Bremen Kiffen gegen Demenz? So wirkt Cannabis auf das Gedächtnis von jungen Menschen und Senioren
Eine neue Studie zeigt, dass Cannabis-Konsum bei jungen Menschen das Arbeitsgedächtnis beeinträchtigen kann. Im Alter hat es hingegen womöglich einen Anti-Aging-Effekt. Kann Kiffen sogar gegen Demenz vorbeugen?
Hartnäckig hält sich der Streit darüber, inwieweit Kiffen der Gesundheit schadet. Eine Studie aus den USA und Kanada erhärtet nun den Verdacht, dass es das Arbeitsgedächtnis einschränkt. Aber dies gilt wohl nur für jüngere Gehirne.
Das Forschungsteam um Joshua Gowin von der University of Colorado hat 1003 jungen Erwachsenen sieben Aufgaben gestellt, um unter anderem die sprachlichen und motorischen Fähigkeiten, das logische Schlussfolgern und das Arbeitsgedächtnis zu testen.
Währenddessen hat man per MRT-Scanner ihre Hirnaktivitäten beobachtet. 88 der Probanden wurden als „Heavy-lifetime-Cannabis-User“ eingestuft, weil sie laut ihrer Selbsteinschätzung bereits über 1000 Mal in ihrem Leben gekifft haben. Jeder Dritte von ihnen rauchte seinen ersten Joint, bevor er 14 Jahre alt war.
Trotzdem zeigten die Heavy-User in sechs der sieben Aufgabenfelder ähnliche Hirnaktivitäten und Prüfungsergebnisse wie die Wenig-Nutzer und Abstinenzler. Dazu zählten unter anderem die motorischen Fähigkeiten, das Kiffen hatte sich also nicht auf ihre Geschicklichkeit ausgewirkt.
Bei den Aufgaben zum Arbeitsgedächtnis gab es jedoch Unterschiede, da zeigten die Heavy-User deutlich schwächere Aktivitäten im Hirn-Scan. Was sich allerdings nicht zwangsläufig auf ihre Leistung im Test niederschlug. Denn hier schwächelten nur diejenigen, die wenige Tage zuvor noch gekifft hatten.
„Dieser Zusammenhang legt nahe, dass ein Cannabisverzicht vor kognitiv anspruchsvollen Situationen vermutlich dazu beiträgt, die Leistung zu verbessern“, resümiert Gowin. Wer also eine Abi-Klausur oder eine Examensprüfung bestehen will, sollte zumindest kurz vorher aufs Kiffen verzichten.
Ob es allerdings langfristig das Arbeitsgedächtnis - das wird gebraucht, wenn wir uns etwas merken und gleich wieder abrufen müssen - schwächt, ist letzten Endes offen. Das MRT bei den Heavy-Usern spricht dafür, ihre Testleistungen nicht. Möglicherweise gelingt es ihnen, ihre hirnphysiologischen Defizite beim Arbeitsgedächtnis irgendwie zu kompensieren.
Für Andras Bilkei-Gorzo vom Universitätsklinikum Bonn sind die Ergebnisse der Studie nicht überraschend. „Wenn jemand im Teenie-Alter mit dem Cannabis-Konsum beginnt, ist das wirklich gefährlich“, erläutert der Biochemiker, der am Institut für Molekularpsychiatrie forscht. „Denn beim wachsenden Gehirn haben Drogen, praktisch immer negative Wirkungen.“
Wobei dies nicht nur für Cannabis gilt, und das schwächt oft die Aussagekraft der Studien. „Viele junge Cannabis-Konsumenten sammeln auch Erfahrungen mit anderen Drogen, was sich dann am Ende in den schädlichen Wirkungen für das Gehirn kulminiert“, betont Bilkei-Gorzo.
Meistens ließe sich im Nachhinein kaum feststellen, wie groß der Cannabis-Anteil daran ist. Für das ausgewachsene Kiffer-Gehirn gibt es ohnehin Befunde, die sich zum Teil stark von denen am jungen unterscheiden. So fand eine aktuelle dänische Studie an rund 5100 durchschnittlich 44 Jahre alten Männern keine signifikanten Hinweise darauf, dass Cannabis den kognitiven Abbau im Alter beschleunigt.
Möglicherweise wird der Prozess sogar verlangsamt. Ein Forscherteam um Bilkei-Gorzo behandelte Mäuse mit dem Cannabis-Wirkstoff THC - langzeitig in sehr geringen Mengen - und testete danach deren Lern- und Gedächtnisleistungen, wie etwa das Orientierungsvermögen und Wiedererkennen von Artgenossen.
Die behandelten Tiere im Alter von 12 und 18 Monaten schnitten in den Tests genauso gut ab wie ihre unbehandelten Mitprobanden im Alter von 2 Monaten. Es gab also praktisch keinen kognitiven Abbau, wie er normalerweise altersbedingt auftritt. „Man kann hier durchaus von einem Anti-Aging-Effekt sprechen“, betont Bilkei-Gorzo.
Der Verjüngungseffekt erklärt sich daraus, dass THC an spezifischen Endocannabinoid-Rezeptoren andockt, mit denen der Körper von Maus und Mensch ausgestattet ist. Ihr ursprünglicher Sinn besteht nicht etwa darin, dass man Spaß am Kiffen hat, sondern darin, dass sie durch körpereigene Cannabinoide angesteuert werden, um unterschiedliche physiologische und psychologische Vorgänge anzuschieben.
Wie etwa Schmerzhemmung, Motorik, die Regulation der Nahrungszufuhr und eben das Gedächtnis. In der Jugend ist dieses System noch intakt, doch im fortgeschrittenen Alter versagt es immer mehr. „Und da kann dann THC gegensteuern“, so Bilkei-Gorzo. Es spricht also vieles dafür, dass Cannabis zur Demenz-Prävention taugt.
Und das, wie Bilkei-Gorzo betont, „bereits in sehr niedriger Dosierung“. Klinische Studien, die das am Menschen belegen, fehlen allerdings bisher. Und das halten Wissenschaftler weltweit für ein großes Versäumnis.
Das Problem ist jedoch: Solche Studien sind sehr teuer, und die Pharma-Industrie hat nur wenig Interesse daran, weil Cannabis nicht patentierbar ist. Und dass der Staat eine Finanzspritze dafür gibt, hängt wesentlich davon ab, von welchen Politikern er gerade geführt wird.