Marburg / Kassel / Göttingen / Uelzen / Hamburg / Wedel  Vier Bundesländer in neun Stunden – für 58 Euro: So reist es sich mit dem Deutschlandticket

Jan Melchior Bonacker
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Von Jan Melchior Bonacker
| 22.04.2025 21:20 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Um 18.16 Uhr steht der Reporter am Wedeler Bahnhof. Hier endet der Selbstversuch. Foto: Jan Melchior Bonacker
Um 18.16 Uhr steht der Reporter am Wedeler Bahnhof. Hier endet der Selbstversuch. Foto: Jan Melchior Bonacker
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Nur mit dem öffentlichen Nahverkehr durch halb Deutschland. Von Marburg in Hessen nach Wedel in Schleswig-Holstein. Dank Deutschlandticket ist das kostengünstig möglich – aber geht das überhaupt? Reporter Jan Melchior Bonacker hat auf dem Heimweg aus dem Osterurlaub den Selbstversuch gewagt.

Was ist wichtiger: Zeit oder Geld? Diese Frage schwirrt Reporter Jan Melchior Bonacker durch den Kopf, als er sich entscheidet, für die Rückfahrt aus dem Osterurlaub keinen ICE zu buchen. Stattdessen verlässt er sich auf das Deutschlandticket für die Fahrt von Hessen nach Schleswig-Holstein. Ein Selbstversuch.

Als ich mich am Marburger Bahnsteig von meiner Mutter verabschiede, ist es 9.20 Uhr. Noch einmal versichere ich mich, dass mein Deutschlandticket in der Bahn-App richtig angezeigt wird. Dann rollt auch schon der Regionalzug nach Kassel ein. Na klasse, denke ich: Die erste Etappe meiner Rückfahrt beginnt an diesem Ostermontag mit einem Bummelzug.

Die Familie hat Tipps abgegeben, wie lange ich brauchen werde: Sieben Stunden, siebeneinhalb, acht. Ich denke, es wird länger dauern. Trotzdem trete ich die Reise guten Mutes an: Dank des Deutschlandtickets ist sie für mich kostenlos – das Ticket habe ich im Abo, seit es 2023 für 49 Euro eingeführt wurde. Dass es seit Januar dieses Jahres 58 Euro kostet, kann ich verschmerzen. Ab 2029 soll der Preis für die bundesweit gültige Nahverkehrskarte aber weiter steigen: CDU und SPD haben angekündigt, ihn „sozialverträglich anzupassen“. Wie genau? Offen.

In der bereits jetzt brechend vollen Bahn riecht es nach Käseflips. Sitzplätze sind keine mehr frei, also lehne ich mich an die Wand bei der Tür und klemme meinen Koffer zwischen die Beine. Bis Kassel sind es anderthalb Stunden – bequem ist anders. Kopfhörer rein. Twenty One Pilots, „Navigating“. Am Fenster rauscht ein ICE vorbei. Mit dem Schnellzug würde ich nur knapp fünf Stunden brauchen, allerdings würde allein das Ticket von Kassel bis Hamburg mindestens 29 Euro kosten. Und das ist der Sparpreis. „Pardon my delay, I‘m navigating, navigating“, singen die Twenty One Pilots.

Um mich herum im Regionalexpress, der an diesem Feiertag wirklich an jeder Gießkanne hält, sitzt, steht und lungert ein Querschnitt der Gesellschaft: Ein langhaariger Metaller, zwei Studenten, eine Mutter mit Kopftuch und Kinderwagen, eine ergraute Dame mit Brille im Haar und zwei gestrandete Radler mit kleinen Rucksäcken und großen Fahrrädern, die sich hier und heute keine Freunde machen. Platz ist rar, mir tun die Füße weh.

Als mir bei Wabern auch noch ein anderer Fahrgast auf den rechten Schuh tritt, habe ich genug. Auch eine niedrige Stufe im Gang kann ein Sitzplatz sein. Vor meiner Abfahrt hat mich eine Bahnmitarbeiterin darauf hingewiesen, dass es heute voll werden würde und ich auch mit Verspätungen rechnen müsse. Das ist ja was ganz Neues bei der Bahn. In Kassel-Wilhelmshöhe kommen wir aber auf die Sekunde pünktlich an.

Erst nach dem Aussteigen wird mir bewusst, dass mein Anschlusszug von Kassel-Hauptbahnhof fährt und nicht von Wilhelmshöhe. Zu früh ausgestiegen. Dann also ein zusätzlicher Umstieg – die S-Bahn zum Hauptbahnhof fährt aber erst in 20 Minuten. Zeit genug für einen Kaffee und ein Stück Gebäck. Nach diesem Imbiss und der kurzen S-Bahn-Fahrt muss ich mich am Hauptbahnhof doch ein wenig beeilen. Mein Anschlusszug entpuppt sich als winzige Bahn der Firma Cantus, natürlich rappelvoll.

Wir passieren die niedersächsische Landesgrenze. Der Akku meines Handys zeigt noch 56 Prozent. Ich beginne, nach Steckdosen Ausschau zu halten, aber im Cantus gibt es anscheinend keine. Auf der Fahrt hört irgendwer laut Techno. Die Geräuschunterdrückung meiner Kopfhörer stößt an ihre Grenzen. Sonst verläuft das Gezuckel durchs malerisch in der Sonne liegende Werratal ereignislos. So ein Fensterplatz ist schon was Feines. Hier wäre der ICE nicht entlang gefahren.

Umstieg in Göttingen verläuft glatt. Der Anschluss-Metronom nach Uelzen rollt auch prompt ein. Fensterplatz und – hurra! – eine Steckdose. Es gibt sogar freies WLAN. Jackpot. Um mich herum das gewohnte Bild: Studenten auf dem Weg zurück vom österlichen Heimatbesuch, allein reisende Senioren, auffallend viele Familien mit kleinen Kindern. Natürlich! Bis sechs Jahre dürfen die ja beim Deutschlandticket kostenlos mitgenommen werden, schießt es mir durch den Kopf.

Ein lautes „Muuuuh“ weckt mich aus einem sanften Halbschlaf. Verwirrt schrecke ich hoch. Das Kleinkind auf dem Sitz gegenüber bekommt von seinen Eltern anhand eines interaktiven Bilderbuchs Tiergeräusche beigebracht. Als dann auch noch der Hahn kräht, bin ich endgültig wach. Eine strickende Sitznachbarin schaut belustigt und widmet sich wieder ihrer Socke. Angenehm überrascht bemerke ich, dass sich niemand über das begeistert quietschende Kind beschwert.

WLAN im Zug ist ja prinzipiell eine feine Sache, aber die Geschwindigkeit desselben weckt Erinnerungen an Prä-DSL-Zeiten. Seit Minuten versuche ich herauszufinden, ob ich in Uelzen am Bahnhof Zeit für einen zweiten Kaffee haben werde. Es bleibt beim Versuch.

Im Uelzener Bahnhof angekommen schaffe ich es tatsächlich, einen Kaffee zu kaufen. Jetzt soll mich ein zweiter Metronom-Doppeldecker-RE nach Hamburg bringen. Ab Harburg beginnt es sich nach Zuhause anzufühlen. Als ich mich durch das Gewühl im Hauptbahnhof gekämpft habe und in der S-Bahn sitze, triumphiere ich: Was soll jetzt noch schiefgehen?

Die Antwort heißt Streckensperrung. Die S1 endet bis zum 27. April in Klein Flottbek. Wie peinlich, dass mir das entfallen ist! Die Meldung dazu habe ich selber geschrieben. Doch auch der Schienenersatzverkehr ist pünktlich und überraschend leicht zu finden. Um 18.08 Uhr passiere ich die letzte Landesgrenze: SH – Sweet Home.

Der Wedeler Bahnhof wirkt ohne die S-Bahn etwas verwaist. Neun Stunden habe ich hierher gebraucht. Wusste ich doch, dass meine Familie optimistisch war. Es waren teils unbequeme Stunden, aber auch neun Stunden voller charmanter Begegnungen mit der Realität des ÖPNV. Und ich habe effektiv nichts dafür bezahlt. Selbstzufrieden schließe ich die Bahn-App auf meinem Handy. Den ganzen Tag hat mich niemand kontrolliert – schade eigentlich.

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