Berlin Warum dieser Schauspieler eine Ostdeutschen-Quote im TV fordert
Braucht das deutsche Fernsehen eine Quote für Ostdeutsche? Genau das fordert ein Brief, den über 100 Filmschaffende unterschrieben haben. Der Schauspieler Matthias Lier ist einer davon. Wir haben mit ihm über seine Gründe gesprochen.
Über 100 Künstler fordern eine Ostdeutschen-Quote für Film und Fernsehen. Den offenen Brief dazu haben Filmstars wie Fritzi Haberlandt und Milan Peschel unterzeichnet und Autoren wie Kerstin Hensel und Dirk Oschmann. Auch der Schauspieler Matthias Lier hat seinen Namen darunter gesetzt.
Der Mittvierziger war zehn, als die Mauer fiel. Aufgewachsen ist er in Thüringen, Schauspiel hat er später in Österreich studiert. Heute ist er gut im Geschäft. Wer gern TV-Krimis wie den „Tatort“ oder „SOKO“ guckt, dürfte sein Gesicht kennen. „Ich fühle mich überhaupt nicht marginalisiert, sondern mittendrin“, sagt er. Und trotzdem meint Lier, dass etwas schiefläuft.
Aufgefallen ist es ihm schon vor fünf Jahren. Im Deutschlandfunk hatte er damals eine Sendung zur Thüringer Landtagswahl gehört. Vier von fünf Experten des Talks stammten nicht aus dem Osten. Lier schreibt dem Sender, wie sehr ihn das befremdet. Und er kriegt Antwort: „Man wundere sich doch sehr, dass das 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch Thema ist, hieß es da“, erinnert sich Lier. „Da war mir klar, dass wir Ostdeutschen ein Problem mit der Sichtbarkeit haben. Kein Mensch versteht den Osten, aber alle reden über ihn. Ich frage mich, warum lasst ihr ihn nicht selber reden?“
Den westdeutschen Talk über den Osten findet Lier symptomatisch. Der offene Brief beklagt eine „strukturelle Benachteiligung“ von Ostdeutschen in den Medien, sogar von „Ausgrenzung“ ist die Rede: „Positionen, in denen man gestalten kann, werden meist innerhalb bestehender Netzwerke vergeben“, heißt es in dem Papier. „Als zu spät Dazugekommene haben Ostdeutsche dabei meist das Nachsehen.“ Obwohl jeder fünfte Deutsche ist im Osten geboren wurde, besetzen Ostdeutsche in den Medien nur rund sieben Prozent der Spitzenpositionen.
„Die Geschichten, die das Fernsehen über den Osten erzählt, stammen meistens aus dem Westen“, stellt Lier fest. Was das bedeutet, sieht er in seinen Drehbüchern: „Ein Klischee, das immer wieder auftaucht, ist der Hinweis: ‚Figur spricht Ostdeutsch.‘ Was für eine Sprache soll das sein?“, fragt er. „Niemand, der sich im Osten auskennt, würde sowas schreiben. Es sagt schließlich auch keiner, dass eine Figur ‚Westdeutsch‘ spricht.“
Plumpe Zuschreibungen wie diese verdecken für Lier die Besonderheiten, die Ost und West wirklich trennen – sogar in der Sprache. „Im Osten war es zum Beispiel verpönt, besonders klug zu wirken. Selbst als Ingenieur sprach man wie der normale Arbeiter, sonst wurde man nicht ernst genommen. Das höre ich bei mir immer noch in der Familie. Egal, welchen Bildungsstand man hat – es herrscht ein und dieselbe Sprache.“
Und dann war die DDR ein Überwachungsstaat. Wichtige Unterhaltungen, beobachtet der Schauspieler, werden im Osten heute noch mit gesenkter Stimme geführt. Für solche Nuancen, für dieses Gefühl der Zugehörigkeit sind Filme da, sagt Lier. „Jemand, der da aufgewachsen ist, hat das in der DNA. Der kommt gar nicht auf die Idee, das anders zu machen. Von außen kriegt man das nicht mal mit viel Recherche hin.“ Ein Drehbuch, das von Rügen bis zum Thüringer Wald breites Sächsisch unterstellt, verfehlt damit schlicht den wirklichen Klang des Ostens.
Ob eine Quote das ändert und ob sie überhaupt umsetzbar wäre – am Ende ist Lier das weniger wichtig als die Diskussion und ein Bewusstseinswandel. „Sinn und Zweck des Ganzen ist, dass wir von stereotypen Erzählweisen wegkommen. Dass der Osten in seiner ganzen Vielfalt dargestellt wird und nicht eingeengt auf die Klischees von Wutbürgern, FKK und der emanzipierten Frau.“
Stattdessen wünscht er sich ein Fernsehen, bei dem Ostdeutsche sich abgeholt fühlen. Sonst, fürchtet er, füllen andere die Lücke. Und wie das klingt, erlebt Matthias Lier in seinem eigenen Umfeld. Einer seiner Onkel, erzählt er, sitzt seit Jahren für die AfD im Thüringer Landtag. „Wir können miteinander scherzen. Wir können uns auch die Meinung sagen“, berichtet Lier – und doch verzweifle er an den ostdeutschen Opfergeschichten, die er auf Familienfeiern hört. Und an Reden, in denen der Onkel ein tausendjähriges Deutschland beschwört.
Auch der offene Brief stellt seine Forderungen in den politischen Kontext: Für die Unterzeichner wäre die Quote Ost „ein Schritt für gelebte Demokratie und Miteinander, ein Schritt in Richtung Teilhabe, ein wirklicher Ansatz gegen Spaltung, Bevormundung und Fremdbestimmung“. Wenn sich Matthias Lier dafür einsetzt, dann auch aus seiner persönlichen Erfahrung: „Ich will meinem Onkel und seiner Partei nicht das Feld für die Erzählung seiner Version eines ostdeutschen ‚Helden‘ überlassen“, sagt er. „Das können wir Filmemacher besser.“