Nach Nabu-Weideskandal Stadt Leer sucht Pächter für Heckrinder- und Konikweiden
Heckrinder und Koniks sind nach den Nabu-Skandalen von den Weiden in Coldam und Thedingaer Vorwerk verschwunden. Laut Stadt sollen dort aber wieder tierische Landschaftspfleger zum Einsatz kommen.
Leer/Coldam - Die Skandale über Beweidungsprojekte in Coldam und Thedingaer Vorwerk sorgten 2023 bundesweit für Negativ-Schlagzeilen und Entsetzen bei Tierfreunden. Nachdem in den Weidegebieten mehrere Heckrind-Kälber und Konik-Fohlen auf grausame Art zu Tode gekommen und massive Haltungsversäumnisse bekannt geworden waren, hatte das Veterinäramt des Landkreises Leer den Nabu aufgefordert, die Beweidungsprojekte zu beenden. Seit Herbst 2023 grasen dort keine Heckrinder und Konikpferde mehr. Das soll sich jetzt ändern. Es werden neue Pächter für die beiden Flächen gesucht.
Die Stadt Leer nutzt die 43 Hektar große Fläche im Berich Thedingaer Vorwerk nämlich als Kompensationsflächenpool. Eingriffe in die Natur, die durch Bauvorhaben der Stadt entstehen, sollen hier ausgeglichen werden. Konkret heißt das: Die Natur soll hier Vorrang haben und sich entwickeln können. Die weitere Fläche, die für die Beweidungsprojekte des Nabu genutzt wurde, liegt in Coldam. Auf der 38 Hektar großen Fläche konnte man früher von Aussichtsplattformen aus die Heckrinder und Koniks beobachten. Doch auch hier sind die Tiere 2023 verschwunden. Die Tiere wurden teils an Privatleute oder andere Beweidungsprojekte verkauften, viele wurden aber auch geschlachtet. Heute kann man dort Silberreiher, Enten und Kiebitze beobachten. Und dort brüten sogar Gänse. Vielleicht kehrt im Frühjahr neues Leben auf die riesigen Weideflächen zurück.
Keine Ganzjahresbeweidung mehr
„Die Bewerbungsfrist ist abgelaufen und eine Auswahl an potentiellen Pächtern wurde getroffen“, berichtet Stadtsprecherin Karen Radtke auf Nachfrage über den aktuellen Stand der Planungen. Nach ihren Worten hatten sich acht Pacht-Interessenten für die Flächen beworben. Wer den Zuschlag erhält, darüber werde die Stadt Leer „in naher Zukunft“ entscheiden, hieß es aus dem Rathaus.
Nach den Nabu-Skandalen bewegt viele Tierfreunde besonders eine Frage: Welche Erwartungen stellt die Stadt an den neuen Pächter, um Missstände wie damals zu verhindern? „Der Pächter muss qualifiziert sein, die Flächen nach guter fachlicher Praxis zu bewirtschaften. Vorrangiges Ziel ist, dass durch die Bewirtschaftung das Kompensationsziel für die Flächen erreicht wird“, teilt die Stadtsprecherin mit.
Rinderbeweidung bevorzugt
Auf ein Haltungskriterium legt die Stadt nach den mit dem Nabu gemachten Erfahrungen allerdings besonderen Wert. Die Flächen sollen nach den Worten von Karen Radtke mittels einer Sommerbeweidung bewirtschaftet werden. Konkret heißt das, dass die Tiere nicht ganzjährig auf den Flächen stehen, sondern den Winter in einem Stall verbringen. Insbesondere nach starken Regenfällen hatten es die Tiere schwer, einen trockenen Liegeplatz zu finden. Es war nicht das erste Mal, dass der Nabu im Landkreis Leer in die Schlagzeilen geraten ist. Bereits 2007 waren auf einer Nabu-Fläche in Leer 16 Heckrinder verendet. Grund waren damals schlechte Haltungsbedingungen und Mangelernährung.
Ob auf den Flächen Schafe, Pferde oder Rinder weiden, ist derzeit noch offen. Welche Tiere dort künftig weiden dürfen, sei generell nicht festgelegt. „Aus naturschutzfachlicher Sicht wird jedoch eine Beweidung durch Rinder bevorzugt“, betont Karen Radtke. Ursprünglich war vorgesehen, einen Rundwanderweg um das Gelände in Coldam anzulegen. Im vergangenen Jahr hatte sich der Verkehrsverein Bingum, der das Vorhaben gemeinsam mit der Stadt Leer umsetzen wollte, nach 54 Jahren aufgelöst. Die Idee vom Rundweg wird nicht weiter verfolgt, hieß es aus dem Rathaus. Inzwischen sind von den Flächen aus die Beobachtungsplattformen verschwunden. Nach den Worten von Stadtsprecherin Carmen Radtke habe der Nabu die Holzkonstruktionen bereits im vergangenen Jahr abgebaut.
Der Nabu hatte seinerzeit vor den Folgen gewarnt, wenn die Flächen nicht beweidet werden. Es habe sich dort eine artenreiche Weidelandschaft entwickelt, in der auch bedrohte Arten einen Lebensraum gefunden hätten. „Mit dem Ende der extensiven Beweidung könnte es dazu kommen, dass die Artenvielfalt abnimmt“, hatte der Nabu-Landesvorsitzende Dr. Holger Buschmann damals gewarnt.