Osnabrück Starke Frauen: Wie Osnabrücker Alleinerziehende einander unterstützen
Mit Mitleid können Natalie Sommer und Madeleine Stempfle aus Osnabrück nichts anfangen. Sie sind alleinerziehend und meistern ihr Leben als Mütter ohne Partner. Was Eltern (und alle anderen) von ihnen lernen können.
Etwas mehr als 3500 Alleinerziehende leben in Osnabrück (Quelle: Sozialmonitoring der Stadt). Madeleine Stempfle ist eine davon. Natürlich sei das anstrengend, sagt sie, doch die Opferrolle habe sie hinter sich gelassen. „Ich genieße die Zeit mit meinem Sohn“, betont sie. Mit uns hat sie darüber gesprochen, wie sich ihre Perspektive seit der Trennung vom Vater ihres Dreijährigen verändert hat und wie sehr der Austausch mit anderen hilft.
Obwohl es so viele Alleinerziehende gibt, sei diese Familienform immer noch mit Scham behaftet, kritisiert Natalie Sommer, selbst alleinerziehende Mutter von drei Kindern zwischen 7 und 12 Jahren. Sie leitet an der katholischen Familienbildungsstätte in Osnabrück (Fabi) das Projekt „Solo-Eltern“ mit verschiedenen Angeboten für Alleinerziehende und wünscht sich einen Perspektivwechsel.
Arbeitgeber etwa würden immer nur die potenziellen Ausfälle der Mütter sehen, wenn die Kinder krank werden oder die Kita ausfällt. Dabei handle es sich um Frauen, die sich bestens organisieren können, betont Natalie Sommer, anders gehe es ja gar nicht.
Auch Madeleine Stempfle würde sich wünschen, dass diese Fähigkeiten mehr wahrgenommen werden. „Ich hatte ein Vorstellungsgespräch, in dem es eine Stunde nur darum ging, wie ich meine Zeiten abdecken kann und nicht darum, was ich kann und wie ich qualifiziert bin“, erzählt sie. Die 33-Jährige ist gelernte Erzieherin und zurzeit auf Jobsuche.
„Es ist nicht immer nur ‚die arme Alleinerziehende‘“, betont Sommer. Untereinander würden sie sich gegenseitig unterstützen. So seien zwei Kursteilnehmerinnen und ihre Kinder beispielsweise zusammen in den Urlaub gefahren.
Und die Kinder sehen: Es gibt auch andere, die genauso in einer Mini-Familie leben wie sie. „Die Kinder verstehen sich sofort, selbst wenn der Altersunterschied mal größer ist“, sagt Teilnehmerin Madeleine Stempfle. Bei den Solo-Eltern sei es ähnlich. „Man hat meistens eine ähnliche Vorgeschichte.“
Doch nicht jedes alleinerziehende Elternteil sei bereit, sich der Situation zu stellen. „Viele wollen sich gar nicht als alleinerziehend betiteln“, ist Stempfles Erfahrung. Sowohl sie als auch Natalie Sommer kennen Fälle, in denen die Alleinerziehenden über ihre Grenzen gehen, weil sie nicht wollen, dass beispielsweise ihr berufliches Umfeld mitbekommt, dass sie alleinerziehend sind.
Für Stempfle war es ein längerer Prozess, sich in ihrer Rolle zurechtzufinden. Jetzt sagt sie: „Die neue Lebenssituation kann genauso schön sein.“ Für sie sei es befreiend gewesen, sich von ihrem damaligen Partner zu trennen. Doch Hilfe anzunehmen, falle ihr immer noch schwer, räumt sie ein.
Essenziell sei ein privates Netzwerk, betont Natalie Sommer. Sie kenne Mütter, die sich einen Yoga-Kurs teilen und abwechselnd hingehen, während die jeweils andere sich um die Kinder kümmert, sagt Natalie Sommer. Solche Auszeiten sind wichtig.
Durch die hohe Belastung erkranken viele Alleinerziehende psychisch. „Es hilft mir nicht, wenn jemand sagt: ‚Wie schaffst du das bloß?‘“, sagt Sommer. „Aber es würde mir helfen, wenn die Person mal die Kinder nimmt.“ Alle Solo-Mütter, die sie kenne, seien immer an der Belastungsgrenze.
Madeleine Stempfle hat zwei Sätze, die sie nicht mehr hören kann: „Kann deine Mutter nicht helfen?“ Stempfle: „Meine Mutter muss selber arbeiten.“ Noch wütender mache es sie, wenn andere Mütter sagen: „Mein Mann arbeitet auch den ganzen Tag, ich bin ja quasi auch alleinerziehend.“
Ihr Freundeskreis habe sich komplett verändert, seit sie alleinerziehend ist, sagt Stempfle, aber sie sagt es ohne Bitterkeit. Allein durch die Fabi habe sie drei neue Freundinnen gefunden.