insofern Dauerleihgaben, nicht?
Antwort: Ja, das sind Dauerleihgaben. Wir haben aber keine Sorgen um die Zukunft. Diese Kunstwerke werden langfristig im Kunstmuseum Pablo Picasso bleiben. Präzedenzfälle, bei denen Dauerleihgaben aus Museen abgezogen wurden, spielen für unser Haus keine Rolle. Das wäre gegen die strategische Ausrichtung der Stiftung und der Institutionen, die sie stützen. Die wahren Wertpapiere sind eben keine Aktien, sondern Werke der klassischen Moderne auf Papier.
Frage: Der größte Wert des Museums ist Pablo Picasso, ein Name wie eine Marke. Wie lange wird die Strahlkraft seines Namens anhalten?
Antwort: Die Strahlkraft hat wohl schon etwas nachgelassen. Es gibt keinen Geigerzähler für Renommee und Reputation. Er würde für Picasso wohl nicht mehr so stark ausschlagen wie noch vor Jahrzehnten. Pablo Picasso ist etwas entmystifiziert worden. Frühe Biografen Picassos waren seine Zeitzeugen. Sie haben sein Loblied gesungen. Jüngere Forscher haben einen größeren Abstand zu Picasso, sie fragen nach.
Frage: Um welche Themen geht es dabei?
Antwort: Heute wird das Leben Picassos und insbesondere sein Umgang mit Frauen kritischer gesehen. Die postkolonial Inspirierten beschäftigen sich mit seinem Umgang mit Kunst aus kolonialem Kontext. All das wird dem Mythos Picasso aber keinen Abbruch tun. Die kleinen Unschönheiten sind ja spannender als die glatte Oberfläche, die niemanden reizt. Der Blick auf Picasso wird differenzierter. Das zeigen auch Ausstellungen mit vielfältigen Themen zu diesem Künstler. Es ist nicht mehr die Zeit für die großen Picasso-Retrospektiven, wohl aber die Zeit für genauere Blicke auf Themen, die sich mit ihm stellen.
Frage: Warum wird Pablo Picasso auch in den nächsten Jahren spannend sein?
Antwort: Mit Picasso verbindet sich, was Apple vor Jahren als Werbeslogan herausgebracht hat: Think different. Apple versammelte unter diesem Slogan große Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Als einziger bildender Künstler war Pablo Picasso dabei. Er bleibt bestehen als unerreichter Maßstab für ungebrochene Kreativität bis ins hohe Alter. Eine Gesellschaft wie die unsere, die erkennbar altert, müsste einen Menschen, der bis zum Vortag seines Todes kreativ war und den Zweifel nicht kannte, doch weiterhin hoch anziehend finden. Diese Kreativität gilt für alle Bereiche des menschlichen Lebens.
Frage: Gibt es dafür Beispiele?
Antwort: Ja, ich erinnere mich an einen wissenschaftlichen Kongress, in dessen Rahmen auch der Besuch einer Picasso-Ausstellung auf dem Programm stand. Ein Chemiker betrachtete Picassos Stier-Serie und sagte voll Bewunderung: Das ist das, was wir auch machen, vom Komplexen zum Einfachen gehen. Für ihn war diese Serie das Musterbeispiel einer Leistung abstrakten Denkens, die man auch in den Naturwissenschaften erbringen muss, wenn man als Forscher schöpferisch sein möchte. In dieser Hinsicht überstrahlt Picasso alles.
Frage: Wie viele Menschen sind eigentlich bislang in das Picasso-Museum gekommen?
Antwort: Wir haben schon vor Jahren die Zahl von 1,5 Millionen Besuchern gefeiert. Täglich werden es mehr. Das gilt gerade für die aktuelle Ausstellung mit Werken Marc Chagalls, die sehr gut angenommen wird. Eine Ausstellung mit Werken aus der Sammlung des Picasso-Museums in Antibes hat 2005 mit 90.000 Besuchern die Rekordmarke unseres Hauses markiert. Auch Chagall trifft immer auf großes Interesse. Unsere Schau mit Werken von Chagall zur Bibel vor Jahren zog rund 80.000 Menschen in unser Museum.
Frage: Kommt Chagall bei den Besuchern womöglich besser an als Pablo Picasso?
Antwort: Chagall liegt hoch in der Gunst des Publikums, weil er als Mensch und Künstler weit ausgewogener als Picasso war. Dessen Zerrissenheit, ja zeitweise Brutalität stellt Betrachter auch vor Herausforderungen. Chagalls Vorteil liegt auch darin, dass er unterschiedliche Leseniveaus anbietet. Man kann ihn politisch verstehen, ihn aber auch als Melancholiker entdecken. Bisweilen wird er als Mozart der Malerei bezeichnet. Chagall ist ebenso wie Picasso ein universeller Künstler. Er versöhnt allerdings, während Picasso polarisiert.
Frage: Wer sind die Menschen, die in Ihr Haus kommen?
Antwort: Die ändern sich von Ausstellung zu Ausstellung. Das Publikum Chagalls ist ein anderes als jenes, das Henri Matisse bevorzugt. Wir wissen, dass unser Einzugsgebiet zwischen Bremen und Bielefeld, zwischen Rheinland und den Niederlanden liegt. In guten Jahren erreichen wir rund 75.000 Besucher oder mehr. Das ist ein guter Wert für ein Haus der Grafik. Allerdings haben wir uns aus dieser Nische ja auch herausgearbeitet. Wir haben als Grafik-Museum begonnen, nennen uns allerdings seit 2010 Kunstmuseum Pablo Picasso. Diesen Schritt unterstützte damals noch Claude Picasso, der 2023 verstorbene Sohn des Künstlers. Danach hatten wir es leichter, Leihgaben aus anderen Bereichen wie jenen der Malerei und der Skulptur zu bekommen und die Grafik dadurch in einen anderen Kontext zu stellen.
Frage: Gibt es neue Besucherschichten, die Sie erreichen möchten?
Antwort: Man ist in einem Museum gut beraten, solche Ziele nicht isoliert zu betrachten und dabei nur Zahlen und Zielgruppen anzuschauen. Wichtig ist, was wir zeigen. Ein gutes Konzept einer Ausstellung ist die beste Werbung. Wir wollen Ausstellungen machen, die einen Erkenntniswert aufweisen und auf mehreren Niveaus gelesen werden können. Wir treten unseren Besuchern nicht mit erhobenem Zeigefinger entgegen. Wir wollen aber auch kein bloßer Jahrmarkt sein, wollen nicht plakativ werden. Damit bindet man keine Besucher. Das zeigen auch neuere Untersuchungen zum Besucherverhalten. Die Bindung ist rückläufig. Viele Leute schauen von einem Schlüsselreiz zum nächsten. Diese Haltung dominiert das Konsumentenverhalten.
Frage: In welche Richtung möchten Sie das Picasso-Museum weiter entwickeln?
Antwort: Ich habe keine Masterpläne, sondern eine lange Liste von Projekten, die ich noch machen möchte und die zum Haus passen. Das Wichtigste ist, die eigene Flughöhe nicht zu verlassen, weil man nach der Quote schielt. Das Qualitätsniveau soll immer klar sein, das wollen wir unbedingt halten. Da stellt schon der Name Pablo Picasso einen hohen Anspruch. Sein durchdringender Blick ruht immer auf uns und auf dem, was wir machen.
Frage: Welchen persönlichen Wunsch haben Sie für die nächsten Jahre?
Antwort: Ich möchte gestalten können. Mich hat auch das Theater immer gereizt. Ein Stück weit öffnen wir auch immer hier den Vorhang für ein Spektakel. Museumsarbeit hat eine intellektuelle Seite, jene der Konzeption, aber auch den Aspekt des Theatralischen und es ist immer spannend, dann zu schauen, ob das Publikum mit Applaus oder Gähnen reagiert.