Hamburg  Schön bis furchtbar: Warum die Erfahrungen von Verschickungskindern auseinanderklaffen

Marie Busse
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Von Marie Busse
| 14.04.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Wie Menschen den Alltag in Verschickungsheimen erinnern, hat auch mit der eigenen Familie zu tun. Foto: Unsplash
Wie Menschen den Alltag in Verschickungsheimen erinnern, hat auch mit der eigenen Familie zu tun. Foto: Unsplash
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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Millionen Kinder in Deutschland zur Erholung in sogenannte Kinderkurheime geschickt – oft für mehrere Wochen, ohne Kontakt zu den Eltern. Warum kehrten einige traumatisiert zurück und andere gestärkt?

Etwa zehn Millionen Kinder wurden in Deutschland von 1945 bis in die 1990er Jahre zur Kur verschickt, allein nach Sankt-Peter-Ording in Schleswig-Holstein waren es mehr als 300.000 Kinder. Historiker Helge-Fabien Hertz hat die Geschichte vor Ort untersucht. Im Interview erklärt er, warum Verschickungskinder sich so unterschiedlich an die Zeit im Heim erinnern.

Frage: Herr Hertz, mehr als 300.000 Kinder wurden nach Sankt-Peter-Ording in Schleswig-Holstein verschickt. Sie haben sich dieses Kapitel des Ortes für eine Studie genau angeschaut. Was haben Sie herausgefunden?

Antwort: Unsere wichtigste Erkenntnis ist: Die Erfahrungen der Kinder sind extrem unterschiedlich. Es gibt viele Berichte über strenge Regeln, Heimweh und auch über Gewalt. Gleichzeitig gibt es aber auch viele positive Berichte. 

Frage: In der Öffentlichkeit dominieren aber eher negative Berichte von Betroffenen. Klafft da eine Lücke zwischen ihren Studienergebnissen und der öffentlichen Wahrnehmung?

Antwort: Das ist tatsächlich eine ganz zentrale Frage. Wir haben bewusst nicht nur mit Betroffenen gesprochen, sondern auch mit Heimpersonal und mit Menschen, die ihre Zeit in der Kur als positiv erlebt haben. Wenn man all diese Perspektiven zusammenbringt, bekommt man ein vollständigeres Bild – das, wie wir glauben, näher an der Realität liegt.

Frage: Wer hat besonders negative Erfahrungen gemacht?

Antwort: Wir sehen: Jüngere Kinder, besonders unter sechs Jahren, litten häufiger unter Heimweh oder hatten Schwierigkeiten, sich zurechtzufinden. Auch Kinder aus stabilen, liebevollen Familien empfanden die Trennung oft als besonders belastend. Umgekehrt gibt es Berichte von Kindern aus schwierigen Familien, die sich während der Kur gut aufgehoben fühlten. Die Erfahrungen hängen also auch von der individuellen Lebenssituation ab – und natürlich auch vom jeweiligen Heim und dem Betreuungspersonal vor Ort.

Frage: Gibt es denn Hinweise auf systematische Gewalt?

Antwort: Das ist eine schwierige Frage, weil man zunächst klären muss, was man eigentlich unter systematisch versteht. Reicht es, wenn bestimmte Vorfälle in mehreren Heimen auftreten? Oder braucht es eine gezielte Struktur dahinter? Was wir sehen: Gewalt wurde damals ganz anders bewertet als heute. Körperstrafen galten lange Zeit als normales Erziehungsmittel – nicht nur in Kurheimen, sondern auch in Schulen und Familien.

Antwort: Viele Dinge, die wir heute als klare Grenzverletzungen oder als psychische Gewalt einordnen würden, galten damals als pädagogisch legitim oder wurden schlicht nicht hinterfragt. Auch die Vorstellung, ein kleines Kind mehrere Wochen ohne Kontakt zu den Eltern wegzuschicken, ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar – damals war das gesellschaftlich völlig akzeptiert. 

Frage: Wie kann es sein, dass dieses System über Jahrzehnte existiert hat – und erst jetzt, wo es die Kinderkuren nicht mehr gibt, rückt das Thema ins öffentliche Bewusstsein? 

Antwort: Ich glaube, es gibt dafür mehrere Gründe. Viele Betroffene berichten, dass ihnen damals im Heim direkt gesagt wurde: „Das erzählst du zu Hause besser nicht.“ Und selbst wenn etwas erzählt wurde – oft war dafür im familiären Umfeld gar kein Raum. Es wurde schlicht nicht darüber gesprochen oder den Kindern nicht geglaubt. Hinzu kommt: Erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ist das gesellschaftliche Bewusstsein für Kindheitserfahrungen und mögliche Langzeitfolgen gewachsen. Und viele Betroffene haben oft erst im Rückblick erkannt, dass das, was sie erlebt haben, eben nicht normal oder harmlos war – und dass andere Ähnliches erlebt haben. Ein weiterer Erklärungsansatz ist, dass viele der leidvollen Erfahrungen im Rahmen der damals geltenden Normvorstellungen lagen.

Frage: Sie selbst wollen sich ja als Historiker zu dem Thema habilitieren. Welche Frage treibt sie besonders um?

Antwort: Die Forschung steht hier in vielen Bereichen noch ganz am Anfang – gerade, wenn man weiter zurückschaut. Mich treibt besonders die Frage um, wie sich das Kinderkurwesen im Lauf der Jahrhunderte verändert hat. Ich glaube, dass das Bild klarer wird, wenn man auch die Entstehungsgeschichte und Entwicklung vor 1945 ausleuchtet. Spannend finde ich außerdem die Frage, warum die Erfahrungen der Verschickungskinder so unterschiedlich sind. Wie kann es sein, dass manche von der schlimmsten Zeit ihres Lebens sprechen – und andere sagen, das war die schönste?

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