Osnabrück  Eine Umarmung mit Alice Weidel – ist nur ein paar Klicks entfernt

Louisa Riepe
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Von Louisa Riepe
| 17.03.2025 09:30 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der neue Trend auf TikTok „#huggingtrend“ zeigt mithilfe von KI generierte Videos, auf denen die Nutzer bekannte Persönlichkeiten umarmen. Die AfD um Alice Weidel weiß das für sich zu nutzen. Foto: IMAGO/BODE
Der neue Trend auf TikTok „#huggingtrend“ zeigt mithilfe von KI generierte Videos, auf denen die Nutzer bekannte Persönlichkeiten umarmen. Die AfD um Alice Weidel weiß das für sich zu nutzen. Foto: IMAGO/BODE
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Die AfD dominiert die politische Meinungsbildung in den sozialen Medien. Insbesondere die U25-Wählerschaft scheint darauf anzuspringen. Welche Strategien dahinter stecken und was das für unsere Informationskultur bedeutet, erläutert Chefredakteurin Louisa Riepe.

Bei der Bundestagswahl fiel auf, wie unterschiedlich die Ergebnisse nach Altersgruppen ausgefallen sind: Bei den Wählern unter 25 Jahren lag die Linke mit 25 Prozent vor der AfD mit 21 Prozent, während Union, SPD und Grüne abgeschlagen auf den Plätzen drei bis fünf landeten.

Das wurde vielfach damit begründet, dass die hier erfolgreichen Parteien über die sozialen Medien besonders aktiv auf die Jungwähler zugegangen sind. So schreibt die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in einer Analyse zum Europawahlkampf 2024:

  Hier hätten alle demokratischen Parteien und ihre Politiker, im Unterschied zur AfD, noch Optimierungspotential. Eine Untersuchung der Menschenrechtsorganisation „Global Witness“ aus dem Februar 2025 legt nahe, dass Plattformen wie TikTok rechte Inhalte sogar überproportional häufig ausspielen.

Viele von Ihnen haben sicherlich gelesen oder gehört, wie aktiv die AfD in den sozialen Netzwerken ist. Begibt man sich tatsächlich einmal hinein in die Filterblase, überrascht die Präsenz aber dann doch. Zumindest ging es mir so, als ich auf der Social-Media-Plattform TikTok auf den #huggingtrend stieß.

Unter diesem Stichwort veröffentlichen Nutzer KI-generierte Videos, die sie bei Umarmungen zeigen, etwa mit verstorbenen Angehörigen, Berühmtheiten wie Justin Bieber, Jesus Christus – oder auch der Politikerin Alice Weidel. So ein Video zu erstellen, dauert mit dem richtigen Werkzeug und dem passenden Bildmaterial nur wenige Sekunden.

Der Inhalt hat mit der Realität sichtbar nichts zu tun. Verbreitet werden auf TikTok aber auch Videos von Großdemonstrationen, bei denen angeblich hunderttausende Menschen in deutschen Großstädten gegen links und für die AfD protestieren. Echte Bilder, in einen anderen Zusammenhang gebracht: Dass hier Falschinformationen verbreitet werden, ändert an der Reichweite der Inhalte nichts.

Und in den Kommentaren lässt sich nachlesen, wie naiv manche Nutzer glauben, was sie zu sehen bekommen, ohne es zu hinterfragen oder einzuordnen. Zumal die Algorithmen der Plattformen Nutzern, die auf solche Inhalte ansprechen, bekanntlich noch mehr passenden Content anbieten:

Ein gewisser Björn Banane, der sich selbst einen „Rocker für den Widerstand“ nennt, singt dann etwa „Alice für Deutschland“ zum Ballermann-Sound. Ausschnitte aus Weidels Reden und Interviews werden geteilt, etwa vom Bundesparteitag Anfang Januar in Riesa, wo sie ihrem jubelnden Publikum versprach: „Wir reißen alle Windkraftwerke nieder. Nieder mit diesen Windmühlen der Schande.“

Dafür erntet sie auch Monate später noch unzählige blaue Herzchen als Zeichen der Zustimmung der Nutzer. Niemand hinterfragt, niemand widerspricht. Ein anderes, häufig geteiltes Video zeigt Weidel beim Gillamoos-Volksfest in Bayern. „Sie wollen uns die Schweinshaxe, die Bratwurst, das Schnitzel verbieten“, behauptet sie da, und weiter: „Und ich kann euch sagen, ich lasse mir nicht mein Schnitzel wegnehmen. Niemand geht an mein Schnitzel!“

Hinter solchen Postings könnte nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung die „TikTok Guerilla“ der AfD stecken. Orchestriert über Telegram, stellt die Partei demnach Videomaterial zentral zum Download bereit und lässt es durch ihre Anhänger dezentral in die Netzwerke einspeisen. Mit dem Ergebnis, dass die Reichweite steigt.

Die sozialen Netzwerke haben selbst kein Interesse daran, solche Inhalte zu regulieren. Das ist spätestens nach Mark Zuckerbergs Ankündigung, die Meinungsfreiheit bei Meta stärken zu wollen, klar. Insofern bleibt den Nutzern nur, selbst eine kritische Haltung zu den Inhalten auf den Plattformen aufzubauen – und auch der Generation U25 dabei zu helfen.

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