Hamburg In welchem Heim war ich? Karte soll Verschickungskindern helfen
Die Nordsee-Insel Sylt war ein häufiges Ziel für sogenannte Kinderverschickungen in der Nachkriegszeit. Viele Menschen suchen noch heute nach den Namen der Heime, in denen sie prägende Wochen verbrachten. Eine digitale Karte könnte jetzt Antworten liefern.
„Wo war ich?“ Es ist eine Frage, die viele sogenannte Verschickungskinder bis heute umtreibt. Sie erinnern sich noch an das Aussehen der Schlaf- und Essenssäle oder wissen, dass ein Klettergerüst im Garten stand. Der Name des damaligen Erholungsheims aber will ihnen nicht mehr einfallen
Wer noch detaillierte Erinnerungen an seine Verschickung nach Sylt hat, könnte bald wichtige Antworten erhalten. Nach monatelanger Recherche haben Petra Merz und Michael Heinze, beide Heim-Ort-Koordinatoren für Verschickungskinder nach Sylt, eine digitale Karte mit 79 Heimen erstellt.
Beim Anklicken der jeweiligen Standorte erscheinen Bild und Name des jeweiligen Heims. Auch die Namen der Leiter, den Träger oder die Anzahl der Betten konnte das Rechercheteam zusammentragen.
Michael Heinze bezeichnet die Karte als massiven Durchbruch. Im Sylter Archiv sichtete der Grafikdesigner immer wieder Dokumente aus der Nachkriegszeit und bekam dabei wichtige Unterstützung von Archiv-Leiterin Sinje Lornsen. „Wir wollen für das Thema mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das Leid der Verschickungskinder muss anerkannt werden“, so Heinze.
Schätzungsweise acht Millionen Kinder wurden zwischen den 50er und 90er Jahren verschickt, sollten in den zeitweise über 1000 Heilstätten Krankheiten auskurieren oder an Gewicht zunehmen. Während einige Kinder die üblicherweise sechs Wochen als schöne Auszeit erlebten, kehrten andere mit schlimmen Erinnerungen nach Hause zurück, weil sie dort Schreckliches erleben mussten.
So auch Petra Merz, die 1975 selbst nach Sylt geschickt wurde. Sechs Wochen verbrachte die damals Achtjährige im „Kurt-Pohle-Heim“ in Westerland. „Es war alles schrecklich dort. So viel Aggressivität, so viel Kinderhass“, fasst sie die Zeit zusammen.
Den Namen der Kinderheilstätte kennt sie erst seit wenigen Monaten. „Ich bin auf einen Artikel mit Fotos gestoßen und habe das Gebäude wiedererkannt.“
Merz hofft, dass anhand der Karte auch andere Verschickungskinder diese wichtige Information bekommen. Mühsam hat sie für jedes Heim auf Sylt einen digitalen Ordner erstellt, Zeugnisse, Postkarten und Fotos zusammengetragen. „Wer noch klare Erinnerungen an das Haus hat, dem kann ich vielleicht sagen, wo er damals als Kind untergebracht wurde.“