Hamburg  Die neue Ungastlichkeit: Hat die Gastronomie keinen Bock mehr auf Kunden?

Julia Falkenbach
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Von Julia Falkenbach
| 30.03.2025 12:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Manche Cafés führen notebookfreie Tage ein oder verbieten das Mitbringen von Laptops gleich vollständig. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert
Manche Cafés führen notebookfreie Tage ein oder verbieten das Mitbringen von Laptops gleich vollständig. Foto: dpa/Klaus-Dietmar Gabbert
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Strafen für verfallene Reservierungen, Laptopverbot im Café, begrenzte Essenszeiten und Trinkgeldforderungen bei Selbstbedienung: Haben Gastronomen vergessen, wie Gastlichkeit funktioniert? Oder wir als Gesellschaft, wie man sich als Gast verhält?

Denke ich an das Restaurant, das meine Familie in meiner Kindheit am liebsten besuchte, denke ich an weiße Tischdecken, an Ausmalbilder und Buntstifte, und an „Bärentatzen“; am oberen Rand eingeritzte Fleischkäsescheiben, die in brauner Bratensoße ertränkt wurden.

An die Kellnerinnen, die sich an uns erinnerten, egal wie lang der letzte Besuch her war, an die sich scheinbar von selbst nachfüllenden Getränke und an „Ihr seid aber groß geworden”. Kurzum: Ich fühlte mich dort ähnlich zu Hause wie zu Hause, nur dass beim Essen Schuhe getragen werden mussten. 

Dieses Gefühl vermisse ich seit rund 15 Jahren (Eigentümerwechsel in „unserem“ Restaurant). Doch glaube ich, dass weniger die nostalgische Verklärung dafür verantwortlich ist, als vielmehr einige gastronomische Entwicklungen, die die Gastlichkeit der Gastwirtschaften ernsthaft bedrohen. 

Ich würde sie in drei Kategorien einteilen: die Sanktionskultur, die Taktung und ungerechtfertigte Trinkgelderwartungen. 

Ein mutmaßlich eher in Großstädten anzutreffendes Phänomen scheint etwa das Laptopverbot in Cafés, vor allem am Wochenende. Stundenlang an einem kleinen schwarzen Kaffee zu nippen und einen Tisch zu blockieren, um WLAN, Strom- und Heizkosten zu sparen und sich wie Carrie Bradshaw in „Sex and the City“ zu fühlen, verbietet eigentlich schon der Anstand. Doch den scheinen immer mehr Gäste vermissen zu lassen. Wohl fühle ich mich auch als laptoploser Besucher in einem Verbotscafé mit Generalverdacht gleichwohl nicht. 

In die Kategorie „Verbietet der Anstand“ fällt auch folgendes Beispiel, das inzwischen in Stadt und Land gleichermaßen verbreitet ist: Strafzahlungen für nicht eingehaltene Reservierungen, sogenannte „No Show“-Gebühren. Wer nicht kommt, muss in netteren Gaststätten gerne mal 50 Euro pro Person zahlen. Dafür wird die für die Reservierung erforderliche Kreditkarte belastet. Wehe dem, dessen Babysitter ausfällt oder der es wagt, kurzfristig krank zu werden. 

Nur: Spontan in ein schönes Restaurant zu gehen, kann man gefühlt vergessen. Nicht nur in Sternelokalen, in denen sich mein Magen und mein Geldbeutel fehl am Platz fühlen, sind zumindest die Freitag- und Samstagabende gerne mal Wochen im Voraus ausgebucht. Wer sich der Fraktion Laufkundschaft zuordnet, sollte besser Turnschuhe anziehen – einige Gastronomen scheinen am liebsten Tage vorher zu wissen, wann sie sich auf welchen Gast einzustellen haben. Auch hier: betriebswirtschaftlich verständlich, doch lässt es die Leichtigkeit vermissen. Die Taktung endet allerdings nicht beim Reservierungszwang. Das erste und mutmaßlich einzige Mal in meinem Leben in einem Sternerestaurant wurden wir etwa nach zwei Stunden aus dem Laden komplementiert. Dort wurde in zwei Schichten diniert (18 bis 20 Uhr oder 20 bis 22 Uhr). Gemütlich bei einem weiteren Getränk zu verweilen, war nicht vorgesehen. So nobel, so ungemütlich. Ich wäre lieber länger sitzengeblieben, als das Sushi auf einem Porzellan-Skateboard serviert zu bekommen. 

Kommen wir zum dritten Punkt: der Trinkgeldeinforderung. Ein Phänomen, das vor allem in Cafés und Bars zu finden ist. Bei der Kartenzahlung in Lokalitäten mit Selbstbedienung schlagen die Lesegeräte gerne acht, zwölf oder gleich 15 Prozent Trinkgeld vor. Angemessene Prozentzahlen für durchschnittlichen, guten oder ausgezeichneten Service bei einem schönen Abendessen – aber dafür, einen Milchkaffee aus der Maschine zu ziehen? 

Es tut mir leid, aber was ist mit der Gastronomie los? Wo sind all die gemütlichen klassischen Lokale und Cafés, in denen Gäste nicht als schnell abzufertigende wandelnde Geldbeutel gesehen werden, die hinterlistig lang Plätze besetzen oder ständig Reservierungen platzen lassen? Über Ihre Empfehlungen freue ich mich. Denn ich bin sicher, es gibt solche Lokale noch – ich kenne sie nur leider nicht.

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