„Gerechtigkeit für Lorenz“ Tödliche Schüsse in Oldenburg – Demo am Freitag
An Ostern wurde ein 21-Jähriger in Oldenburg von der Polizei erschossen. Freunde und Angehörige rufen jetzt zur Demo auf und fordern eine Aufklärung des Falls.
Oldenburg - Mindestens vier Schüsse hat ein Oldenburger Polizist in der Nacht zu Sonntag auf den 21-jährigen Lorenz abgegeben: Ein Schuss traf den jungen Mann an der Hüfte, einer am Oberkörper, einer am Kopf. Der vierte Schuss streifte den Oberschenkel. Drei der Schüsse trafen Lorenz von hinten, so das Obduktionsergebnis. Der Schock sitzt nicht nur in Oldenburg tief. Gerade in Sozialen Medien äußern sich viele, solidarisieren sich mit dem Opfer und seinen Angehörigen, kritisieren die Polizei. Oder positionieren sich genau gegenteilig und teilweise offen rassistisch. Die Emotionen kochen hoch.
Freunde, Angehörige und weitere Oldenburger rufen nun zur Demonstration auf. Diese soll am Freitag, den 25. April 2025, um 18 Uhr auf dem Oldenburger Pferdemarkt beginnen. Die Demonstration wird organisiert von der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“. Im Aufruf wird klar, dass die Organisatoren starke Zweifel an der offiziellen Darstellung durch die Polizei haben. „Es zeigt sich immer wieder: Polizeieinsätze enden tödlich, wenn migrantisierte Menschen, BIPoCs [Black, Indigenous, and People of Color (Schwarze, indigene und farbige Menschen); Anm. d. Red.] und Schwarze Menschen betroffen sind. Es handelt sich nicht um Einzelfälle – im Gegenteil“, heißt es unter anderem im Aufruf.
Tödliche Schüsse aus Polizeiwaffe: So stellt die Polizei den Fall dar
Laut Darstellung der Polizei lief der Einsatz so ab: Der junge Deutsche soll zunächst vor einer Diskothek Reizgas versprüht und mehrere Menschen leicht verletzt haben. Danach sei er geflohen, wobei er von einigen Menschen verfolgt worden sei. Nach Polizeiangaben brachen diese die Verfolgung ab, weil der Mann mit einem Messer gedroht haben soll.
Als Streifenpolizisten den 21-Jährigen stellen wollten, ging er laut Polizei „bedrohlich“ auf die Beamten zu und sprühte Reizgas in ihre Richtung. Daraufhin schoss ein 27-jähriger Polizist mit seiner Dienstwaffe. Der Polizist sei durch das Reizgas verletzt worden, hieß es. Der Polizist ist laut Staatsanwaltschaft vom Dienst suspendiert, ein Verfahren wegen des Verdachts des Totschlags sei eingeleitet worden. Beides sei in solchen Fällen üblich. Die Ermittlungen hat die Polizei Delmenhorst übernommen.
Debatte um Polizeigewalt: Aufklärung im Fall Lorenz gefordert
Der Fall zieht deutschlandweite Aufmerksamkeit auf sich. Auch die Politik hat schon reagiert. Der polizeipolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Alexander Saade, fordert eine Aufklärung des Falles. „Dass der Mann nach jetzigem Ermittlungsstand von hinten getroffen wurde, wirft schwerwiegende Fragen auf. Diese müssen nun mit aller Ernsthaftigkeit und größter Transparenz beantwortet werden“, heißt es in einer Mitteilung. Nun gehe es um lückenlose Aufklärung unter rechtsstaatlichen Prinzipien, so Saade weiter. „Dazu gehört übrigens auch die Unschuldsvermutung. Vorverurteilungen helfen niemandem – weder der Wahrheit noch der Gerechtigkeit.“ Ähnlich äußerte sich Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD).
Einer der örtlichen Kritiker ist Suraj Mailitafi. In der Tageszeitung „Taz“ äußert sich Mailitafi, der sich auch in der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“ engagiert, unter anderem wie folgt: „Wir brauchen endlich eine ehrliche, mutige Debatte über Polizeigewalt in Deutschland. Eine Debatte, die nicht wegschaut, nicht relativiert und nicht länger schweigt.“ Als Beispiele für Polizeigewalt werden im Aufruf zur Demonstration zwei Beispiele aus Niedersachsen genannt: Qosay Khalaf, der im März 2021 im Polizeigewahrsam kollabierte und starb, nachdem bei der Festnahme Pfefferspray und körperliche Gewalt eingesetzt wurden, und Lamin Touray, der am Karsamstag vergangenen Jahres in Nienburg von Polizisten erschossen wurde. In beiden Fällen kam es nicht zu einer Anklage der beteiligten Polizisten.
DPolG fordert erneut Taser für Streifenpolizisten
Auch die Einsatzausrüstung der Polizei ist erneut Teil der Debatte. Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) bekräftigt jetzt den Einsatz von Tasern. „Wir als Polizei Niedersachsen plädieren für den Taser, auch im Streifendienst“, sagte Patrick Seegers, DPolG-Vorsitzender in Niedersachsen dem NDR. „Aktuell gibt es nur die Schusswaffe, und der Schusswaffengebrauch kann tödlich enden.“ Zwar könne auch ein Taser, also ein Elektroschockpistolen, zum Beispiel bei Herzerkrankungen zum Tode führen. „Er wäre aber eine Möglichkeit, viele Situationen zumindest ohne schwerste Verletzungen oder einen tödlichen Ausgang zu lösen.“
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und auch Innenministerin Behrens hatten sich in der Vergangenheit gegen Taser für Streifenpolizisten ausgesprochen. Anders sieht es die CDU: Man wolle Polizeibeamten „alle nötigen Einsatzmittel an die Hand geben, damit sie in unterschiedlichsten Situationen bestehen können“, teilte der innenpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, André Bock, mit. „Dazu gehört für uns auch der Taser, damit die Polizei ein milderes Mittel als den Schusswaffeneinsatz zur Verfügung hat und somit im Ernstfall Menschenleben gerettet werden können.“ Die CDU wolle eine Unterrichtung im Innenausschuss des Landtags beantragen, um den Fall politisch zu begleiten, so Bock.
Mit Material von DPA