Auswertung von Daten Hoher Ermittlungsaufwand durch Kinderpornos in Leer und Emden
Die Zahl der Sexualdelikte ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen. Die Ermittlungsarbeit ist vor allem bei Darstellungen von Kindesmissbrauch sehr aufwendig – und anstrengend.
Leer - Die Zahl der Sexualstraftraten im Landkreis Leer und in der Stadt Emden ist in den vergangenen Jahren angestiegen. Waren es 2015 noch 180 Fälle, schloss die Polizeiinspektion (PI) Leer/Emden 2024 bei insgesamt 439 Taten die Ermittlungen ab. Das gaben die Beamten bei der Vorstellung der Kriminalstatistik bekannt. Im Vorjahresvergleich seien die Zahlen zwar zurückgegangen. „Es ist aber eine grundsätzlich steigende Tendenz zu erkennen“, sagte Angelika Grüter, Leiterin des Zentralen Kriminaldienstes, beim Pressegespräch.
„Wir haben eine eklatante Entwicklung bei der Verbreitung pornographischer Erzeugnisse“, so Grüter. Wie auch die gesamten Sexualdelikte gab es auch hier einen Rückgang im Vorjahresvergleich, aber einen deutlichen Anstieg in den letzten zehn Jahren.
Organisationen durchforsten weltweit Server
„Vor allem die Verbreitung von kinder- und jugendpornografischem Material stellt uns aufgrund von auszuwertenden Datenmengen vor Herausforderungen“, betonte Grüter. Sie berichtete davon, dass es unabhängige Organisationen gebe, die weltweit Server nach Darstellungen von Missbrauch durchforsten. Anschließend würden die Hinweise an das Bundeskriminalamt (BKA) gegeben. Von dort gehe es dann über das Landeskriminalamt (LKA) an die eigentlich zuständigen Polizeiinspektionen.
Wurden 2021 von der PI Leer/Emden 163 Taten wegen der Verbreitung pornographischer Erzeugnisse abgeschlossen, stieg die Zahl zu 2022 auf 175 an. 2023 gab es dann einen großen Sprung auf 277. Grüter kann diese Entwicklung erklären. „2022 gab es im LKA deutliche personelle Engpässe“, erläuterte sie. Dadurch hätten nicht so viele Fälle abgearbeitet werden können. Das sei dann 2023 möglich gewesen, wodurch die deutlich höhere Zahl zustande gekommen sei. Das habe sich jetzt relativiert. „Die Anzahl der Taten wird sich jetzt auf diesem Niveau halten, wenn es nicht mehr personelle Ressourcen gibt“, sagt die Polizeibeamtin. Insgesamt konnte die PI Leer/Emden im Bereich der Verbreitung pornografischer Erzeugnisse im Jahr 2024 knapp 98 Prozent der Straftaten aufklären. Unter dieser Rubrik werden sowohl Kinder- und Jungendpornographie verstanden als auch Erwachsenpornographie, die an Kinder und Jugendliche geschickt werde.
Polizei setzt auf Präventionsarbeit an Schulen
Dass sich Kinder untereinander Pornographie schicken, sei immer noch verbreitet. „Es passiert noch sehr häufig, dass sehr unbedacht Bilder verschickt werden“, sagte Grüter. Man setze dabei vor allem auf Präventionsarbeit an Schulen. Dabei werde auch deutlich gemacht, an wen sich Kinder und Jugendliche in solchen Fällen werden könnten. „Beispielsweise sind auch Religionslehrer eine Möglichkeit“, sagte Memering. Wenn diese ordinierte Pastoren sind, unterliegen sie der Schweigepflicht.
Auch Fälle, in denen Erwachsene andere Eltern warnend bestimmte Bilder schicken, müssten verfolgt werden. Problematisch sei auch, wenn beispielsweise ein Schüler einen Lehrer darauf aufmerksam machen will, dass bestimmte Bilder kursieren und diese an den Erwachsenen geschickt werden. Mittlerweile sei es aber vom Gesetzgeber als Vergehen heruntergestuft worden, damit Gerichte gegebenenfalls in solchen Fällen die Verfahren einstellen könnten. „Vorher war das nicht möglich“, sagte Inspektionsleiter Thomas Memering.
Künstliche Intelligenz hilft bei der Auswertung
Wenn solche Taten an die PI Leer/Emden weitergeleitet werden, folgt eine sehr umfangreiche Ermittlungsarbeit. „Wir müssen uns tatsächlich jedes Bild anschauen“, sagt Memering. „Das ist für die Beamtinnen und Beamten sehr anstrengend und es handelt sich teilweise auch um sehr viele Bilder. Mittlerweile gebe es zwar eine künstliche Intelligenz, die im ersten Schritt dabei helfe, die Bilder einzustufen. Dabei würden beispielsweise unbedenkliche Urlaubsfotos aussortiert. Die Ermittler müssten die pornographischen Bilder aber noch klassifizieren – ob es sich um die Darstellung Missbrauchs Minderjähriger handele.
Grüter und Memering berichteten bei dem Pressegespräch noch von einem sehr umfangreichen Fall. Im vergangenen Jahr sei die Ermittlungsgruppe „Janus“ gegründet worden. Ursprünglich sei es ein Verfahren in Sachsen-Anhalt gewesen. Es sei dabei um die Anstiftung zum schweren sexuellen Missbrauch gegangen. Hintergrund waren Chatverläufe und der Austausch von Dateien über die Internetplattform Knuddels.
Ermittlungen gegen 37-jährigen Beschuldigten
Dabei sei schließlich ein 37-jähriger Mann aus dem Bereich der PI Leer/Emden als Beschuldigter aufgetaucht. Es folgten eine Durchsuchung, bei der unter anderem Handys und ein Laptop sichergestellt worden seien. „Bei der Auswertung kam zum Vorschein, dass diese Person sehr aktiv bei Knuddels war“, sagte Grüter. 250.000 Bilddateien, 2.000 Videodateien und 86.000 Nachrichten hätten ausgewertet werden müssen. „Das waren riesengroße Umfänge, die abzuarbeiten waren.“
Memering erläuterte: „Man hat Chats geführt. Man hat Fantasien ausgetauscht. Anstiftungen wurden gemacht.“ Es seien mehrere hundert Akten angelegt worden, die dem Beschuldigten aus der Region, aber auch seinen Chatpartnern zugeordnet werden konnten. „Jeder einzelne Chat wurde von uns gelesen und bewertet“, verdeutlichte Grüter. Man habe schauen müssen, ob es nicht nur bei einer bloßen Aufforderung geblieben sei, sondern es eventuell tatsächlich zu einer Tat gekommen sei.
Fünf Personen seien ein Dreivierteljahr in der Ermittlungsgruppe bei der PI Leer/Emden damit beschäftigt gewesen. „Am Ende wird es in der Kriminalstatistik als ein Fall geführt“, sagte Memering – und Grüter ergänzt: „Es ist dennoch wichtig, dass wir es gemacht haben, um auszuschließen, dass es nicht wirklich zu Vorfällen gekommen ist.“ Ob es zu einer Anklage gegen den Beschuldigten kommt, liegt jetzt bei der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für solche Fälle in Hannover. Nach Memerings Angaben wird im Laufe dieses Jahres auch Aurich zu einer solchen Schwerpunktstaatsanwaltschaft.