Statistik der Polizei  Verrohung der Gesellschaft auch in Emden und Leer bemerkbar

Jonas Bothe
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Von Jonas Bothe
| 26.03.2025 17:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Es gab im Jahr 2024 weniger Ladendiebstähle. Symbolfoto: Ortgies/Archiv
Es gab im Jahr 2024 weniger Ladendiebstähle. Symbolfoto: Ortgies/Archiv
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Die Zahl der Straftaten sank im Vorjahresvergleich zwar um fast zehn Prozent. Das liegt auch an der Teillegalisierung von Cannabis. Sorge bereitet der Polizei aber die Verrohung der Gesellschaft.

Leer - Die Zahl der Straftaten im Landkreis Leer und in der Stadt Emden ist im vergangenen Jahr deutlich zurückgegangen. Das gab die Polizeiinspektion (PI) Leer/ Emden am Mittwoch, 26. März 2025, bei einem Pressegespräch zur Kriminalstatistik bekannt. Die Zahl sank im Vorjahresvergleich von 14.498 auf 13.068 Fälle. Dies entspricht einem Rückgang um 1.430 Fälle (-9,86 Prozent). Damit stehe die PI Leer/ Emden auf Platz fünf im Landesvergleich, was den relativen Rückgang an bekannt gewordenen Fällen anbelangt. Hier werden Taten berücksichtigt, deren Ermittlungen im Jahr 2024 von der Polizei abgeschlossen und an die Staatsanwaltschaft übergeben wurden.

Die Aufklärungsquote ist im Vergleich zum Vorjahr um 0,55 Prozentpunkte auf 71,01 Prozent gestiegen. Dies stellt die zweithöchste Aufklärungsquote in Niedersachsen dar. „Das ist sehr erfreulich“, sagte Inspektionsleiter Thomas Memering.

Der Rückgang der Anzahl der bekannt gewordenen Straftaten für den gesamten Bereich der PI Leer/ Emden hat auch Auswirkungen auf die sogenannte Häufigkeitszahl. Diese stellt die Anzahl der Straftaten pro 100.000 Einwohner dar. Die Häufigkeitszahl lag 2024 bei 5.819. Im Vorjahr lag sie noch bei 6.447. Das ergibt einen Rückgang um 9,74 Prozent. „Alle drei Aspekte sind wesentliche Indikatoren dafür, dass wir in einer sehr sicheren Gegend leben“, sagte Memering. Sorgen bereite den Verantwortlichen allerdings die Entwicklung der steigenden Gewaltbereitschaft.

Mord und Totschlag

Bei den Straftaten „gegen das Leben“ wurden 2024 durch die PI Leer/Emden sechs Fälle abgeschlossen. Darunter waren drei Morddelikte. Bei zwei Taten kam jeweils eine Person ums Leben, erläuterte Angelika Grüter, Leiterin des Zentralen Kriminaldienstes. So hatte im November 2023 ein Mann seine Mutter in Weener umgebracht. Im Januar 2024 kam es ebenfalls in Weener zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei Männern, in deren Verlauf einer verstarb. Hinzu kommt ein versuchter Mord. Im Mai 2024 wurde von einer unbekannten Person in Moormerland ein Pflasterstein von einer Brücke auf die A31 geworfen. „Es gab zum Glück nur einen Sachschaden am Auto“, so Grüter. Die drei weiteren Fälle in diesem Bereich seien fahrlässige Tötungen gewesen.

In Weener war im November 2023 eine Frau von ihrem Sohn umgebracht worden. Das fand jetzt Berücksichtigung in der Kriminalstatistik. Foto: Penning/dpa
In Weener war im November 2023 eine Frau von ihrem Sohn umgebracht worden. Das fand jetzt Berücksichtigung in der Kriminalstatistik. Foto: Penning/dpa

Der Nachteil daran, dass die Fälle gezählt werden, wenn sie zur Staatsanwaltschaft übermittelt werden, ist, dass auch eine Tat in diesem Bereich darunter fällt, die bereits 2018 begangen wurde. Dieser Fall sei bereits einmal zur Staatsanwaltschaft übermittelt worden, allerdings sei von dort die Bitte gekommen, weiter zu ermitteln. Dies sei 2024 abgeschlossen worden und zähle somit in der Statistik mit.

Sexuelle Gewalt und Pornographie

Im vergangenen Jahr wurden 439 Sexualdelikte festgestellt. Das bedeutet im Vorjahresvergleich (491 Taten) einen Rückgang von 10,59 Prozent. Dennoch sei hier grundsätzlich eine ansteigende Tendenz zu erkennen, sagte Grüter. Beim Verbreiten von Pornos liegen die Zahlen nach wie vor auf einem relativ hohen Niveau (197 Fälle), jedoch ging die Anzahl der Taten um 28,88 Prozent zurück. Sehr beliebt seien jedoch nach wie vor sogenannte Memes, die mit wenigen Klicks zum Beispiel mit einem Nacktbild eines Kindes erstellt beziehungsweise manipuliert und dann versendet werden können.

Thomas Memering, Leiter der Polizeiinspektion Leer/ Emden, und Angelika Grüter, Leiterin des Zentralen Kriminaldienstes, stellten die Polizeiliche Kriminalstatistik vor. Foto: Bothe
Thomas Memering, Leiter der Polizeiinspektion Leer/ Emden, und Angelika Grüter, Leiterin des Zentralen Kriminaldienstes, stellten die Polizeiliche Kriminalstatistik vor. Foto: Bothe

„Vor allem die Verbreitung von kinder- und jugendpornografischem Material stellt uns aufgrund von auszuwertenden Datenmengen vor Herausforderungen“, betonte Grüter. Jede einzelne Datei müsse ausgewertet werden. Insgesamt konnten im Bereich der pornographischen Erzeugnisse knapp 98 Prozent der Straftaten aufklärt werden. Bei allen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung lag die Quote bei 92,94 Prozent.

Rohheitsdelikte

Bei den sogenannten Rohheitsdelikten gab es nach einem massiven Anstieg in 2023 im vergangenen Jahr erneut einen leichten Anstieg (0,9 Prozent). Insgesamt wurden in Kreis Leer und in Emden 2469 Delikte wie Raub, (gefährliche) Körperverletzung, Nötigung, Bedrohung und Nachstellung festgestellt. Der überwiegende Anteil (1588) waren dabei Körperverletzungen.

Die Zahl der Körperverletzungen ist weiterhin auf einem hohen Niveau. Symbolfoto: Ortgies
Die Zahl der Körperverletzungen ist weiterhin auf einem hohen Niveau. Symbolfoto: Ortgies

„Wir stellen fest, dass die Gesellschaft mehr und mehr verroht“, sagte Memering. Das sei nicht nur bei Erwachsenen der Fall, sondern auch bei Kindern und Jugendlichen. Über die genauen Gründe könne er nur spekulieren, das könnten nur Sozialwissenschaftler und Kriminologen beurteilen. „Es ist aber eine geringere Hemmschwelle in allen Bereichen festzustellen“, erklärte der Inspektionsleiter. Ein Indiz dafür sei auch die hohe Zahl der Bedrohungen. Diese sei nur leicht von 588 auf 576 Taten zurückgegangen. Bei der häuslichen Gewalt gab es hingegen einen weiteren Anstieg um 13 Prozent. Der überwiegende Anteil davon sind Rohheitsdelikte.

Diebstahl und Einbruch

Bei den Diebstählen sind die Zahlen stark rückläufig. „Es ist der niedrigste Wert der vergangenen zehn Jahre“, sagte Grüter. Weiter zurück habe man nicht recherchiert. Diese Tendenz sei auch landesweit zu verzeichnen. Die Anzahl der Eigentumsdelikte ist im Kreis Leer und in Emden um 20,33 Prozent von 4.182 auf 3.332 Taten gesunken. Es könne daran liegen, dass sich die Sicherungseinrichtungen an Fenstern und Türen deutlich verbessert hätten, erläuterte die Leiterin des Zentralen Kriminaldienstes. Außerdem gebe es mehr Videoüberwachung und auch die Präventionsarbeit trage Früchte.

Die Zahl der Einbrüche ist zurückgegangen. Symbolfoto: Ortgies/Archiv
Die Zahl der Einbrüche ist zurückgegangen. Symbolfoto: Ortgies/Archiv

Das gelte auch bei Einbrüchen in Wohnungen, aber auch Gaststätten oder Firmen. Laut Thomas Memering hatte es 2023 noch mehrere Einbruchsserien in Rhauderfehn und Weener gegeben. „Die Täter sind dann noch ermittelt worden, die Anzahl der Einbrüche ging zurück.“ Bei den Diebstählen habe sich zudem ausgewirkt, dass ein Tiktok-Trend, der junge Mädchen zum Stehlen animierte, offenbar wieder abgeebbt ist. Die Taten in dieser Altersgruppe seien auch deutlich zurückgegangen.

Internetkriminalität

Im Jahr 2024 wurden 1.003 Straftaten festgestellt, die mit dem Internet zusammenhingen. Darunter fielen Waren- und Warenkreditbetrug, aber auch Kinderpornographie sowie Beleidigungen und Bedrohungen. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr einen Rückgang von 9,23 Prozent.

Tankstellenbetrug

Hier gab es 2024 deutlich mehr Taten, sagte Thomas Memering. Der Grund: alleine 57 Taten habe es an einer Tankstelle gegeben, die gerade umgebaut wurde. In dieser Zeit habe es keine Videoüberwachung gegeben. Dementsprechend schwierig sei es, die Täter zu fassen.

Durch die Teillegalisierung von Cannabis sind die Straftaten im Bereich des Betäubungsmittelgesetzes zurückgegangen. Foto: Karmann/dpa
Durch die Teillegalisierung von Cannabis sind die Straftaten im Bereich des Betäubungsmittelgesetzes zurückgegangen. Foto: Karmann/dpa

Drogen

Die Zahl der Drogendelikte ist stark zurückgegangen. Wurden 2023 noch 1588 Taten registriert, waren es 2024 insgesamt nur noch 929 – ein Rückgang von 41,50 Prozent. Laut Grüter ist dies ist auf die Teillegalisierung von Cannabis zurückzuführen. Allein in diesem Bereich des Betäubungsmittelgesetzes sei ein Rückgang von 502 bekannt gewordenen Fällen zu verzeichnen. Dies entspreche ziemlich genau einem Drittel des gesamten Rückgangs. „Mit der Teillegalisierung von Cannabis haben wir deutlich weniger Straftaten zu bearbeiten. Das ist grundsätzlich positiv, dennoch sind Betäubungsmittel, auch unter Jugendlichen, weit verbreitet“, betonte Grüter. Memering ergänzt, dass vor allem Kokain ein Problem sei. Die großen Funde der Droge auf Borkum, aber auch in Hamburg hätten keinen Einfluss auf den Straßenverkaufspreis gehabt. „Das zeigt, wie unendlich viel Kokain auf den Straßen unterwegs ist“, so der Inspektionsleiter.

Gewalt gegen Polizeibeamte

Im Bereich der Gewalt gegen Polizeibeamte – Widerstandshandlungen und tätliche Angriffe – wurden im Bereich der Polizeiinspektion Leer/Emden 94 Fälle registriert. Insgesamt wurden 324 Polizeibeamtinnen und -beamte als Opfer von Straftaten erfasst. „Auch in unserem Inspektionsbereich gab es in der jüngsten Vergangenheit äußert brutale Widerstände und tätliche Angriffe, durch die unsere Kolleginnen und Kollegen verletzt wurden“, so Memering.

Die Täter

75 Prozent der Tatverdächtigen sind männlich. Der Anteil hat sich in den vergangenen Jahren kaum verändert. In einem ähnlichen Verhältnis befindet sich die Herkunft der Tatverdächtigen. 2024 waren 72,2 Prozent Deutsche und 27,8 Prozent Ausländer. In den Vorjahren war es ähnlich. Die Anzahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren ist von 1.607 auf 1.350 gesunken.

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