Hamburg Nach Empörung um Kita-Sexualkonzept: Das sagt ein Kinderschutz-Experte
Eine AfD-Politikerin sieht in dem sexualpädagogischen Konzept einer Kita aus Niedersachsen einen Skandal. Hat sie etwas falsch gemacht? Das sagt Soziologe Jörg Maywald, auf den sich viele Kitas bei ihren Konzepten berufen – auch die kritisierte Kita in Badbergen.
Die Landtagsabgeordnete Vanessa Behrendt aus Niedersachsen empörte sich öffentlich über das sexualpädagogische Konzept einer Kita aus dem Landkreis Osnabrück. Sie forderte sogar ein Berufsverbot für das Kita-Personal.
Die Einrichtung des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Bramsche informierte auf der Webseite detailliert über die psychosexuelle Entwicklung von Kindern und den Umgang mit Doktorspielen. Dabei beruft sie sich auch auf die Fachliteratur „Sexualpädagogik in der Kita“ von Jörg Maywald, Honorarprofessor für Kinderrechte und Kinderschutz an der Fachhochschule Potsdam
Im Interview erklärt er, was er von der Empörung der AfD hält und wie der sensible Umgang mit kindlicher Sexualität gelingen kann.
Frage: Herr Maywald, die AfD-Abgeordnete Vanessa Behrendt bezeichnet das sexualpädagogische Konzept einer Kita aus Niedersachsen als pervers. (Im Konzept werden immer wieder Sie als Quelle benannt). Wie bewerten Sie diese Aussage?
Antwort: Die AfD greift immer wieder einzelne Formulierungen heraus, um sie dann zu skandalisieren und Sexualpädagogik generell als nicht kindgerecht zu diskreditieren. Diesen Mechanismus stelle ich bei dieser Partei immer wieder fest. Allerdings gibt es kleine Fehler und Ungenauigkeiten in dem Konzept, wie es auf der Seite zu finden war.
Frage: Welche?
Antwort: Im frühkindlichen Alter masturbieren nur etwa 20 Prozent der Kinder. Im Konzept liest es sich allerdings so, als würden dies alle Kinder tun. Der Begriff Doktorspiele ist außerdem veraltet. In der Sexualpädagogik sprechen wir mittlerweile von Körpererkundungsspielen.
Frage: Sollte ein solches Konzept denn öffentlich auf der Webseite stehen?
Antwort: Ich finde das gut, denn so können sich interessierte Fachkräfte oder aber Eltern, die ihr Kind vielleicht in dieser Einrichtung anmelden wollen, vorab informieren. Das Konzept sollte allerdings immer auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand sein.
Frage: Die AfD-Abgeordnete Behrendt ist der Meinung, Kita-Kinder würden zur Masturbation aufgefordert werden.
Antwort: Davon auszugehen, dass Körpererkundungen nur von Erwachsenen initiiert werden, ist völlig weltfremd. Es ist ein natürliches Bedürfnis des Kindes selbst. Erst kürzlich habe ich Fachkräften eine Fortbildung gegeben und gefragt, wer schon ein masturbierendes Kind in der Gruppe hatte. Alle, ohne Ausnahme. Aber es braucht klare Regeln.
Frage: Welche?
Antwort: Der Morgenkreis zum Beispiel ist kein geschützter Raum dafür. Die Kita aus Niedersachsen verbietet laut Konzept, dass Kinder sich bei den Körpererkundungsspielen komplett entkleiden. Außerdem darf nichts in Körperöffnungen gesteckt werden. Ich unterstütze diese Regeln, weil der Schutz von Kindern immer an erster Stelle stehen muss.
Frage: Die AfD will die Finanzierung sexueller Aufklärung in Kitas stoppen. Eine Frühsexualisierung könne die natürliche Entwicklung und Unschuld der Kindheit beeinträchtigen.
Antwort: Sexuelle Aufklärung schützt. Wir wissen, dass ein Kind, das Begriffe für Genitalien kennt, besser vor sexuellem Missbrauch geschützt ist. Ich bin auch ein Gegner von Frühsexualisierung. Sexualität von Kindern sollte nicht von Erwachsenen gefördert oder gar angeregt werden. Die sexuellen Aktivitäten, die von einem Kind ausgehen, sollten aber professionell begleitet werden.
Frage: Wie kann das gelingen?
Antwort: Kitas haben einen Bildungsauftrag und Fachkräfte müssen in der Lage sein, Fragen der Kinder kindgerecht zu beantworten. Allerdings ist die Kita keine Pflichtveranstaltung, daher sollten die Eltern immer eng mit einbezogen werden. Klammern wir das Thema Sexualität aber völlig aus, fügen wir Kindern damit Schaden zu, denn es ist ein Thema, das sie bewegt und interessiert.