Kiel  Axel Milberg über „Tatort“-Aus: „Ein Filmtod ist gut angelegtes Geld“

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 14.03.2025 06:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 10 Minuten
Stirbt der Kommissar Borowski in seinem letzten „Tatort“? Axel Milberg im Kreuzverhör. Foto: dpa/Lino Mirgeler
Stirbt der Kommissar Borowski in seinem letzten „Tatort“? Axel Milberg im Kreuzverhör. Foto: dpa/Lino Mirgeler
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Mit seinem 44. „Tatort“ aus Kiel hört Axel Milberg als Kommissar Borowski auf. Ein Abschiedsinterview über Filmtode, abgetrennte Köpfe und das Leben nach dem TV-Krimi.

Nach 23 Jahren im aktiven TV-Polizeidienst und insgesamt 44 Fällen verabschiedet Axel Milberg sich von seiner Rolle als „Tatort“-Kommissars Klaus Borowski. Stirbt der Ermittler in seinem letzten TV-Krimi? Genießt er seinen Ruhestand? Kehrt er als Putzfrau verkleidet zurück ins Präsidium? Axel Milberg verteidigt das Geheimnis vehement. Eine volle Stunde lang haben wir versucht, ihm das Ende der letzten Kieler „Tatort“ zu entlocken. 

Frage: Herr Milberg, für den letzten Auftritt von Klaus Borowski haben Sie sicher lange zusammengesessen. Welche Gedanken haben Sie sich über seinen Abschied gemacht?

Antwort: Das kann ich kaum beantworten, ohne das Ende zu verraten.

Frage: Sie könnten Ideen verraten, die Sie verworfen haben.

Antwort: Die Redaktion hat gefragt, was ich mir vorstelle. Und ich habe Angebote gemacht. Zum Beispiel: Das Kommissariat verabschiedet Borowski in den Ruhestand. Käseschnittchen, warmer Schaumwein aus Pappbechern. Auf einem alten Projektor hat jemand einen Dia-Vortrag mit meinen Lieblingsmördern vorbereitet. Bei einem besonders üblen könnte das Dia stecken bleiben und im Licht des Projektors verbrennen. Eine Idee war auch, dass Borowski zu seiner Abschlussfeier nicht erscheint. Alle wundern sich und machen schon mal die Flaschen auf. Im Hintergrund wischt eine Putzfrau den Flur nass auf, und nur der Zuschauer entdeckt, dass das Borowski ist, der sich verkleidet hat und lauscht: Was reden die Kollegen über mich? Ich habe mich auch in der letzten Einstellung im Segelboot nach Skandinavien auswandern sehen. Neben mir ist noch jemand an Bord. Ist das mein Chef? Nein, eine Frau, aber wer? Solche Ideen waren das, Einfälle, die nichts Großartiges sind und einen kleinen, melancholischen Abschied erzählen.

Frage: Borowski sterben zu lassen, haben Sie gar nicht überlegt?

Antwort: Doch, doch. Sprengungen, große Krater, zusammenstürzende Häuser, viel Special Effects. Die hätten dann doch was gekostet. Also hat es auch, ähm, okay. Aber ein Filmtod ist gut angelegtes Geld. Weil der Kostenverursacher danach für immer weg ist.

Frage: Beim „Tatort“ ist das Renteneintrittsalter höher als bei echten Kommissaren. Richy Müller wird 70, Miroslav Nemec ist es schon. Corinna Harfouch war sogar schon bei ihrem allerersten „Tatort“ im Rentenalter. Warum hören Sie im jugendlichen Alter von 68 auf?

Antwort: Das müssen Sie die Redaktionsleitung fragen.

Frage: Das klingt ja fast so, als hätten Sie gehen müssen.

Antwort: Nein, die Redaktion wollte, dass ich bleibe. Ich wollte nicht noch mal verlängern und habe schon vor drei, vier Jahren an den Ketten gerüttelt. Der „Tatort“ bedeutet pro Jahr zwei große Blöcke im Kalender. Dafür muss man anderes absagen. Vorbei ist vorbei. Zwei Tage nach meinem letzten „Tatort“-Drehtag ging‘s für vier Monate nach Budapest. Da habe ich für Disney+ „Vienna Game“ gedreht, eine Serie über den Wiener Kongress. Im Herbst war ich für einen anderen Film noch mal zwei Monate in Brasilien. Auslandsproduktionen verlangen auch rechtlich Priorität. Das ist das eine.

Frage: Und das Andere?

Antwort: Wenn du „Tatort“-Kommissar bist, ist diese tolle Marke sehr präsent. Wenn sich in einem Kinofilm vier Kommissare tummeln, kann es sein, dass das Publikum nicht der Geschichte folgt, sondern die Ermittler sieht. Der „Tatort“ war ein großer, schöner Teil meines Lebens und gerade in Kiel hat es Spaß gemacht. Jeder Film war wirklich anders. Man konnte sich nie sicher sein, was kommt. Die Autoren und Regisseure sahen auch meine Figur ganz unterschiedlich.

Im ARD-Teaser blickt Axel Milberg auf 44 Borowski-„Tatorte“ zurück:

Frage: Haben Sie Erinnerungsstücke mitgehen lassen?

Antwort: Nee, aber mir wurde etwas geschenkt: Ich habe die letzte Klappe und den Klappstuhl mit meinem Namen drauf.

Frage: Edgar Selge hatte im „Polizeiruf“ einen einarmigen Kommissar gespielt – und einmal spontan den falschen Arm abgeklemmt. Haben Sie sich bei Borowski mal einen ähnlichen Gag erlaubt?

Antwort: Hab ich vergessen, sowas. Nein. Es gibt sicher Unstimmigkeiten, aber keine absichtlichen. Gekämpft habe ich immer gegen das Kostüm. Das war nicht durchgehend das Gleiche. Irgendein britisches Role Model hat mich dazu gebracht, eine Weile nichts als karierte Hemden und Strickkrawatten zu tragen. Irgendwann waren die einfach weg. Ab dann spielte Cord eine große Rolle. Mein Traum war immer ein „Tatort“ mit dem Titel: „Bei Anruf Cord“.

Frage: Einen Cord-Anzug tragen Sie ja auch jetzt.

Antwort: Borowskis letzter.

Frage: Haben Sie nie überlegt, die 50 Folgen noch vollzumachen? Oder die 25 Jahre als Borowski? Oder solange zu drehen, bis Sie den Münster-„Tatort“ in der Quote schlagen?

Antwort: Wenn ich weitergemacht hätte, wären es noch mal drei Jahre geworden. Wir rechnen mit Staffeln à sechs Folgen. Zu viel für mich. Ein bisschen hält bei den Öffentlich-Rechtlichen auch der Sparfuchs Einzug.

Frage: Heißt das: weniger Drehtage pro Folge?

Antwort: Es betrifft alles. Wie viele Drehtage kriegt man? Wo wohnt man? Wer holt einen ab? Welche Autoren und Schauspieler kann man sich leisten? Zuletzt sind wir mit unserem Kieler „Tatort“ auch immer öfter in Hamburg oder im Lauenburgischen gelandet. Verkauft wurde es dann als Kiel. Da war ich auch nicht immer glücklich. Früher waren wir immer nur in Kiel, meiner Heimatstadt. Am Wochenende blieb man. Alles war Kiel, alles sah nach Kiel aus, alles roch nach Kiel. Man hörte die Möwen und die Hammerschläge der Werft. Ich bilde mir sogar ein, dass die Innenräume, Tapeten, Türen, Türrahmen, Vorgärten anders aussehen. Wir haben das Besondere einer Stadt erzählt, das man nur dann erkennt, wenn man da geboren ist.

Frage: Von einem „Tatort“ erhoffen Städte sich nicht selten eine Tourismus-Effekt. Wie war das hier?

Antwort: Der NDR hat wirklich mal gesagt: Wir drehen im Mai! Jetzt müssen wir auch mal zeigen, wie schön Schleswig-Holstein ist – Rapsfelder, Ostsee, blauer Himmel! Und dann hat die Geschichte in der Kanalisation gespielt. Ein einziges Mal klappe ich einen Gullydeckel hoch und hinten sieht man dann den Raps vor blauer Ostsee. Manchmal gab es Beschwerden von Lokalpolitikern, die meinten, dass wir mehr für Kiel werben sollten – als Investitionsstandort und als Reiseziel. Das ist ja nun wirklich nicht Aufgabe von Krimis.

Frage: Wann war die „Tatort“-Quote für die ARD wichtiger? Beim ersten Borowski im Jahr 2003 oder heute?

Antwort: Das war konstant immer sehr wichtig. Nicht für mich. Ich will ungewöhnliche Filme machen, die nicht auf Nummer Sicher gehen. Darum haben wir immer gekämpft. Die Quote war dann aber sehr stabil, meistens um die neun Millionen.

Frage: Anfangs hatten die Fälle Titel wie „Mann über Bord“. Erst ab dem zehnten heißen sie immer „Borowski und …“ Wie kam das?

Antwort: An mir lag es nicht. Ich brauche das nicht. Für die Titel ist eine eigene Abteilung zuständig. Der habe ich an und zu Vorschläge gemacht, die konsequent ignoriert wurden. Die Titelabteilung denkt, bestimmte Dinge müssen vorkommen: Liebe, Tod, Himmel, Meer. Alles, was mit Wasser zu tun hat, hilft der Quote, wurde mir erklärt. Also hieß es: „Borowski und das Meer, … und das Land zwischen den Meeren, … und der Himmel über Kiel , … und das ewige Meer, … und der Fluch der weißen Möwe“. Ich habe immer versucht, einen Bezug zur Geschichte zu finden. Es ist mir nicht immer gelungen.

Frage: Götz George soll es gehasst haben, auf der Straße als Schimanski angesprochen zu werden. Sind Sie da auch empfindlich?

Antwort: Die Leute sprechen mich immer freundlich an und das zählt. Vieles ist auch lustig. In Kiel hat mich mal ein Mann beim Drehen gesehen. Der änderte die Richtung, kam über die Straße schräg auf mich zu und sagte dann anerkennend: „Milberger! Hier, er nun wieder. Der letzte Tatort von dir – schon besser.“ Da dachte ich mir: Das ist der norddeutsche Oscar. Mehr Lob geht nicht.

Frage: Löst der Schlussstrich unter dem „Tatort“ eine Melancholie aus, die über die Reihe hinausgeht? Denken Sie gerade auch an andere Dinge, die Sie im Leben zum letzten Mal gemacht haben?

Antwort: Keine Sentimentalität, keine Melancholie. Das Leben ist Aufbruch. Und so kam es dann ja auch: Zwei Tage nach Drehschluss stand ich im monumentalen Kostüm des Königs von Württemberg in Budapest und habe auf Wildschweine geschossen.

Frage: Im aktuellen „Tatort“, das darf man verraten, liegt ziemlich am Anfang ein abgetrennter Kopf im Aquarium. Was denkt man, wenn man im Drehbuch so was Drastisches liest?

Antwort: Wir hatten viele drastische Bilder. Auch einen abgeschnittenen Kopf hatten wir schon mal auf dem Tisch, ich glaube, bei einer Folge von Henning Mankell. In einem anderen Fall hat der Mörder einer Schwangeren das Kind aus dem Bauch geschnitten.

Frage: Aber das war Lars Eidinger. Dem verzeiht man ja alles.

Antwort: Den Film meine ich aber nicht. Ich glaube, das war viel früher in dem Fall „Sternenkinder“. Ein anderes drastisches Bild war eine Kühltruhe am Strand, mit Luftlöchern. Der Deckel geht auf, eine bleiche Frau im Nachthemd mit blutigen Oberschenkeln klettert heraus. Da weißt du: In Minute 5 schalten zwei Millionen Zuschauer weg. Also überlegt man: Wollen wir das riskieren? Oft haben wir erstmal gedreht. Und entschieden wurde dann im Schnitt.

Frage: Der erste Fall mit Lars Eidinger hat eine Debatte ausgelöst, weil sein Serienmörder Kai Korthals entkommt. 2012 war das noch ein Tabu?

Antwort: Borowski hatte vorher schon mal jemanden entkommen lassen. Das war aber auch kein Mörder. In „Borowski in der Unterwelt“ hauste so ein Homunkulus in der Kanalisation und hat Körperteile von Verunfallten und Selbstmördern gesammelt. Er war aber kein Täter und Borowski hat weggeguckt und ließ ihn im Schlussbild gehen, um der Justiz einen sinnlosen Prozess zu ersparen. Bei Lars Eidinger war das anders. Sein Mörder verfügt über unheimliche Fähigkeiten, der taucht in einer fremden Wohnung auf und scheint sogar durch Wände zu gehen. Ein wahrer Albtraum. Und den haben wir nicht gefasst. Und zwar nicht, weil wir der Figur noch einen zweiten und dann sogar einen dritten Fall geben wollten. Das war ursprünglich gar nicht geplant. Wir wollten nur eine verstörende Botschaft aussenden: Das Böse stirbt nie.

Frage: Welche Phase der Reihe war die beste? Die Fälle von Henning Mankell? Oder die mit Maren Eggert als Polizeipsychologin Frieda Jung?

Antwort: Ich habe ein Dutzend Lieblingsfolgen. Eine ist „Borowski und der Engel“. Da spielt Lavinia Wilson eine Krankenschwester, die nichts empfindet. Sie möchte aber unbedingt etwas fühlen. Erst lässt sie einen alten Mann in seiner Wohnung sterben und nimmt seine Katze mit. Dann provoziert sie einen Unfall, bei dem ein junger Mann stirbt. Sie gibt sich als seine Freundin aus und beugt sich in tiefer Trauer über den Toten – versucht zu weinen, wie sie es vorher mal im Fernsehen gesehen hat. Was für eine fantastische Geschichte! Toll gespielt und inszeniert von Andreas Kleinert. Ich komme immer wieder auf diesen Film zurück. Mir gefällt auch, dass Borowski erst mal nichts versteht und weniger weiß als die Zuschauer.

Frage: Werden Sie Borowski vermissen? Mochten Sie ihn überhaupt?

Antwort: Ich habe ihn mit den Jahren mehr und mehr gemocht. In einem früheren Interview habe ich mal gesagt, dass ich mit ihm nicht mal ein Bier trinken würde. Heute finde ich ihn sympathisch. Ich glaube, dass er viel zu erzählen hätte. Er berührt mich auch, komischerweise.

Frage: Womit berührt er Sie?

Antwort: Weil diese Einsamkeit immer um ihn ist und selbstgewählt.

Frage: Kriegt er später vielleicht noch mal einen Gastauftritt? Der Kieler „Tatort“ geht mit neuem Team ja weiter.

Antwort: Nein. Aus, vorbei.

Frage: Weil Borowski, ähm, in den letzten Minuten stirbt?

Antwort: Schöner Versuch! Sie sind nicht der Erste, der mir das Ende entlocken will. Aber was immer Sie anstellen – ich werde nichts verraten.

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