Osnabrück ADHS und seine tödlichen Begleiter: Warum Betroffene früher sterben
ADHS verkürzt das Leben: Zu diesem Ergebnis ist eine Londoner Studie gekommen. Neben den Konzentrationsschwächen und impulsiven Reaktionen sind nämlich noch eine Menge weiterer Begleiterscheinungen möglich.
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) trifft nicht nur Kinder und Jugendliche. Drei Prozent der Betroffenen nehmen sie mit ins Erwachsenenalter. Sie haben, wie englische Forscher jetzt herausgefunden haben, eine deutlich reduzierte Lebenserwartung.
Das Forscherteam vom University College in London konnte auf die Gesundheitsdaten von 30.000 britischen ADHS-Patienten aus 20 Jahren zurückgreifen, die man mit der ungefähr zehnfachen Anzahl von ADHS-freien Menschen verglich. Demnach haben Männer mit ADHS in Großbritannien nur eine Lebenserwartung von 73,3 Jahren gegenüber 80,0 Jahren, wenn sie die Erkrankung nicht haben. Bei den Frauen fällt die Differenz sogar noch drastischer aus. Sie leben mit der Erkrankung nur 75,2 statt 83,8 Jahre, und damit 8,6 Jahre weniger als ohne ADHS.
Das Resümee von Studienleiter Josh Stott lautet daher, ebenso kurz wie deutlich: „Erwachsene mit diagnostiziertem ADHS leben kürzer, als sie sollten.“ Bleibt die Frage, was für diesen Effekt sorgt. Zu den Hauptsymptomen der Erkrankung gehören ein übersteigerter Bewegungsdrang, Unaufmerksamkeit und eine gesteigerte Impulsivität.
All das kann zwar das Sterberisiko erhöhen, man denke nur an die Folgen, die Konzentrationsschwächen und impulsive Reaktionen haben können, wenn man mit dem Auto fährt. Aber sie erklären nach Ansicht der englischen Forscher nicht die große Diskrepanz von - geschlechterübergreifend - rund sieben Jahren, die zwischen den Lebenserwartungen von ADHS-Patienten und ADHS- freien Menschen liegt.
Wesentlich griffigere Erklärungen ergeben sich aus den weiteren Zahlen der Studie. So haben ADHS-Patienten oft mit psychischen Begleiterkrankungen zu kämpfen. Sie leiden drei Mal so häufig unter Ängsten und Depressionen, begehen fünf Mal häufiger Selbstverletzungen und Suizidversuche. Von den ADHS-Patientinnen ist sage und schreibe jede Dritte depressiv, jede fünfte begeht einen Suizidversuch. Was auch erklärt, weswegen ADHS bei Frauen noch stärker auf die Lebenserwartung drückt als bei Männern.
Ebenfalls erhöhend auf das Sterberisiko wirkt, dass 40 Prozent der ADHS-Kranken rauchen und sieben Prozent übermäßig Alkohol trinken. Das sind jeweils doppelt so viel wie in der Vergleichsgruppe. Hinzu kommt, dass sie oft schlechter ausgebildet sind, weniger verdienen und eine Neigung zu Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und finanziellen Probleme haben. Ganz zu schweigen davon, dass sie häufiger kriminell werden und illegale Drogen konsumieren.
Insgesamt ist es also weniger die Erkrankung selbst als die bunte Palette ihrer Begleitfaktoren, die das Leben eines ADHS-Patienten verkürzt. Was eine Prävention zwangsläufig komplizierter macht. Anderseits ließen sich viele Begleitfaktoren - im Unterschied zur Erkrankung selbst, die zu 80 Prozent genetisch bedingt ist - durchaus beeinflussen. Depressionen und Ängste etwa lassen sich therapieren, und das gilt auch für Nikotin- und Alkoholabhängigkeit.
Doch das passiert zu selten, und das liegt nicht zuletzt daran, dass diese Therapieangebote oft am ADHS-Patienten vorbeigehen, weil man sie für bedeutungslos im Hinblick auf seine Krankheit hält.
Ein weiteres Problem von ADHS: Die Integration der Patienten in Berufsleben und Gesellschaft. „Sie haben eigentlich viele Stärken und können sich mit der richtigen Unterstützung und Behandlung gut entwickeln“, betont Stott. So hätten sie, so der englische Psychologe, oft eine hohe Energie und die Fähigkeit, sich intensiv auf das zu konzentrieren, was sie interessiert. Dieses Potenzial könnte man in so manchem Berufsfeld nutzen, doch auch das geschieht zu selten.
„Menschen mit ADHS fehlt oft die Unterstützung, und sie erleben eher stressige Lebensereignisse und soziale Ausgrenzung“, beklagt Stott, „Und das wirkt sich negativ auf ihre Gesundheit und ihr Selbstwertgefühl aus.“