Helsinki  Finnland: Alarmierende Mordserie erschüttert das Land

Jens Mattern
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Von Jens Mattern
| 09.04.2025 15:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Während Finnland bei den Frauenrechten führend ist, nehmen die Fälle häuslicher Gewalt zu. Foto: Antti Aimo-Koivisto/dpa/Lehtikuva
Während Finnland bei den Frauenrechten führend ist, nehmen die Fälle häuslicher Gewalt zu. Foto: Antti Aimo-Koivisto/dpa/Lehtikuva
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Eine Serie von Morden an Frauen erschüttert derzeit Finnland. Zuletzt wurde in der vergangenen Woche eine Finnin in der Küstenstadt Kokkola von einem 65-jährigen Täter auf offener Straße erschossen. Beide sollen sich entfernt gekannt haben. Im März gab es zwei Tote in dem Land mit 5,5 Millionen Einwohnern.

Finnland gilt innerhalb der EU als das zweitgefährlichste Land für Frauen, so eine Erhebung der „Agentur der Europäischen EU für Grundrechte“ Ende 2024. Was körperliche Gewalt und sexuelle Übergriffe von Aggressoren angeht, die kein Lebenspartner sind, ist das nordische Land sogar EU-weit „an der Spitze“ - 47 Prozent der Finninnen haben dies bereits erlebt. Aber auch häusliche Gewalt ist weit verbreitet, es betrifft ein Drittel der Frauen, die Zahl der Opfer ist seit 2022 um über zehn Prozent gestiegen.

„Ein grundlegendes Menschenrechtsproblem das erschreckend viel Leid und Schmerz verursacht“ diagnostizierte jüngst Finnlands stellvertretender Justizminister Mikko Puommalainen den gesellschaftlichen Zustand und versprach Abhilfe mittels Präventionsmaßnahmen.

Allerdings verantwortet die finnische Mitte-Rechtsregierung unter Petteri Orpo ein rigoroses Sparprogramm, um das Haushaltsloch zu stopfen. Und das betrifft vor allem die Sozialausgaben.

So wurden die Mittel für Wohlfahrtsorganisationen, welche unter anderem Präventionsarbeit leisten oder Nottelefone unterhalten, stark gekürzt. Dieses Jahr will der Staat 303 Millionen Euro für diese Vereinigungen ausgeben, 2024 waren es noch 384 Euro. Psychiater besorgt dies, denn die psychischen Störungen würden in Finnland zunehmen.

Doch wieso ist die Gewalt gegen Frauen in Finnland so hoch, das im März zum achten Mal in Folge von der UN zum „glücklichsten Land der Welt“ gekürt wurde? Auch ist die Republik bekannt für Gleichberechtigung und Frauenrechte. Schon 1906, wurde dort das passive und aktive Wahlrecht für Frauen etabliert, mittlerweile verbringen dort Väter genauso viel Zeit mit den Kindern wie Mütter, die Frauenquote im Parlament ist hoch – auch in der aktuellen Regierung mit Beteiligung der rechten „Basisfinnen“.

„Gewalt gegen Frauen wird bei uns immer noch als private, familiäre Angelegenheit angesehen.“ meint auf Anfrage Salla Kajanmaa vom „Nationalrat der Frauen in Finnland“. So würden Staatsanwälte bei häuslicher Gewalt eher das gegenseitige Verzeihen als eine Verurteilung anstreben.

Kajanmaa verweist zudem auf eine Studie nach der jeder fünfte Finne glaubt, dass Frauen aufgrund ihrer Kleidung, ihres Aussehens und Verhaltens Gewalt verdienen. Die Polizei verweist auf den Alkohol, der in Finnland am Wochenende gerne mal in exzessiven Mengen getrunken wird - von beiden Geschlechtern. Auch liegt die Scheidungsquote im europäischen Vergleich sehr hoch und bei Trennungen komme es zu wüsten Auseinandersetzungen, so Soziologen.

Auch in anderen skandinavischen Ländern gibt es ähnliche Zahlen – die Gewalt gegen Frauen ist im europäischen Vergleich hoch, obwohl Gleichberechtigung und Feminismus fest in diesen Gesellschaften verankert sind. Soziologen sprechen darum vom „Nordischen Paradox“ – ein Rätsel, das bislang noch nicht gelöst wurde.

Tabuisiert ist das Thema Gewalt gegen Frauen in diesen Ländern jedenfalls nicht, so dass mehr Übergriffe zur Anzeige gebracht werden. Der finnische „Männer-Gleichstellungsverein“ (MTA) glaubt hingegen, dass die Statistiken nicht stimmen, da Vertreter ihres Geschlechts sich bei Gewalt durch die Partnerin nicht trauten, dies zur Anzeige zu bringen - sie würden von den Behörden beschämt.

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