Hamburg Schuldenbremse oder Investitionen? Forscher sagt, was der „GenZ“ wichtiger ist
Was will die nachfolgende Generation mehr? Funktionierende Infrastruktur oder Schuldenfreiheit?Generationenforscher Rüdiger Maas hat darauf eine klare Antwort – und erklärt, warum gerade die Union trotzdem bei der Generation Z weiter an Ansehen verliert.
„Generationengerechtigkeit“. Das war eines der prägenden Schlagworte bei den Debatten rund um das 500 Milliarden schwere Infrastruktur-Sondervermögen der designierten schwarz-roten Regierung. Gegner und Befürworter der Schulden nahmen für sich in Anspruch, damit vor allem an kommende Generationen zu denken. Weil man dieser entweder eine bessere Infrastruktur oder eine gesunde Haushaltslage überlässt.
Für den Psychologen Rüdiger Maas, Gründer und Vorstand des Institutes für Generationenforschung ist klar, dass der jungen „Generation Z“, also die Geburtsjahrgänge von 1995 bis 2009, Investitionen insgesamt lieber sein dürften. Im Interview erklärt er, warum die etablierten Parteien bei der Bundestagswahl viele junge Wähler an AfD und Linke verloren haben und wieso gerade die Union mit ihrer Kehrtwende bei der Schuldenbremse jetzt dennoch nicht an Ansehen gewinnt.
Frage: Herr Maas, Befürworter und Gegner der Schulden proklamieren jeweils, etwas Gutes für die Zukunft zu tun. Die einen durch weniger Schulden, die anderen durch eine funktionierende Infrastruktur. Was ist denn der Generation Z wichtiger?
Antwort: Die Schuldenbremse ist für die Generation Z sehr abstrakt. Eine nicht funktionierende Bahn, fehlende Netzabdeckung und bauliche Probleme an den Universitäten bekommen die jungen Menschen hingegen ganz praktisch mit. Dazu kommt, dass in Deutschland viel schlecht geredet wird. Deswegen ist auch bei der jüngeren Generation in den Studien auch regelmäßig der Wunsch da, jetzt wieder mehr zu investieren.
Frage: Das heißt, die junge Generation müsste gerade ganz glücklich mit der designierten schwarz-roten Koalition und den Grünen sein, die das Schuldenpaket durchgeboxt haben?
Antwort: Das würde ich nicht sagen. Denn auch wenn die Schuldenbremse abstrakt ist, war die 180-Grad-Wende der Union ebenfalls Thema. Das ging auch sehr durch die sozialen Medien. Und da hat gerade die CDU viel Vertrauen eingebüßt.
Frage: Das müssen sie erklären. Denn die 180-Grad-Wende kommt dann doch den Wünschen der Jüngeren zugute, weil sie mehr Investitionen bedeutet.
Antwort: Aber der Vertrauensverlust wiegt schwerer. Erst haben sie die Jüngeren im Wahlkampf kaum wahrgenommen und links liegen gelassen, jetzt soll plötzlich vieles angegangen werden, was Robert Habeck gefordert hat, der zuvor jedoch schlecht geredet wurde, um mal ein Beispiel zu nennen. Das ist das, was bei vielen ankommt. Das Problem ist doch, dass die Vertrauensbasis vorher schon nicht groß war. Weniger als zehn Prozent der Erstwählerinnen hatten sich in Umfragen zuvor für Friedrich Merz ausgesprochen. Das ist gar nicht „ihr“ Kanzler.
Frage: Und ist das einzige Problem, dass eine Union in den sozialen Netzwerken nicht so aktiv ist wie etwa die AfD? Die Erklärung wirkt immer etwas platt.
Antwort: Nein, allein daran liegt es nicht. Aber eine einfache Rechnung: Jüngere Menschen sind durchschnittlich 100 Minuten am Tag bei TikTok. Und wenn 60 Prozent der Inhalte dort von der AfD sind, konsumieren sie eine Stunde pro Tag AfD-Inhalte. Natürlich bleibt da etwas hängen.
Antwort: Alle Parteien sind im Wahlkampf der AfD beim Thema Migration gefolgt, obwohl sie gleichzeitig die AfD verteufeln. Dadurch haben sie sich nicht besonders profiliert. Die einzige, die bei sich geblieben ist, ist die Linkspartei. Und die hat bei Social Media innerhalb kürzester Zeit eine riesige Durchschlagskraft aufgebaut. Man muss einfach festhalten, dass die politischen Ränder die direkte Ansprache viel besser beherrschen.
Frage: Sind die Parteipräferenzen bei jungen Wählern auch Frust geschuldet, weil im Alltag immer auf ihnen herumgehackt wird? Es gibt ja viele Pauschalisierungen, gerade in Richtung GenZ.
Antwort: Die gibt es, aber ich glaube, dass der Frust bei der Wahl der Partei keine Rolle gespielt hat. Es ist eher das fehlende Verständnis für politische Dynamiken. Man wählt jetzt die AfD, weil man keine Messerangriffe mehr haben will und nächstes Mal wählt man etwas anderes. So ist die Denkweise.
Frage: Und die Kritik und die Empörung, die es öffentlich regelmäßig in Richtung der AfD gibt, verfängt nicht?
Antwort: Sie hat wenn überhaupt einen gegenteiligen Effekt. Wir haben in qualitativen Studien, also direkten Befragungen, festgestellt, dass gerade AfD-Wähler nur sehr schlecht objektivieren können. Das, was sie subjektiv wahrnehmen, wiegt viel stärker als die Gesamtschau.
Frage: Haben die großen Infrastrukturinvestitionen denn überhaupt die Chance, die Stimmung und das Vertrauen der nächsten Generation zu verbessern?
Antwort: Genau wegen der schlechteren Objektivierung kann ich mir das nicht vorstellen. Denn die Verbesserungen wird es immer partiell geben. Wenn die Strecke Hamburg-Frankfurt oder die A9 saniert werden, kriegen das jene, die dort nicht unterwegs sind, erst einmal nicht mit.
Frage: Das heißt, die neue Regierung muss ihre Erfolge feiern, damit sie durchdringt?
Antwort: Ja. Das ist exakt das, was die Ampel viel zu wenig gemacht hat. Hätte sie das, was sie erreicht hat, viel mehr gepusht, hätten auch die jungen Wähler es wahrgenommen. Das heißt leider, Heldentaten müssen ständig erwähnt werden – vor allem in den sozialen Netzwerken.
Frage: Befürchten sie sonst eine weitere Stärkung der politischen Ränder zur nächsten Wahl?
Antwort: Ich glaube, die großen Parteien übersehen, dass Ihnen nach und nach auch ein Überbau an Wählern wegbrechen wird. Die ältere Generation hält Union und SPD gerade noch am Leben. Wenn Politik für die Jüngeren nicht erlebbarer gemacht wird, haben wir 2029, beziehungsweise 2033 – 100 Jahre nach 1933 – Mehrheitsverhältnisse, die aktuell niemand aus der politischen Mitte wollen kann.