Flensburg Ausreise innerhalb einer Woche: Fall von Friseur-Azubi Hasan Ünüsdü geht viral
Die Flensburger Friseurmeisterin Vanessa Sörensen kämpft für ihren Lehrling – und erlebt eine Welle der Solidarität. Ob sie ihn vor der Abschiebung bewahren kann, bleibt offen.
Ihr aufrüttelnder Appell hat ein virales Lauffeuer entfacht. Vanessa Sörensen, Inhaberin des Flensburger Friseursalons Lagerpusch, setzt sich in einem tausendfach geteilten Reel in den sozialen Netzwerken für einen ihrer Lehrlinge ein, der von der Ausweisung akut bedroht ist. Bis zum Sonntagnachmittag gab es bei Instagram und Tiktok weit über 800.000 Aufrufe, 70.000 Likes und zahlreiche Kommentare. „Unfassbar traurig“, so der Tenor.
Die Menschen solidarisieren sich mit Hasan Ünüsdü. Der 19-Jährige mit Duldungsstatus soll binnen sieben Tagen freiwillig das Land verlassen und in seine Heimat zurückkehren – andernfalls droht dem Kurden Abschiebung in die Türkei. Das Schreiben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) datiert vom vergangenen Freitag – die Zeit läuft.
Die Begründung zur Ausweisung umfasst einen Schriftsatz von 133 Seiten. Die Türkei gilt als sicheres Herkunftsland, Fluchtgründe lägen mithin nicht vor. „Hasan habe keinen Grund, in Deutschland zu bleiben, er habe keine Familie hier, keine sozialen Bindungen“, zitiert Vanessa Sörensen sinngemäß. „Doch ich finde, es gibt keinen Grund, warum er nicht hierbleiben sollte.“
Erst am Sonntag hat sie auf change.org eine Petition gestartet, die innerhalb von nur wenigen Stunden schon 2000 Unterzeichner fand.
Diese Auffassung vertritt auch Benjamin Dehde, Geschäftsführer von „Neo Familie“, einer in Flensburg ansässigen Betreuungsorganisation, die junge Menschen unterstützt, in der Gesellschaft Tritt zu fassen. „Es ist beschämend, dass man beschlossen hat, ihn abzuschieben.“
Bemühungen zur Integration gebe es bei Hasan mehr als genug: Tatsächlich hat er neben der Ausbildung, die ausdrücklich genehmigt wurde, ehrenamtlich im Tierheim und in der Altenpflege geholfen, Praktika absolviert. „Wir begleiten ihn, seit er hier ist, also seit mehr als anderthalb Jahren, in Sachen Sprache, Berufsschule und Unterkunft“, sagt Dehde. „Hasan hat hier Freunde gefunden und aktuell die Chance auf eine eigene Wohnung. Er steht auf eigenen Beinen, fällt niemandem zur Last, liegt dem Staat nicht auf der Tasche.“
Diesen Staat versteht Vanessa Sörensen nicht mehr. „Für uns wäre es eine Katastrophe, wenn er gehen müsste. Hasan ist bei unseren Mitarbeiterinnen geschätzt, spricht gutes Deutsch, hat trotz allem immer ein Lächeln auf den Lippen. Alle Kunden lieben ihn!“
Bei den 13 Kolleginnen – zwei Drittel übrigens mit Migrationshintergrund – sei er „der Hahn im Korb“ und gar nicht mehr wegzudenken. Nie habe er sich irgendetwas zuschulden kommen lassen. „Er könnte keiner Fliege was zuleide tun!“
Hasan selbst erzählt mit stockender Stimme, wie schockiert er über den Bescheid gewesen sei – und wie enttäuscht. „Ich habe doch alles versucht.“ Als Kurde habe er Angst, in die Türkei zurückzugehen. „Da würde ich mich nicht mehr vor die Tür trauen. Unsere Kultur und Sprache werden unterdrückt.“ Er selbst sei bedroht worden, weil er an Protesten teilgenommen habe. Sein Betreuer wird deutlicher: „Er wurde hart misshandelt.“
Hasan Ünüsdü kam Ende September 2023 auf eigene Faust nach Deutschland – geflüchtet über Bulgarien, Serbien, Österreich, eine quälende Odyssee. Seine Mutter und Geschwister ließ er zurück, der Vater ist gestorben, berichtet er. Nun sieht er sich damit konfrontiert, dass nach einer schweren Vergangenheit seine Zukunft verbaut ist, er keine Perspektive mehr hat.
Oder doch? Nach Informationen unserer Redaktion setzt eine Anwältin aus Berlin gerade eine Klageschrift auf. Die Kosten dafür trägt „Neo Familie“. Eine Klage führt in der Regel zu einer Verlängerung der Frist. Benjamin Dehde hofft: „Wir dürfen jetzt vorsichtig optimistisch sein.“ Auf eine Anfrage unserer Redaktion an das BAMF zum Fall von Hasan gab es am Sonntag noch keine Antwort.