Bundesweit Anstieg Diebstahl im Krankenhaus – ein Problem in der Region?
Eine Leserin berichtet von einem tragischen Diebstahl in einem ostfriesischen Krankenhaus. Wie groß ist das Problem in der Region? Wir haben bei der Polizei und den Kliniken nachgefragt.
Ostfriesland - Ein Dieb muss sich nicht gleich als Arzt verkleiden, um Wertgegenstände von Patienten zu stehlen, wie es im März 2024 in einem Münchner Krankenhaus passiert ist, oder als Patientin einweisen lassen, wie es in Duisburg 2017 versucht wurde. „Eine unkontrollierte und unübersichtliche Anzahl an Besuchern macht es für die Pflegekräfte nahezu unmöglich, fremde Personen bei einem professionellen Diebstahl zu ertappen“, hieß es von der Polizei, als eine Kampagne gegen Diebstähle im Krankenhaus in Unna gestartet wurde.
In Nordrhein-Westfalen allgemein ist die Anzahl der Fälle sprunghaft gestiegen, berichtete beispielsweise der WDR im Juli 2024. Mehr als 4000 Mal haben demnach Diebe im Jahr 2023 in Krankenhäusern, Kurhäusern und Sanatorien zugeschlagen. München, NRW – was ist mit Ostfriesland? Ist das Thema in unserer Region schon angekommen?
Gibt es auch Diebstähle in ostfriesischen Krankenhäusern?
Ja, auch in Ostfriesland sind Langfinger in Krankenhäusern unterwegs, heißt es auf Nachfrage bei den Kliniken. Wiebke Baden, Sprecherin der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund, erklärt ebenfalls: „Diebstähle kommen durchaus vor in Krankenhäusern und auch in Pflegeheimen.“ Eine Leserin, die namentlich nicht genannt werden möchte, berichtet von einem besonders tragischen Fall. Die Goldkette ihrer komatösen Mutter sei im Februar 2023 in einem ostfriesischen Klinikum entwendet worden – direkt vom Hals ihrer Mutter. Das sei ihr erst nach dem Tod ihrer Mutter vier Tage nach Einlieferung aufgefallen, sagt die Leserin.
Sie habe eine Verlustmeldung ausgefüllt, doch ohne Erfolg. Vom Krankenhaus habe es nur geheißen, dass sie die Goldkette eben hätte abnehmen müssen. Da diese Redaktion den Fall nicht verifizieren kann, nennen wir das von der Leserin erwähnte Krankenhaus nicht. Ihre Absicht sei es auch nicht, die Klinik an den Pranger zu stellen, sondern Patienten zu warnen, sagt sie. Zusätzlich zur Trauer habe sie der Diebstahl emotional mitgenommen. Das Ganze beschäftige sie noch heute. Nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter hatte sie sich bei dieser Zeitung gemeldet.
Was sagt die Polizei zu Diebstählen in Krankenhäusern?
Wir haben bei den Polizeiinspektionen (PI) in der Region nachgehakt. Von beiden heißt es allerdings, dass sie keine Zahlen nennen können. Es gebe keinen eigenen Deliktschlüssel für Diebstähle in und aus Krankenhäusern, erklärt Wiebke Baden. Es könnte höchstens anhand der Adresse gesucht werden, doch wie valide das sei, sei fraglich. Sie verweist an das Landeskriminalamt Niedersachsen. Dort haben wir ebenfalls nachgehakt und warten auf Rückmeldung. „Hier ist es noch nicht so wie in Großstädten, aber es kommt auch hier durchaus vor“, schätzt Wiebke Baden. Und: „Man muss von einem Dunkelfeld ausgehen.“ Ob bei jeder Tat Anzeige erstattet wird, ist fraglich.
Klar ist für Wiebke Baden: Insbesondere in Krankenhäusern und in Pflegeheimen macht Gelegenheit Diebe. Das heißt: Täter gehen nicht zwangsläufig zum Stehlen in die Häuser, nehmen aber etwas mit, wenn es offen herumliegt. Im Krankenhaus und im Pflegeheim könne das Personal die Kontrolle gar nicht leisten. Haben Patienten beispielsweise kein Einzelzimmer, könnte auch der Bettnachbar mal heimlich zugreifen. Viele Besucher, oft verlässt man das Zimmer für Untersuchungen: Die Gelegenheiten sind oft gegeben.
Wiebke Baden und auch Vanessa Lepper, Sprecherin der PI Emden/Leer, raten Patienten dazu, Wertgegenstände, Schmuck und Geld besser zu Hause zu lassen, Angehörigen zu geben oder – wenn möglich – bei der Bank oder im Krankenhaus einzuschließen. „Wenn doch persönliche Gegenstände und Wertsachen mitgebracht wurden, sollten diese so verstaut sein, dass Unbefugte keinen direkten Zugriff darauf haben. Sie sollten nicht sichtbar auf dem Tisch liegen oder in der obersten Schublade verstaut werden“, rät Vanessa Lepper.
Was groß ist das Problem in ostfriesischen Krankenhäusern?
Wir haben bei allen ostfriesischen Festland-Krankenhäusern nachgefragt, also bei der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden, dem Borromäus-Hospital (Borro) in Leer und dem Klinikum Leer sowie dem Krankenhaus Wittmund. Genaue Zahlen nennen die Sprecherinnen und Sprecher nicht – nur der Wittmunder Geschäftsführer Stephan Rogosik schreibt: „Wir haben weniger als einen Fall pro Jahr im Durchschnitt.“ Dass es zu mehr Diebstählen komme, sei „nicht zunehmend bemerkbar“.
Wie ist das in Emden, Leer und Aurich? „Wir haben keinen spürbaren Anstieg von Diebstählen bemerkt“, schreibt Lisa Menken als Assistentin der Geschäftsführung beim Klinikum Leer. Hauke Mucha, Sprecher des Borromäus-Hospitals, erklärt, dass sowohl Diebstahl von Krankenhauseigentum als auch Diebstahl an Patienten „kaum eine Rolle“ spielten. „Diebstahlanzeigen (sowohl in Bezug auf Klinikeigentum als auch Verlustmeldungen durch Patienten) kommen in den Kliniken Aurich, Emden und Norden nicht in nennenswertem Umfang vor. Natürlich kann es trotzdem in Einzelfällen zu Verlusten persönlicher Gegenstände kommen“, schreibt Trägergesellschafts-Sprecherin Annika Weigelt.
Wie kann man sich in den Krankenhäusern schützen?
Generell wird in den Krankenhäusern dazu geraten, keine Wertsachen mitzubringen. In allen Kliniken stehen ansonsten auf einigen Stationen Schließfächer bereit, heißt es auf Nachfrage. Klar ist hier aber auch: Für die sichere Verwahrung sind die Patienten selbst verantwortlich. „Generell sind Patienten selbst für ihr Eigentum verantwortlich und unterschreiben dies auch bei der Aufnahme“, schreibt Hauke Mucha vom Borro.
„Die Kliniken raten Patienten dazu, Wertgegenstände nicht im Patientenzimmer zu lagern, sondern Angehörigen zur Verwahrung anzuvertrauen“, schreibt auch Annika Weigelt für die Trägergesellschaft. Wird also etwas Wertvolles aus dem Patientenzimmer gestohlen, das nicht eingeschlossen war, haften die Patienten selbst.
Wie ist das bei Unfällen?
Geplante Krankenhaus-Aufenthalte sind eine Sache, aber wenn man einen Unfall hat und womöglich sogar bewusstlos ins Krankenhaus kommt, wie wird dann mit möglichen Wertsachen verfahren? „In unserer Zentralen Patienten- und Notaufnahme verbleiben Wertsachen grundsätzlich direkt beim Patienten gesammelt in einem Beutel oder werden, wenn möglich, den Angehörigen ausgehändigt. Wertgegenstände mit besonders hohem Wert werden in Ausnahmefällen vom Pflegepersonal verwahrt“, schreibt Lisa Menken fürs Leeraner Klinikum. Für Notfallpatienten, die nach der Einlieferung auf der Intensivstation behandelt werden müssen, verwahren die Kliniken persönliche Wertsachen sicher in Safes oder Schließfächern, erklärt Annika Weigelt.
Auch in Wittmund werden die Sachen namentlich gekennzeichnet und eine Werttasche mit allem eingeschlossen oder an Verwandte übergeben, schreibt Stephan Rogosik. „Bei Einlieferung wird alles, was der Patient dabeihat, in einer Kiste gesammelt, welche durch einen Mitarbeitenden mit nummerierten Plomben verschlossen wird“, erklärt Hauke Mucha fürs Borro. Der Patient, wenn er ansprechbar ist, und eine Pflegekraft unterschreiben, dass sich alles Hab und Gut in der Kiste befindet und der Patient selbstständig für sein Eigentum verantwortlich ist. Ist er nicht ansprechbar, kümmern sich zwei Mitarbeitende, so Mucha. Die Kiste begleitet den Patienten durch das Krankenhaus, auch wenn beispielsweise eine Notfalloperation oder eine Verlegung auf die Intensivstation nötig ist.