Erste Sichtung vor 10 Jahren Zahlreiche Wolfsrisse – nicht nur im Rheiderland
Vor zehn Jahren wurde erstmals wieder ein Wolf im Rheiderland gesichtet – eine kleine Sensation. Heute sind die Tiere für Nutztierhalter ein rotes Tuch – und es gibt wieder Risse.
Weener - Fast auf den Tag genau zehn Jahre ist es her, dass in Ostfriesland zum ersten Mal ein Wolf gesichtet wurde. Nachdem das Tier damals schon in den niederländischen Provinzen Drenthe und Groningen, aber auch im Oldenburger und Cloppenburger Raum beobachtet worden war, arbeitete sich der Wolf Richtung Rheiderland vor. Er wurde von Augenzeugen unter anderem am Heerenweg in Bunde gesichtet.
Was damals einen kleine Sensation war, treibt Nutztierhaltern heute die Zornesröte ins Gesicht. In den vergangenen zehn Jahren fielen in Ostfriesland unzählige Schafe, Ziegen und Kälber Wolfsattacken zum Opfer. Ein Ende ist nicht in Sicht, befürchtet Erich Delfs.
Der Bezirksförster der Bezirksförsterei Ems-Jade ist mit dem Aufforsten von Waldgebieten momentan eigentlich gerade voll ausgelastet. Doch in den vergangenen Tagen wurde er immer wieder aus seiner Arbeit herausgerissen. Nachdem wochenlanger Ruhe war, ist jetzt wieder sein Urteil in Sachen Wolfsrisse gefragt. In den vergangenen Tagen war er als Rissgutachter der Landwirtschaftskammer mehrfach in der Region unterwegs, nachdem Wölfe im emsländischen Dersum, in Weener, Wittmund und Arle zahlreiche Schafe gerissen hatten.
Tote Schafe in Stapelmoor
Am Freitag vergangener Woche musste Delfs nach Stapelmoor auf den Hof der Familie Siemens ausrücken. „Wir gucken morgens immer nach dem Rechten“, erzählt Dieter Siemens, der in Stapelmoor einen Milchviehbetrieb bewirtschaftet. „Wir haben uns gewundert, dass die Schafe plötzlich auf einer ganz anderen Weide waren.“ Ein Tier habe tot auf der Wiese gelegen. „Der Bock lag angebissen im Graben. Wir konnten ihn nur noch von einem Tierarzt erlösen lassen.“
Eine Entschädigung kann Dieter Siemens nicht erwarten. Eine Grundsicherung der Schafe mit einem speziellen Schutzzaun hat er nicht. „Nur ein Flexinetz mit Strom“, sagt er. Ein Teil der Weide sei gar nicht abgegrenzt, weil dort ein Graben verläuft. Der wird von Schafen als Grenze akzeptiert, ist aber offenbar kein Hindernis für einen Wolf.
DNA-Test kostet 200 Euro
„Wir haben die Schafe nur zum Hobby und für die Enkelkinder, die sich schon auf die Lämmer freuen“, erzählt Dieter Siemens. Er hat die Tiere nach dem Vorfall auf eine Weide am Haus geholt und hofft, von weiteren Angriffen verschont zu bleiben. Siemens hält es aber für wichtig, dass jeder Riss gemeldet wird. Nur so bekomme das Land ein Bild vom tatsächlichen Ausmaß der Wolfsangriffe.
Nach Einschätzung des Rissgutachters Erich Delfs seien die Tiere in Stapelmoor eindeutig von einem Wolf angegriffen worden. Das gelte auch für weitere Fälle im emsländischen Dersum, in Arle bei Norden und in Wittmund. Delfs hat inzwischen Erfahrung mit dem Biss-Schema. „Der typische Kehlbiss deutet auf einen Wolf hin“, sagt er. Klarheit soll die DNA-Probe bringen, die er jedes Mal routinemäßig nimmt. Die Auswertung könne aber vier Wochen dauern. Bei Weiden ohne Grundsicherung werde laut Delfs mittlerweile sogar auf eine DNA-Probe verzichtet. „Die Untersuchung kostet immerhin 200 Euro.“
Wölfin ist tot
Im vergangenen Jahr hatte es seit Himmelfahrt eine ganze Reihe von Wolfsattacken im Rheiderland gegeben. Wie DNA-Untersuchungen belegten, war für einen Großteil der Fälle ein weiblicher Wolf aus den Niederlanden verantwortlich. Bei den genommenen DNA-Proben stellte sich heraus, dass die Wölfin offenbar nicht allein durchs Rheiderland streifte, sondern wohl von einem Bruder Jagdgesellschaft bekommen hatte.
Inzwischen lebt die Wölfin nicht mehr. Sie war Anfang Dezember tot in Sandkrug bei Oldenburg gefunden worden und vermutlich bei einem Unfall zu Tode gekommen. Für den Riss einer Ziege am 10. Dezember kann somit nur ihr Bruder oder ein anderes Tier verantwortlich sein. Seitdem ist es ruhig gewesen im Rheiderland.
„Es ist schwer einzuschätzen, ob es seitdem wirklich keine weiteren Fälle gab oder ob sie einfach nicht mehr gemeldet wurden“, sagt Rissgutachter Erich Delfs. Es sei gut möglich, dass die Wölfe das Rheiderland verlassen hätten, nachdem die meisten Weidetiere eingestallt worden seien. Er gehe davon aus, dass auch künftig Risse von Nutztieren in Ostfriesland zu beklagen sein werden. „Von Januar bis März ist Paarungszeiten, da laufen Wölfe auf der Suche nach einem Partner lange Strecken“, so Delfs.