Berlin  Katrin Göring-Eckardt: Merz und Klingbeil wollen Wahlgeschenke finanzieren

Rena Lehmann
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Von Rena Lehmann
| 11.03.2025 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (58) ist angesichts der Pläne für Sondervermögen von Union und SPD skeptisch. Für die Finanzierung von Wahlgeschenken dürfe es keine Rekordverschuldung geben. Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (58) ist angesichts der Pläne für Sondervermögen von Union und SPD skeptisch. Für die Finanzierung von Wahlgeschenken dürfe es keine Rekordverschuldung geben. Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur
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Ausgerechnet die Grünen sollen Friedrich Merz jetzt ins Kanzleramt verhelfen, indem sie seinen Schuldenplänen zustimmen. Katrin Göring-Eckardt erklärt im Interview, warum sie da nicht mitmachen.

Um die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben zu lösen und ein Sondervermögen von 500 Milliarden Euro für die Infrastruktur auf den Weg zu bringen, braucht die neue Koalition aus Union und SPD die Stimmen der Grünen im alten Bundestag. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt, warum sie von Merz und Klingbeils Paket nichts hält. Außerdem geht es um die Wahlergebnisse im Osten – und wie sie als ehemalige Bürgerrechtlerin aus Thüringen darauf reagieren will.

Frage: Frau Göring-Eckardt, Friedrich Merz braucht die Grünen, um mit dem „alten“ Bundestag eine Änderung der Schuldenbremse und ein Sondervermögen für Infrastruktur in Höhe von 500 Milliarden Euro auf den Weg zu bringen. Gibt es noch eine Chance für eine Einigung?

Antwort: Unser Land steht vor enormen Herausforderungen. Wir müssen dringend in unsere Sicherheit und Infrastruktur investieren. Klima- und Umweltschutz gehören mit dazu. Seit Jahren wollen wir die Schuldenbremse vernünftig reformieren. Dazu waren und sind wir immer gesprächsbereit. Wir werden Union und SPD aber keinen Blankoschein für ihre Wahlgeschenke ausstellen. Schulden sind nur dort sinnvoll, wo sie Probleme für die Zukunft lösen.

Frage: Was sind die Bedingungen für die Grünen?

Antwort: Das ist die Maßgabe: Lösen mögliche Schulden Probleme für die Zukunft. Oder wird nach alter Groko-Manier auf Substanz gefahren und Probleme nur weiter aufgetürmt und vor sich hergeschoben.

Frage: Im Grunde macht Merz nun das, wofür Robert Habeck im Wahlkampf geworben hat. Ist das Wahlbetrug oder rechtfertigt die neue geopolitische Lage die Rekordverschuldung?

Antwort: Das tun Merz und Klingbeil leider nicht, denn sie wollen Schulden aufnehmen, um die Kosten ihrer Einigung in der Koalition zu finanzieren und nicht um die nötigen Maßnahmen für Sicherheit, Klima und Infrastruktur zu organisieren. Die Union hat im Übrigen in den vergangenen Jahren die an sie ausgestreckte Hand immer wieder verweigert. Jetzt muss sie den Bürgerinnen und Bürgern eingestehen, dass ihre Versprechen haltlos waren.

Frage: Sie sind noch Bundestagsvizepräsidentin. Sehen Sie kein demokratisches Problem, wenn der alte Bundestag jetzt noch solche weitreichenden Beschlüsse fasst?

Antwort: Es ist extrem ungewöhnlich, besonders wenn die neue KleiKo weiß, dass die Mehrheiten in der neuen Legislatur andere sind. Unsere klare Empfehlung war es deswegen, auch mit der Linken zu reden. Grundsätzlich gilt: Der alte Bundestag ist so lange legitimiert bis der neue Bundestag zusammentritt.

Frage: Aber im neuen Bundestag hätten die Parteien, die höhere Ausgaben für die Ukraine ablehnen, eine Sperrminorität…

Antwort: Ja, deswegen wird ja geredet. Ohne Sicherheit ist schließlich alles nichts. Sollte es vorab zu keiner Einigung kommen, muss man versuchen, alle demokratischen Parteien bei dieser Frage mit ins Boot zu holen.

Frage: Wäre es nicht geboten, zunächst mal die Bemühungen von Donald Trump für einen Frieden in der Ukraine abzuwarten?

Antwort: Donald Trump will keinen Frieden. Er will, dass die Ukraine sich Russland unterwirft. Er missversteht das Schweigen von Waffen als Frieden. Im Donbas oder auf der Krym kann man sehen, dass das nicht stimmt. Er will, dass Putin als großer Sieger vom Platz geht mit seinen imperialen Gelüsten. Das können wir nicht unterstützen. Es geht um die Sicherheit der Ukraine und unsere eigene Sicherheit.

Frage: Die Grünen kommen im Osten auf 7,9 Prozent und haben dort noch deutlich stärker verloren als andere Parteien. Wie sieht Ihre Analyse aus?

Antwort: In vielen Ländern Europas und auch global betrachtet sind rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch. Der Osten könnte Westdeutschland womöglich nur einen Schritt voraus sein, wenn es jetzt nicht gelingt gegenzusteuern. Hinzu kommt – und das zähltfür uns Bündnisgrüne besonders: Wenn man Veränderung ablehnt, wird nicht die Partei gewählt, die am meisten Veränderung will, sondern die Partei, die verspricht, alles könne bleiben wie es ist, gewinnt Zulauf. Der Osten Deutschlands ist außerdem in diesem Wahlkampf insgesamt sozusagen rechts liegengelassen worden. Dieser Wahlkampf wurde in Westdeutschland geführt, es ging nicht um Themen, die Ostdeutsche besonders beschäftigen.

Frage: Welche Schlüsse ziehen Sie daraus für den künftigen Kurs der Grünen?

Antwort: Ich finde, wir sollten ernsthaft zu dem stehen, was wir programmatisch drauf haben. Die Klimakrise wird ja nicht aufhören, nur weil Friedrich Merz, dass vielleicht nicht so wichtig findet. Wir haben Lösungen bei der Hand, die Klimakrise so zu bewältigen, dass sie erträglich bleibt und zu neuem Wohlstand führt. Außerdem stehen wir für eine Politik, die nach Gemeinsamkeiten sucht, statt zu spalten. Das ist etwas, wofür man sich nicht entschuldigen muss. Und das wird in diesen rauen Zeiten immer wichtiger.

Frage: Rechtfertigt auch Ihr persönliches Wahlergebnis von 3,1 Prozent Erststimmen, dass Sie weiterhin den Posten der Bundestagsvizepräsidentin übernehmen?

Antwort: Ich habe dafür geworben, mit der Erststimme Bodo Ramelow von der Linken in meinem Wahlkreis zu wählen, um zu verhindern, dass der Wahlkreis an die AfD geht. Das ist gelungen. Das Zweitstimmenergebnis für die Grünen in meinem Wahlkreis und in ganz Thüringen ist anständig.

Frage: Und reicht Ihnen als Legitimation, um weiter Bundestagsvizepräsidentin zu sein?

Antwort: Wenn meine Fraktion mich nominiert, mache ich das gern. Der Osten ist mehr als ein blau-brauner Teil der Deutschlandkarte. Ich habe als Bürgerrechtlerin in der DDR für ein demokratisches Deutschland gekämpft. Auch heute gibt es im Osten viele Aufrechte. Ich möchte im Präsidium auch weiter zeigen, der Osten ist vielfältig. Ich weiß aus meiner Biografie: Demokratie wird uns nicht geschenkt, sondern muss erarbeitet werden.

Frage: In den ostdeutschen Bundesländern hat die AfD mit zwei Ausnahmen alle Direktmandate gewonnen. Den Osten repräsentiert also künftig vor allem die AfD im Bundestag, die Sie aber von allen wichtigen Posten ausschließen wollen. Ist das demokratisch?

Antwort: Die AfD hat ihre Redezeit, kann Initiativen einbringen und Abgeordnete für Posten zur Wahl stehen. Es ist Teil unserer Demokratie, dass nicht jeder der sich zur Wahl stellt auch gewählt wird. Dafür braucht man Mehrheiten. Ich werde niemanden von der AfD in das Präsidium wählen. Und ich zähle darauf, dass alle demokratischen Fraktionen die Auffassung teilen, dass eine Partei, die die Demokratie aushöhlen will, im Präsidium des Bundestages nicht tragbar ist.

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