Hüde  Analoge Fotografie wird UNESCO-Kulturerbe: Wie Kleinbildkameras in Mode kamen

Christian Satorius
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Von Christian Satorius
| 28.03.2025 12:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Die sogenannte Ur-Leica von Oskar Barnack wurde 1925 in Leipzig erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Foto: IMAGO/teutopress
Die sogenannte Ur-Leica von Oskar Barnack wurde 1925 in Leipzig erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Foto: IMAGO/teutopress
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Vor 100 Jahren bahnte die analoge Fotografie den Weg in den Alltag. Leicht und mobil, setzte sich die Kleinbildkamera allmählich durch. Wie ein deutscher Feinmechaniker die Fotografie revolutionierte und massentauglich machte.

In den Anfangstagen der Fotografie konnte man nicht so wie heute mal eben schnell ein Foto machen. Die Kameras und Objektive wogen viele Kilogramm und benötigten zudem ein Stativ, das ebenfalls nicht gerade leicht war.

Außerdem verwendeten die frühen Verfahren, die sich im 19. Jahrhundert weltweit verbreiteten, gesundheitsgefährdende Stoffe, wie etwa Quecksilber, Zyankali oder auch hochexplosive Schießbaumwolle, die zudem noch umständlich zu handhaben waren. So musste beispielsweise die ab Mitte des 19. Jahrhunderts verwendete Kollodium-Nassplatte innerhalb nur weniger Minuten im noch feuchten Zustand belichtet sowie weiterverarbeitet werden, und zwar unter labormäßigen Bedingungen. Wer außerhalb seines Ateliers fotografieren wollte, konnte also praktisch eine ganze Dunkelkammer mitschleppen. Das gefiel nicht jedem.

Es ist also wohl kein Wunder, dass sich Erfinder und Tüftler auf der ganzen Welt daran machten, das Fotografieren zu erleichtern und zu vereinfachen. Ein Trend war von Beginn an gesetzt, nämlich hin zu immer kleineren und leichteren Apparaten, die möglichst einfach zu bedienen waren. Ende des 19. Jahrhunderts revolutionierten einige Erfindungen die Fotografie, wie man sie bis dahin kannte. Zum einen verdrängten bald die neuen Gelatine-Trockenplatte die alten Kollodium-Nassplatten mehr und mehr. Ihr großer Vorteil war, dass sie nicht mehr eiligst in einem Zeitfenster von etwa 10 bis 15 Minuten belichtet und verarbeitet werden mussten.

Von nun an konnte man Fotoplatten, die allerdings immer noch aus schwerem Glas oder Metall bestanden, einfach im Geschäft kaufen, knipsen und entwickeln, wann man wollte. Der enorme Zeitdruck und das Hantieren mit der nicht ungefährlichen Chemie direkt vor Ort entfielen. Die Gelantine-Trockenplatte eröffnete der Fotografie so erstmals den Massenmarkt.

Noch einfacher und vor allem leichter wurde das Ganze durch die Erfindung des Rollfilms im ausgehenden 19. Jahrhundert, dessen Gelantine-Fotoemulsion zuerst auf ein Trägermaterial aus Papier, wenig später aber auch schon auf flexibles Zelluloid aufgebracht wurde. Schwere Glas- oder Metallplatten waren nun als Träger nicht mehr notwendig.

Zusammen mit dem Zelluloidfilm schrumpften auch die Filmformate immer mehr. Während zur Jahrhundertwende Negative im Fotoplattenformat 13 mal 18 Zentimeter noch weit verbreitet waren, kamen nach und nach immer kleinere Formate in Mode. So konnten auch die Kameras kleiner und leichter werden. Parallel dazu wurde das Filmmaterial immer hochempfindlicher, sodass es immer weniger Licht für eine Aufnahme benötigte. Fortschritte in der Emulsionstechnologie und die Erfindung schnellerer Kameraverschlüsse wie dem Schlitzverschluss ermöglichten nun verwacklungsfreie Aufnahmen aus der freien Hand, ganz ohne Stativ, in nur wenigen Sekundenbruchteilen.

Der deutsche Feinmechaniker Oskar Barnack (1879 - 1936) entwickelte zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich eine sehr kleine, leichte und handliche Kamera, in der er den gebräuchlichen Kinofilm belichten konnte, der mitsamt beidseitiger Perforationen 35 Millimeter breit war. In der Kamera entstanden damit Aufnahmen im Format 24 mal 36 Millimeter, also dem heutigen Kleinbildformat, die später dann vergrößert werden konnten.

Die Kamera erlaubte es, mehrere Aufnahmen auf den flexiblen Film zu belichten, der in einer sogenannten Tageslichtpatrone in die Kamera eingelegt werden konnte. Das bedeutete, dass das Filmeinlegen in den Fotoapparat nicht mehr im Dunkeln stattfinden musste, was das Handling enorm erleichterte. Diese Kamera wurde bei Leitz schließlich in Serie gefertigt und erhielt den Namen Leica (Leitz Camera). Der Weltöffentlichkeit wurde sie zum ersten Mal auf der Leipziger Frühjahrsmesse im März 1925 vorgestellt. Die sogenannten Kleinbildkameras sollten von da an den Markt aufrollen und immer beliebter werden.

Zwar gab es auch davor schon Apparate, die das Kleinbildformat nutzten, aber die kamen entweder nicht über das Prototypenstadium hinaus, wie etwa die Kamera von George P. Smith aus Richmond Heights, Missouri, aus dem Jahr 1912. Oder sie verschwanden ruckzuck wieder vom Markt, beispielsweise weil sie zu schwer waren, wie die 1914er Simplex von Multi Speed of New York, die einen enorm langen Film beherbergte, um damit bis zu 800 Fotos aufnehmen zu können.  

Wirklich durchsetzen konnte sich nur die Kamera Oskar Barnacks. Vor der Erfindung der Digitalkamera gab es gefühlt in so ziemlich jedem Haushalt mindestens eine Kleinbildkamera. Auch heute noch, in digitalen Zeiten, sind Kleinbildfilme auf dem Markt erhältlich und es werden sogar noch neue analoge Kleinbildkameras hergestellt und verkauft. Selbst in der Digitalfotografie ist das Kleinbildformat 24 mal 36 Millimeter noch als sogenanntes Vollformat präsent.

Der weltweite Erfolg der Kleinbildfotografie war aber keineswegs von Anfang an in Stein gemeißelt, wie man aus heutiger Sicht vielleicht meinen könnte, ganz im Gegenteil sogar. Das Kleinbildformat lieferte nämlich nur sehr kleine Negative oder Dias ungefähr in Briefmarkengröße, die relativ stark vergrößert werden mussten. Dabei wurde aber auch das Korn der Filmemulsion gleich mit vergrößert und konnte durchaus im Bild sichtbar werden und stören. Auch die Schärfe der Aufnahme nahm mit fortschreitender Vergrößerung immer weiter ab. Um einwandfreie Ergebnisse erzielen zu können, musste also eine sehr leistungsfähige Ausrüstung verwendet werden, sprich an die Kameras, Objektive, Vergrößerer, Projektoren und Filme wurden höchste Qualitätsansprüche gestellt. Eine solche Ausrüstung war aber auch damals schon nicht ganz billig. Zudem trat der Kleinbildfilm gegen den damals weit verbreiteten Rollfilm an, der u. a. Aufnahmen im beliebten Format 6 mal 9 Zentimeter erlaubte. Dieses hatte den großen Vorteil, dass ein Papierabzug innerhalb kürzester Zeit im Kontaktverfahren hergestellt werden konnte, und zwar ganz ohne teuren Vergrößerer. Ein Foto in diesen Abmessungen ließ sich schon gut mit dem bloßen Auge betrachten, wohingegen eine briefmarkengroße Kleinbildaufnahme in der Regel erst vergrößert werden musste oder aber eine gute Lupe zum Betrachten erforderte.

Überall dort, wo kleines, leichtes, mobiles und schnell einsatzbereites Equipment gefragt war oder es um bewegte Aufnahmen ging, konnten die Kleinbildkameras allerdings ihre Vorteile ausspielen, beispielsweise im Fotojournalismus. Günstige Preise führten schließlich dazu, dass das Kleinbildformat weltweit den Massenmarkt eroberte.

Aus den Ateliers vieler Profifotografen verschwanden der Rollfilm sowie auch der Planfilm, den es in noch größeren Formaten von bis zu 18 mal 24 Zentimeter und mehr gab, vor dem Erscheinen leistungsfähiger Digitalkameras allerdings nie. In der Werbe-, Produkt- und Magazinfotografie brachte das größere Format einige Reserven für Ausschnittsvergrößerungen mit sich und nicht nur Architekten benötigten weiterhin die Verstellbarkeit von Großformatkameras bzw. Fachkameras. Zudem schätzten viele Profis, nicht zuletzt in der Portraitfotografie, die Verwendbarkeit des Sofortbildmaterials der größeren Mittelformat- und Großformatkameras. Heute, im Zeitalter der Digitalfotografie, gibt es nur noch ganz wenige Hersteller, die neue analoge Kleinbildkameras und -filme auf den Markt bringen. Es gibt sie aber sehr wohl noch.