Osnabrück  Lili Marleen: Wie ein Ohrwurm Alliierten und Achsenmächten den Kopf verdrehte

Ronald Feisel
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Von Ronald Feisel
| 23.04.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
In dem Lied verarbeitete Hans Leip seine eigenen Gefühle – allerdings für zwei Frauen, eine „Lili“ und eine „Marleen“. Foto: IMAGO/Gemini Collection
In dem Lied verarbeitete Hans Leip seine eigenen Gefühle – allerdings für zwei Frauen, eine „Lili“ und eine „Marleen“. Foto: IMAGO/Gemini Collection
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Wehmut, Angst, Sehnsucht und Liebe: All das war in Lale Andersons Stimme zu hören, wenn sie „Lili Marleen“ sang. Eine Stimmung, die Joseph Goebbels nicht wollte – er verbat den Song. Der Popularität des Schlagers tat das keinen Abbruch.

„Vor der Kaserne, vor dem großen Tor, stand eine Laterne, und steht sie noch davor…“ Es war der größte Hit des Zweiten Weltkriegs, auf beiden Seiten der Front. Dieser Erfolg war dem Lied nicht unter die Laterne gelegt worden. Nach der Aufnahme am 2. August 1939 in Berlin war „Lili Marleen“ zunächst ein Ladenhüter.

„Das Lied wird bestimmt kein Erfolg“, sagte Komponist Norbert Schultze bei der Produktion und gab der Musik einen militärischen Anstrich. Selbst einen Monat vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs half auch das nichts. Erst mit dem Balkanfeldzug der Wehrmacht 1941 und der Gründung des deutschen Soldatensenders in Belgrad begann die Laterne zu leuchten. Denn das Lied war eine Art Erkennungsmelodie des Radios und beendete abendlich eine beliebte Grußsendung.

Der Text war bereits während des Ersten Weltkriegs entstanden. Bei einem Wachdienst kam dem Soldaten Hans Leip 1915 die Idee. Gesungen wurde es von der in Bremerhaven geborenen Lale Anderson. Sie traf genau Ton und Aussage des Liedes, eine Mischung aus Wehmut, Angst, Sehnsucht und Liebe. Genau deshalb konnte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels den Song nicht ausstehen und die Sängerin erst recht nicht.

Die bekam Auftrittsverbot und das Lied sollte 1942 still und leise vom Plattenteller verschwinden. Da meldete das britische Radio BBC: „Ist es Ihnen aufgefallen, dass Sie dieses Lied schon lange nicht gehört haben? Vielleicht deshalb, weil Lale Andersen im Konzentrationslager ist?“

Das konnte Goebbels nicht auf sich sitzen lassen und der Siegeszug von Lili Marleen und Lale Andersen ging weiter, bei Freund und Feind. Denn es entstanden auch französische, italienische und englische Versionen. Letztere sang Marlene Dietrich immer wieder vor alliierten Soldaten an der Front. Der Weltstar aus Berlin hatte Deutschland schon 1930 verlassen.

Aber wer war Lili Marleen eigentlich? Der Dichter Hans Leip soll bei der Entstehung seines Textes gleich in zwei Frauen verliebt gewesen sein: Lili war die Tochter eines Gemüsehändlers und Marleen die Tochter eines Arztes. Warum in der Fantasie einiger Soldaten aus Lili Marleen oft ein Freudenmädchen werden konnte, hat Leip nie verstanden.

Viel Kreativität floss auch in die vielen Parodien des Liedes. Die böseste sang 1944 die geflüchtete deutsch-jüdische Schauspielerin Lucie Mannheim. Sie richtete sich direkt gegen Adolf Hitler und wurde von der BBC verbreitet: „Der Führer ist ein Schinder, das seh’n wir hier genau, zu Waisen macht er Kinder, zur Witwe jede Frau. Und wer an allem schuld ist, den – will ich an der Laterne seh’n. Hängt ihn an die Laterne! Deine Lili Marleen“.

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