Hamburg  „Pervers“: AfD-Abgeordnete stellt Kita aus dem Landkreis Osnabrück an den Pranger

Marie Busse, Anika Becker, Dirk Fisser, Ankea Janßen
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Von Marie Busse, Anika Becker, Dirk Fisser, Ankea Janßen
| 05.04.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Joachim Cierpka, Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Bramsche. Foto: Ankea Janßen
Joachim Cierpka, Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Bramsche. Foto: Ankea Janßen
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In Badbergen, einer kleinen Gemeinde in Niedersachsen, gilt die Welt gemeinhin noch als in Ordnung. Die aufgeregten Diskussionen dieser Tage scheinen weit weg. Doch mittlerweile hat der Kulturkampf auch hier Einzug gehalten. Was das mit einem Sexualkonzept einer Kita und einer AfD-Abgeordneten zu tun hat.

Vanessa Behrendt ist eine Frau mit einer Mission. Der Eindruck entsteht schnell, wenn man den Aktivitäten der AfD-Politikerin in den sozialen Netzwerken folgt. Mit „Schutz der Kinder“ hat sie auf ihrer Abgeordneten-Seite umschrieben, was sie offenbar antreibt. Auf X und Instagram äußert sich das in Beiträgen gegen „woken Mist“, gegen Trikots mit Regenbogen-Aufdruck oder gegen eine vermeintliche Frühsexualisierung von Kindern. 

Bei ihrer Mission geht Behrendt derart rigoros vor, dass zuletzt der Landtag in Niedersachsen ihre Immunität als Abgeordnete aufhob: Die Staatsanwaltschaft Göttingen geht dem Verdacht der Volksverhetzung nach, nachdem Behrendt die Regenbogenflagge als Symbol „pädophiler Lobbygruppen“ bezeichnet hatte.

Beeindrucken ließ sich Behrendt davon offenkundig bislang nicht, auch wenn sie sich Repressionen einer vermeintlichen „Pädo-Lobby“ ausgesetzt fühlt. So formulierte sie es im Landtag. Aktuell in den Fokus der AfD-Frau geraten: die Kita St. Georg in der Gemeinde Badbergen in Niedersachsen. 

Die Aufmerksamkeit der Politikerin erregt hat ein sogenanntes sexualpädagogisches Konzept, das die Kita auf ihrer Internetseite veröffentlicht hatte. In dem Dokument, das mittlerweile nicht mehr online zu finden ist, werden Entwicklungsschritte der Sexualität von Kleinkindern mit deutlichen Worten nachgezeichnet. Behrendt teilte Auszüge in sozialen Netzwerken.

In einer Passage heißt es etwa über das zweite Lebensjahr: „Die Kinder entdecken ihre Genitalien als Lustquelle und deren Stimulation durch eigene Berührung.“ Die Abgeordnete schrieb dazu: „Jeder Einzelne, der dieses perverse Konzept unterstützt, sollte auf der Stelle ein Berufsverbot erhalten. Solche Personen haben nichts, aber auch gar nichts, in der Nähe von Kindern zu suchen!” 

„Kranke Scheiße“, heißt es in Kommentaren, oder „Was ein Abschaum“, offenbar bezogen auf das Kita-Personal, das nach Meinung einiger Nutzer auf die Anklagebank gehört. Andere wiederum wiesen Behrendt darauf hin, dass das Konzept keine Anleitung zum Kindesmissbrauch sei, sondern eine Skizze dafür, wie sich kindliche Sexualität entwickle.

Während in den sozialen Netzwerken der Mob tobt, herrscht drei Tage nach dem Posting vor der Kita Alltag. Mütter und Väter tragen Rucksäcke und Kinder in das Backstein-Gebäude. Eine Großmutter bringt das Enkelkind mit dem Rad. Zeit für ein Gespräch haben wenige, ihren Namen möchten sie nicht öffentlich lesen. 

„Ich muss mich beeilen, aber was da im Internet über unsere Kita gesagt wird, ist furchtbar“, ruft eine Mutter, während sie zurück zum Auto läuft. „Völlig hirnlos“ sei es, was die AfD aus einem Schutzkonzept mache, stimmt eine andere zu. 

Die Diskussion um das Konzept und damit auch die Falschbehauptungen darüber sind offenbar in der Badbergener Realität angekommen: Im Dorf erzähle man sich inzwischen, dass die Kinder nackt in der Kita toben würden, berichtet eine Mutter kopfschüttelnd. „Aber das ist Quatsch. Die Kinder lernen ihren Körper und ihre eigenen Grenzen kennen“, sagt sie. Sie gebe ihr Kind mit einem guten Gefühl in die Einrichtung. 

Was man dort über das Posting denkt, bleibt offen. Unsere Redaktion hat die Kita mehrfach kontaktiert – ohne Erfolg. E-Mails wurden nicht beantwortet, das Telefon war zwischenzeitlich sogar abgestellt.

Ein Vater hat indes noch Zeit für eine Zigarette und erzählt:  „Die AfD reißt da etwas aus dem Zusammenhang. Es geht um Schutz von Kindern und nicht um irgendeinen perversen Missbrauch.“ Unter den Eltern frage man sich, wie man überhaupt auf Badbergen aufmerksam geworden ist. „Die Frau Behrendt hat nichts mit unserer Region zu tun und ist auch nie an die Kita herangetreten. Was soll das denn?“

Es seien immer wieder „besorgte Eltern“, die ihr fragwürdige Sexualkonzepte melden würden, teilt Behrendt auf Anfrage unserer Redaktion mit. „Die evangelische Kindertagesstätte in Badbergen gehörte dazu.“

Wer die von Behrendt verbreiteten Passagen durch eine Google-Suche schickt, sieht: Das Konzept aus Badbergen kommt bundesweit zur Anwendung. In Kitas in kirchlicher, aber auch kommunaler oder freier Trägerschaft. Überall finden sich exakte oder leicht abgewandelte Formulierungen, denn: sexualpädagogische Konzepte sind Teil von Schutzkonzepten, die jede Kita verpflichtend erstellen muss.

Behrendt kann an dem Konzept aber nichts Gutes finden und konkretisiert ihre Kritik auf Nachfrage: „Kinder haben ein natürliches Schamgefühl und dieses wird ihnen durch solche Konzepte genommen, was zur Folge haben wird, dass sie so viel schneller Opfer von sexuellem Missbrauch werden und auch eine enthemmte Sexualmoral entwickeln“, schreibt sie unserer Redaktion. 

Dass ein solches Sexualkonzept Teil offizieller Unterlagen ist, gilt für Behrendt als „handfester Skandal“. Sie fordert eine Überprüfung der Kita durch den Träger, „besser noch das Jugendamt“, und mutmaßt: „Sind die kritisierten Äußerungen womöglich nur die Spitze des Eisbergs? Sollte sich herausstellen, dass gravierende Fehler gemacht wurden, sind auch personelle Konsequenzen denkbar.“

Die Vorgesetzten der Kita-Mitarbeiter wollen davon aber nichts wissen. Joachim Cierpka, Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Bramsche und damit verantwortlich für die Kitas, sagte am Freitag:  „Ich stelle mich uneingeschränkt vor die Fachkräfte.“ Er trage den Inhalt des Konzeptes mit und unterstütze es. In Kürze solle es auch wieder online zu finden sein. Es solle dann deutlicher gemacht werden, dass sich das Konzept speziell an die Mitarbeiter richte.

Die Abgeordnete Behrendt indes hat bereits den nächsten vermeintlichen Skandal identifiziert: vermeintliche Trans-Propaganda in der Sesamstraße.

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