Bundestagswahl 2025 Baltrum, Juist, Norderney – so grün sind die ostfriesischen Inseln
Bei der Bundestagswahl setzten die Insulaner im Wahlkreis Aurich-Emden ihr Kreuz traditionell bei der CDU. Auch die Grünen schnitten vergleichsweise gut ab. Zwei Inselbürgermeister erklären, wieso.
Ostfriesland - Der Wahlkreis Aurich-Emden war bei der aktuellen Bundestagswahl erneut für einige Überraschungen gut. So schaffte es die SPD in ihrer Hochburg zwar erneut auf die höchsten Stimmenanteile in Niedersachsen, verzeichnete mit -14,7 Prozentpunkten aber auch die größten Verluste. Auf die Inseln des Wahlkreises lohnt sich ebenfalls ein Blick. Die Norderneyer setzten ihr Kreuz nämlich nicht nur stilecht in Strandkörben und sorgen damit bundesweit für Schmunzeln, zusammen mit Baltrum und Juist wurde dieses Kreuz auch häufig bei den Grünen gesetzt.
Das ist erstaunlich, fuhr die Partei im gesamten Wahlkreis Aurich-Emden nach Cloppenburg-Vechta und Unterems doch landesweit die wenigsten Stimmen ein. Auch die CDU erfuhr auf Baltrum und Juist erneut starke Unterstützung, Norderney erteilte der AfD eine klare Absage. Zwei Inselbürgermeister haben mit dieser Zeitung über die Wahlergebnisse gesprochen.
Erfolg auch ohne Wahlkampf
Die Grünen konnten auf Baltrum und Juist wahlkreisintern schon bei den Erststimmen Erfolge verzeichnen. Mit 13,8 Prozent auf Baltrum und 12,8 Prozent auf Juist ließen sie zum Beispiel das festländische Leezdorf (Samtgemeinde Brookmerland) weit hinter sich. Hier kamen die Grünen auf nur 2,1 Prozent. Auch Harm Olchers, parteiloser Bürgermeister von Baltrum, ist diese Entwicklung aufgefallen. Zwar gäbe es im Baltrumer Gemeinderat bisher keine grünen Sitze, dennoch hat die Partei in den letzten Jahren auch an die kleinste ostfriesische Insel angedockt.
Und das, obwohl auf dieser gar nicht explizit für bestimmte Parteien geworben wird: „Es gibt null Wahlkampf bei uns, noch nicht einmal Plakate. Wir leben vom Tourismus und unsere Gäste wollen eine schöne Zeit auf der Insel haben. Da müssen wir nicht alles zuplakatieren“, erklärt Olchers. In den 60ern sei seitens eines Lehrers einmal der Versuch gestartet worden, Wahlkampf für die SDP zu machen. „Das war aber von wenig Erfolg gekrönt“, berichtet der Bürgermeister. „Das Geld kann man sich sparen. Wir sind ein Dorf. Jeder kennt uns und weiß, wofür wir stehen.“
„Wir spüren die Natur hier einfach mehr“
Noch mehr Vertrauen als mit ihrer Erststimme schenkten die Insulaner im Wahlkreis Aurich-Emden den Grünen mit ihrer Zweitstimme. Auf Norderney kam die Partei auf 12,8 Prozent, auf Juist auf 16,4 Prozent. Baltrum verzeichnet mit 19,4 Prozent den höchsten Wert und liegt damit auch im direkten Insel-Vergleich sowohl bei Erst- und Zweitstimmen ganz vorne. Baltrum hat damit den grünen Hochburgen Wangerooge und Spiekeroog den Rang abgelaufen. Konnten diese 2021 noch rund ein Viertel der Stimmen einfahren, sind sie nun auf unter 20 Prozent abgestürzt.
Den Grund für das starke Grünen-Ergebnis sieht Harm Olchers unter anderem in den Umwelt-Themen der Partei: „Wir spüren die Natur hier einfach mehr, das Thema Klimaschutz hat eine größere Bedeutung.“ 2022 und 2024 hätte Baltrum große Teile seines Strandes durch Sturmfluten verloren. Ein Warnsignal. „Wir haben nur diese eine Welt, die darf nicht kaputt gemacht werden“, erklärt der Baltrumer Bürgermeister.
Ein Gedanke, der offenbar auf allen sieben ostfriesischen Inseln präsent ist: Überall konnten sich die Grünen nach den Christ- und Sozialdemokraten als drittstärkste Kraft etablieren. „Menschen mit grüner Gesinnung passen einfach zu den Inseln“, erklärt Tjark Goerges, parteiloser Bürgermeister von Juist. Diese gehe meist von Zugezogenen aus, die auf Juist ein naturnahes Leben führen wollen.
Christdemokraten weiterhin stark
Auch in Sachen CDU spielen Deutschlands nordwestliche Außenposten ihr eigenes Spiel. Weist der Wahlkreis Aurich-Emden nach Hannover und Braunschweig landesweit die geringsten CDU-Stimmenanteile auf, konnten die Christdemokraten auf Baltrum und Juist beachtliche Erst- und Zweitstimmenergebnisse erzielen und sich als stärkste Kraft etablieren. Auf Baltrum liegen sie gar mehr als 14 Prozentpunkte über dem Gesamt-Wahlkreisergebnis.
Wenig überraschend, findet Harm Olchers. Die CDU sei neben den Wählergruppen auf Baltrum schon immer gut vertreten gewesen. Diesmal brachten sie es auf 37,4 Prozent der Erststimmen, auf Juist waren es 35,1 Prozent. Die Zweitstimmen bewegen sich auf beiden Inseln auf dem gleichen Niveau.
Wer sitzt in den Inselräten?
Die Gemeinderatsmitglieder werden per Kommunalwahl für fünf Jahre gewählt. Die letzte Wahl hat 2021 stattgefunden, die nächste wird also 2026 sein. Die Größe des Rats richtet sich nach der Einwohnerzahl der Gemeinde. Stimmberechtigt ist außerdem der Bürgermeister, der direkt von den Inselbewohnern gewählt wird.
Baltrum: Der Rat besteht aus acht Mitgliedern. Aktuell stellt die Wählergruppe „Moin Baltrum“ drei, „Gemeinsam für Baltrum“ und die CDU jeweils zwei und „Baltrum 21“ einen Sitz.
Juist: Der Rat besteht aus zehn Mitgliedern. Aktuell stellen die Wählergruppe „Pro Juist“ und die CDU jeweils vier und die Grünen zwei Sitze.
Norderney: Der Rat besteht aus 18 Mitgliedern. Aktuell stellt die SPD sechs, die CDU vier, die Grünen und die Freien Wähler jeweils drei und die FPD zwei Sitze.
„Es ist recht konservativ hier“, erklärt Tjark Goerges. Noch. Denn in den letzten 20 Jahren habe sich einiges verändert, berichtet der Bürgermeister. Früher hätte die CDU auf Juist die absolute Mehrheit gestellt, das sei mittlerweile vorbei. Die ehemaligen CDUler seien vermehrt zu den Wählergruppen abgewandert. Darin drücke sich in gewisser Weise auch der „ostfriesische Freigeist“ aus.
AfD darf (noch) keinen Anker werfen
Erstaunlich ist das vergleichsweise schwache Abschneiden der AfD auf den Inseln des Wahlkreises Aurich-Emden. Besonders auf Juist, wo die Partei nur 9,7 Prozent der Erststimmen und 8,8 Prozent der Zweitstimmen erhielt, zeigt sich deutliche Zurückhaltung gegenüber der rechtspopulistischen Partei. Norderney liegt mit 9,5 Prozent der Erststimmen sogar noch unter dem Juister Wert. Auf Baltrum lieferte sich die AfD jedoch eine Aufholjagd zu den Grünen – gerade einmal 0,2 Prozentpunkte trennten die beiden Parteien.
„Das ist schon peinlich, was wir gerade in Ostfriesland erleben“, findet der Juister Bürgermeister Tjark Goerges. Auf seine Insel sei er demnach gewissermaßen stolz. Die Distanz der Juister zur AfD sieht er vor allem in ihrem allgemeinen Wohlbefinden begründet: „Ich denke, die meisten wählen diese Partei aus Protest. Dazu haben sie hier kaum Grund. Die Leute sind zufrieden damit, was auf kommunalpolitischer Ebene gemacht wird.“ Auch die Bürgermeister seien auf allen Insel sehr anerkannt. „Jedenfalls die meisten, bei mir persönlich ist das ein Hin und Her“, berichtet Goerges lachend.
Darüber hinaus zeige das bei der AfD beliebte Thema der „Remigration“ auf seiner Insel kaum Wirkung. Juist habe nämlich den größten Ausländeranteil im Landkreis Aurich. Menschen ohne deutschen Pass seien fester Bestandteil der Insel. „Wir wissen, wie wichtig diese Menschen sind. Sie helfen täglich dabei, dass wir alle in Wohlstand leben können. Das wissen die Juister zu schätzen“, erklärt der Bürgermeister.
Wie geht es in Zukunft weiter?
Goerges zufolge ist neben der AfD auch die FDP auf Juist kaum vertreten. Das werde sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern. Sozialdemokratische Strömungen seien ebenfalls nicht mehr präsent. „Die SPD muss stärker werden, wenn sie die Oberhand in Ostfriesland behalten will. Da reicht es nicht, zwischendurch bei VW in Emden aufzutauchen oder die Meyer Werft zu retten“, findet der Juister Bürgermeister.
Die CDU hingegen versuche derzeit wieder, Mehrheiten zu gewinnen und sei auf Juist gut organisiert. Goerges geht davon aus, dass sie bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr gemeinsam mit den Wählergruppen die Inselpolitik weiter prägen wird.
Und auf Bundesebene? „Wir warten gespannt auf die Koalitionsbildung“, berichtet Harm Olchers. Gerade, wenn man in so enger Verbindung mit der Natur lebe, sei man insbesondere von den Entscheidungen des Umweltministeriums abhängig. Wie sich die Politik zukünftig auf seiner Insel Baltrum entwickeln wird? „Das kann man nur schwer sagen. Mal sehen, was die großen Jungs in Berlin für uns bereithalten.“