Osnabrück Osnabrücks Polizeichef in Sorge: 10.000 Körperverletzungen in einem Jahr
Der Westen von Niedersachsen ist besonders sicher, sagt Michael Maßmann. Er muss es als Polizeipräsident von Osnabrück wissen. Und doch: Die gestiegene Gewaltbereitschaft macht ihm Sorgen. Ein Gespräch über Sicherheit, unbeschwerte Volksfeste, die Messer-Debatte und die Herkunft von Tätern.
Nach 47 Jahren als Polizist ist bald Schluss: Osnabrücks Polizeipräsident Michael Maßmann geht in den Ruhestand. Zeit, ein letztes Mal mit ihm auf die Sicherheitslage im Westen von Niedersachsen zu schauen: Gut 1,5 Millionen Menschen leben im Gebiet „seiner“ Polizeidirektion zwischen Nordseeküste und Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen.
Im Interview geht es um das erschütterte Sicherheitsempfinden nach den Anschlägen von München, Mannheim oder Aschaffenburg – aber auch um die tatsächlichen Zahlen: Die Zahl der Straftaten geht - zumindest in West-Niedersachsen – laut Maßmann zurück, die Aufklärungsquote steigt. Allein: Die Zahl der Körperverletzungen steigt weiter. Warum? Der Polizeipräsident hat einen Verdacht.
Frage: Herr Maßmann, in den vergangenen Wochen haben eine ganze Reihe von Anschlägen Deutschland erschüttert und den Bundestagswahlkampf geprägt: Die Täter attackierten Mitmenschen mit Messern oder rasten mit Autos in Menschenmengen. Wie sicher lebt es sich hierzulande noch?
Antwort: Ich kann verstehen, wenn Menschen beunruhigt sind: München, Mannheim, Solingen, Aschaffenburg… mit all diesen Städten sind furchtbare Verbrechen verknüpft, von Rammattacken mit Autos bis hin zu Messerangriffen auf Kinder. Das macht etwas mit dem Sicherheitsempfinden. Aber hält man die Zahlen dagegen, kann ich für die Polizeidirektion Osnabrück sagen: Es lebt sich hier, im Westen von Niedersachsen, sehr sehr sicher.
Frage: Das heißt?
Antwort: Die Zahl der Straftaten nimmt immer weiter ab. Vor etwa 20 Jahren hatten wir noch gut 30.000 Straftaten mehr als das, was die Polizei 2024 erfasst hat. Wir bewegen uns da jetzt bei etwas mehr als 80.000. Hinzu kommt: Mit 66 Prozent haben wir die höchste Aufklärungsquote aller Zeiten – das ist Spitzenwert in Niedersachsen.
Frage: Die Zahlen sind das eine, das Sicherheitsempfinden auch in einer ländlichen Region wie West-Niedersachsen das andere. Und das scheint durch die genannte Aneinanderreihung an Anschlägen stark erschüttert…
Antwort: Kein Widerspruch meinerseits. Ich merke auch, wie Millimeter für Millimeter die Sorge ins Bewusstsein der Menschen eindringt. Letztlich ist es doch so: Eine offene Gesellschaft bietet immer auch Angriffsfläche. Was wäre die Alternative? Weihnachtsmärkte ganz verbieten? Oder Volksfeste wie die Maiwoche in Osnabrück unter Hochsicherheitsvorkehrungen in eine Halle verlegen? Das ist die falsche Antwort auf das Bedrohungsgefühl.
Frage: Eine Gemeinsamkeit vieler Anschläge der vergangenen Monate: Die Täter waren für die Behörden keine Unbekannten. Und doch ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht wahr- oder ernst genommen worden. Warum versagt der Sicherheitsapparat immer wieder?
Antwort: Das ist mir zu pauschal. Und manche Kritik empfinde ich da auch als unangebracht. Verantwortlich ist am Ende immer noch der Täter für seine Tat! Und nur weil jemand als Ladendieb aufgefallen ist, lässt sich daraus nicht gleich die Gefahr eines Amoklaufs ableiten. Richtig ist aber: Der Informationsfluss und die Zusammenarbeit zwischen Behörden und dem Gesundheitssystem bei Menschen mit psychischen Auffälligkeiten war in der Vergangenheit mit hohen Hürden verbunden. Da ist nach meiner Wahrnehmung mittlerweile, auch unter dem Eindruck der vergangenen Taten, Bewegung hineingekommen. Informationen fließen leichter, und das ist auch gut so!
Frage: Wie geht’s denn Ihnen persönlich angesichts der Anschläge der vergangenen Wochen: Gehen Sie noch unbeschwert auf Großveranstaltungen?
Antwort: Der Privatmann Michael Maßmann geht immer noch unbeschwert auf den Weihnachtsmarkt oder auf die Maiwoche, denn ich weiß, dass die Veranstaltungen nach besten Wissen und Gewissen abgesichert sind. Aber klar ist doch auch: Nicht jede Tat wird sich verhindern lassen, es gibt keine 100-prozentige Sicherheit. Dennoch: Die Bürgerinnen und Bürger können ihrer Polizei vertrauen. Wir machen unseren Job und sorgen für Sicherheit.
Frage: Sie sind seit 47 Jahren Polizist, Sie haben die starken Rückgänge bei den Straftaten erwähnt. Aber richtig ist doch auch, dass früher unbeschwerter gefeiert wurde, oder? Da wurde keine Messerkontrolle durchgeführt, da mussten keine Absperrpoller aufgebaut werden.
Antwort: Stimmt. Nehmen wir ein Beispiel aus dem Fußballbereich: Wenn der VfL Osnabrück vor 30 Jahren gegen den FC St. Pauli gespielt hat, dann waren vielleicht eine handvoll Polizisten im Einsatz. Heute wären da mehrere Hundertschaften im Einsatz.
Frage: Weil die Gesellschaft insgesamt gewaltbereiter geworden ist, auch wenn die Zahl der Straftaten insgesamt rückläufig ist?
Antwort: Den Eindruck könnte man beim Blick auf die Zahlen bekommen: Während wir insgesamt immer weniger Straftaten verzeichnen in der Polizeidirektion, bleibt die hohe Zahl an Gewaltdelikten ein Problem. Allein 10.000 Körperverletzungen im letzten Jahr. Dazu immer mehr Angriffe auf Polizisten und Rettungskräfte, viele Bedrohungen und mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Wo soll das noch hinführen? Gewalt kann niemals Problemlöser sein! Wir brauchen hier eine gesellschaftliche Debatte. Immerhin: Die Aufklärungsquote bei den Rohheitsdelikten liegt hier bei über 90 Prozent. Wer Gewalt anwendet, den kriegen wir also mit hoher Wahrscheinlichkeit auch.
Frage: Wer sind die Täter? In der sicherheitspolitischen Diskussion der vergangenen Monate wurde darauf verwiesen, dass Ausländer beispielsweise bei Messerdelikten überproportional vertreten sind.
Antwort: Grundsätzlich werden die Täter immer jünger. Das hat aber erstmal nichts mit ihrer Nationalität zu tun, sondern eher etwas mit gesellschaftlichen Veränderungen. Die Messerangriffe in der Direktion sind weniger geworden, 341 waren es noch im letzten Jahr. In vielen Fällen wurde das Messer als Drohkulisse eingesetzt. Es ist so, dass in diesem Deliktsfeld nichtdeutsche Tatverdächtige mit 41 % überproportional beteiligt sind. Das ist in anderen Kriminalitätsbereichen nicht so. Wir schauen da genau hin, woran es liegt.
Frage: Vielleicht ist die Diskussion um die Messerdelikte mit Flüchtlingen als Tatverdächtigen auch deswegen so emotional, weil es sich in der Regel um Straftaten handelt, bei denen der Tod des Gegenübers in Kauf genommen wird von Menschen, denen in Deutschland Schutz geboten worden ist?
Antwort: Bei allem Verständnis für Emotionalität. Emotionen sind kein guter Ratgeber für sachliche Entscheidungen. Die Polizei analysiert regelmäßig das Kriminalitätsgeschehen. Bei Auffälligkeiten reagieren wir mit geeigneten Maßnahmen. Das gilt natürlich gleichermaßen für die Ausländerkriminalität. Aber pauschale Behauptungen und Vorverurteilungen aus bestimmten politischen Lagern bringen uns da nicht weiter. Im Gegenteil. Klar ist: Wer als Ausländer in Deutschland schwere Straftaten begeht, der muss das Land verlassen. Wir als Polizei bekommen aber mit, mit wie vielen Hürden die Umsetzung dieser Forderung verbunden ist. Die Polizei mit ihrem Gewaltmonopol leistet Amts- oder Vollzugshilfe, wenn abgeschoben werden soll. Die Verantwortung für die Abschiebung tragen aber andere. Aus der Praxis heraus leite ich ab: Die Frage von Abschiebungen muss von einer Stelle geklärt werden. Es sind zu viele Behörden auf zu vielen Ebenen eingebunden. Gäbe man hier alles in die Hand des Bundes beispielsweise, wäre das deutlich effizienter.