Bremen  Klack! Das letzte Geheimnis der Bauhaus-Leuchte ist gelöst

Karolina Meyer-Schilf
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Von Karolina Meyer-Schilf
| 15.04.2025 09:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
125 Jahre Wilhelm Wagenfeld: Seine Bauhaus-Leuchte ist der Inbegriff des Produkt-Designs. Foto: Karolina Meyer-Schilf
125 Jahre Wilhelm Wagenfeld: Seine Bauhaus-Leuchte ist der Inbegriff des Produkt-Designs. Foto: Karolina Meyer-Schilf
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Vor 125 Jahren, am 15. April 1900, kam der Designer Wilhelm Wagenfeld auf die Welt. Seine Bauhaus-Leuchte wurde zum Erkennungszeichen bürgerlicher Haushalte. Als Prunkstück steht sie nicht nur in Wagenfelds Heimatstadt Bremen in den Fenstern. Eine Würdigung zum runden Geburtstag.

Sie ist Statussymbol, bürgerliches Distinktionsmerkmal und steht in bestimmten Bremer Wohngegenden in jedem dritten Fenster: die Wagenfeld-Lampe. Dass sie auch noch Licht spendet, schmeichelndes sogar, gerät dabei fast zur Nebensache.

Es wäre leicht, sich darüber jetzt zu amüsieren: Das Prestige-Objekt entstand am Bauhaus, dessen gesellschaftsverändernde Idee es eigentlich war, Kunst und Handwerk zu vereinen und für jedermann zugänglich zu machen. Was Wilhelm Wagenfeld sonst in seinem Schaffen so vorbildlich gelang, scheiterte bei dieser Lampe. Kunst und Handwerk vereint sie zwar, aber zugänglich für alle war sie nie. Schon 1928 kostete sie stolze 55 Reichsmark, was heute etwa 220 Euro entspräche. Über 600 Euro muss inzwischen hinblättern, wer mit einer Wagenfeld-Lampe im Fenster angeben will.

Auch Julia Bulk, Direktorin der Bremer Wagenfeld-Stiftung, zählt gerne Lampen in Fenstern. Allein 13 begegnen ihr täglich auf ihrem Weg mit dem Fahrrad zur Arbeit. Sie versichert aber: Das Dunkelfeld liege deutlich höher. Es sei eben gerade nicht so, dass alle, die eine Wagenfeld-Lampe besitzen, sie ins Fenster stellten. Der weitaus größere Teil der heute in Bremen bei Tecnolumen produzierten Leuchten verrichte seinen Dienst als Nachttischlampe oder auf Anrichten und Beistelltischen.

Die Grundthese also stimmt schon einmal nicht: Die Wagenfeld-Lampe ist keineswegs nur zum Angeben da. Überhaupt scheitert an Julia Bulk, wer eine Glosse über die Wagenfeld-Lampe und ihre bürgerlichen Besitzer schreiben will. Bulk empfängt mit ihrer Mitarbeiterin Kathrin Hager in ihrem Büro in der Wagenfeld-Stiftung. Es gibt Kaffee aus dem legendären Wagenfeld-Geschirr von Fürstenberg, auch zwei Leuchten stehen schon bereit.

Die Begeisterung und Ernsthaftigkeit, mit der sie von Wagenfeld und seinen Entwürfen spricht – und noch mehr von den Geschichten, die sie dazu sammelt –, sind ansteckend. Mit derselben Intensität widmet sie sich heute einer Frage, mit der sich selbst Bulk als ebenso versierte wie begeisterte Wagenfeld-Expertin noch nicht abschließend befasst hat: der nach dem Klacken der Lampe.

Der Autorin nämlich ist aufgefallen, dass sich das Klacken beim An- und Ausschalten je nach Modell unterscheidet. Bei der Ursprungsleuchte mit dem vernickelten Fuß klingt es satt, bei der Acrylglasversion etwas seichter, flacher. Bulk und Hager holen jetzt die Leuchten und stellen sie auf den Tisch. Sie schalten sie an und aus, horchen dem Klacken nach – und stimmen zu. „Das ist mir tatsächlich bislang noch nicht aufgefallen!“, sagt Bulk und lacht.

Dabei geht es in den Geschichten, die sie zu den Wagenfeld-Leuchten wie auch den anderen Exponaten ihres Museums sammelt, sogar relativ häufig um das An- und Ausschalten. Das geschieht bei der Leuchte über eine kleine Schnur, an deren Ende eine vernickelte Kugel befestigt ist. Und das je nach Modell eben mit einem satten oder einem flachen Knacken.

Bulk und Hager sammeln solche Geschichten. Weil Wagenfeld-Entwürfe so allgegenwärtig sind – von der Butterdose über das Küchensieb bis zum Eierbecher kommt wohl kaum ein Haushalt ohne sie aus –, entdecken Besucher „ihre“ Gegenstände oft im Museum wieder und erzählen dann ihre Geschichten dazu.

Die kleine Kugel an der Leuchte ist es etwa, berichtet Bulk, die einen altbaubewohnenden Lampenbesitzer manchmal schier in den Wahnsinn treibt: Beim Gang durchs Zimmer, klagte er ihr, geben die alten Dielen die Schwingungen an die Lampe weiter, die Schnur baumelt hin und her – und die kleine Kugel klackt immer an den Lampenfuß. Ganz anders ergeht es einem älteren Ehepaar, das Bulk ihre Geschichte mit der Lampe erzählt hat. Denn sie verbindet mit der Lampe ein ganz besonderes Ritual. Die Frau gehe gewöhnlich abends als erstes ins Bett, ihr Mann bleibe noch unten im Wohnzimmer und lese. Wenn sie oben dann irgendwann das Klacken höre, wisse sie: Jetzt kommt er gleich auch ins Bett.

Eine Antwort auf die Frage nach dem unterschiedlichen Klacken finden wir an diesem Tag im Wagenfeldmuseum zwar nicht – sie kommt aber einige Tage später vom Hersteller Tecnolumen. „Metall und Glas besitzen unterschiedliche akustische Eigenschaften. Metall überträgt Schallwellen effizienter und kann dadurch ein satteres „Klacken“ erzeugen, während Glas Schall anders reflektiert und absorbiert, was zu einem weniger ausgeprägten Geräusch führen kann“, erklärt Sprecher Frank Meierdiercks auf Nachfrage unserer Redaktion. Und dann kommt es noch auf die Nutzung an: „Die Häufigkeit der Nutzung des Schalters beeinflusst den Mechanismus. Ein häufiger genutzter Schalter kann im Laufe der Zeit ein verändertes Geräuschbild entwickeln, beispielsweise durch die Abnutzung von Komponenten.“

Das ist zwar nicht ganz so romantisch wie die Geschichten der Museumsbesucher, die Julia Bulk sammelt – aber vielleicht eine der letzten offenen Fragen zur Wagenfeld-Leuchte, die jetzt endlich geklärt ist.