Osnabrück  Trügerische Schlankmacher: Künstliche Süßstoffe machen hungrig

Jörg Zittlau
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Von Jörg Zittlau
| 21.04.2025 09:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Süßstoffe werden oft als gesündere Alternative zu Zucker beworben. Ergebnisse einer neuen Studie widerlegen das jedoch. Foto: IMAGO / Depositphotos
Süßstoffe werden oft als gesündere Alternative zu Zucker beworben. Ergebnisse einer neuen Studie widerlegen das jedoch. Foto: IMAGO / Depositphotos
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Süß, aber keine Kalorien – diese Aussicht klingt für Konsumenten verlockend. Das beschert hierzulande der Süßstoffindustrie einen Jahresumsatz von über 130 Millionen Euro. Doch eine aktuelle Studie nährt den Verdacht, dass die künstlichen Süßungsmittel das grassierende Übergewicht eher fördern als bekämpfen.

Ein Forscherteam der Keck School of Medicine in Los Angeles ließ 75 Testpersonen entweder ein mit dem Süßstoff Sucralose gesüßtes Getränk oder ein ähnlich süßes Zuckerwasser oder reines Wasser trinken, um anschließend per funktionaler MRT zu untersuchen, wie sich das auf die Hirnaktivität auswirkte. Darüber hinaus analysierte man das Blut der Probanden, und man befragte sie nach ihrem Hungergefühl.  

Es zeigte sich, dass Sucralose im Vergleich zu Zucker deutlich stärker den Hypothalamus aktivierte, den zentralen Hirnbereich für die Appetitssteuerung. Er verknüpfte sich außerdem stärker mit Hirnregionen, die mit Motivation und sensorischer Verarbeitung zu tun haben. Was laut Studienleiterin Kathleen Page ein deutlicher Hinweis darauf ist, „wie Sucralose das Verlangen nach Zucker oder das Essverhalten beeinflussen kann“.

Im Unterschied zu Zucker erhöhte der Süßstoff aber nicht den Blutwert von Hormonen, die ein Sättigungsgefühl hervorrufen. „Der Körper nutzt diese Hormone, um dem Gehirn mitzuteilen, dass man Kalorien zu sich genommen hat, um den Hunger zu verringern“, erläutert Page. „Sucralose hatte jedoch kaum Einfluss auf diesen Regelkreis – und die Unterschiede in den Hormonreaktionen auf Sucralose waren im Vergleich zu Zucker bei übergewichtigen Teilnehmern besonders ausgeprägt.“

Dazu passt, dass die Probanden nach dem Süßstoffverzehr über relativ starke Hungergefühle berichteten. Sucralose scheint also gerade für Übergewichtige keine sinnvolle Option im Kampf gegen die Kilos zu sein. Denn sie liefert zwar keine Kalorien, aber eben auch kein – die Nahrungszufuhr abschließendes – Sättigungsgefühl; möglicherweise sorgt sie sogar für Appetit auf mehr. Und Endokrinologin und Diabetologin Page kann sich vorstellen, dass dies längerfristig in einen latenten Heißhunger ausmündet, der Abspeckversuche schwierig bis unmöglich macht. 

Stephan Martin, Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf, kann diese Einschätzung gut nachvollziehen. Sie passe zum bisherigen Forschungsstand: „Niemand konnte bisher überzeugend nachweisen, dass man mit der Einnahme von Süßstoffen langfristig Gewicht verlieren kann.“ Denn die simple Gleichung, dass man schon abspecken wird, wenn man nur Kalorien einspart, klinge zwar überzeugend, greife aber letztendlich zu kurz.

Eine mindestens ebenso wichtige Rolle spiele dabei auch das Stoffwechselhormon Insulin. „Viele Patienten, aber auch Ärzte, glauben, dass es nur dazu da ist, den Blutzuckerspiegel zu senken“, beklagt Martin. „Doch es hemmt bereits in geringer Dosierung auch die Verbrennung von Fetten und sorgt für deren Abspeicherung im Depotfett.“ Und Süßstoffe wie Sucralose oder auch das beliebte Aspartam aktivieren die Insulinproduktion und schieben diesen Effekt an.

Lange Zeit hielt man das für ausgeschlossen, weil Probanden im Labor keinen Insulinanstieg zeigten, wenn man sie einen Drink mit Süßstoff konsumieren ließ. Doch 2020 publizierten Forscher der US-amerikanischen Yale University eine Studie, in der man den Probanden eine Mischung aus Sucralose und dem beliebten Zucker Maltodextrin verabreichte. Der Insulinwert schoss daraufhin regelrecht in die Höhe, die Ethikkommission der Yale University sah sich daraufhin sogar genötigt, die Studie zu stoppen.

Das zusätzlich Fatale an diesem Ergebnis ist jedoch, dass es so nah dran am Alltag ist. Denn hier konsumieren wir Süßstoffe ja meistens nicht labormäßig isoliert in irgendeiner Flüssigkeit, sondern in Kombination mit anderen Speisen, die in der Regel mehr oder weniger Kohlehydrate enthalten. „Der süßstoffhaltige Soft-Drink oder Kaffee kommt meistens nicht allein, sondern in Gesellschaft von irgendwelchen Speisen oder Snacks“, warnt Martin.

Warum der Körper auf die Zucker-Süßstoff-Kombi mit einer starken Insulinausschüttung reagiert, weiß man bisher nicht. „Es ist eine Situation, die wir hinnehmen müssen, aber noch nicht erklären können“, betont Martin. Nichtsdestoweniger bedeutet sie, dass Süßstoffe im Alltag beileibe nicht der Königsweg aus der weltweiten Übergewichtsepidemie sind.

Diabetologe Martin rät stattdessen dazu, die Menschen und ihren Ernährungsalltag zu entsüßen: „Wir sind geradezu abhängig vom Süßgeschmack geworden, und davon müssen wir wegkommen.“ Wozu nicht nur gehört, Soft-Drinks sowie Zucker und Süßstoff aus Tee und Kaffee, sondern auch industriell hoch verarbeitete Nahrungsmittel zu verbannen. Sogar den Obstkonsum sollte man reduzieren und stattdessen mehr auf Gemüse setzen.

„Das Süße muss wieder zum Ausnahmeerlebnis in unserem Ernährungsalltag werden“, so Martin. Selbst die derzeit angesagte Hafermilch passt da eigentlich nicht rein, weil sie aus Stärke besteht, die aus Zuckerketten zusammengesetzt ist. „Am besten: Sie trinken den Kaffee schwarz“, empfiehlt Martin. „Ich kann ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass man das lernen und überleben kann.“

Am 25. April erschient beim Becker-Joest-Volk-Verlag von Stephan Martin das Buch „Blutzucker optimieren, Gewicht reduzieren“, 220 Seiten, 22,- €

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