Aufstieg, Aus und Abrissbagger Die Geschichte der ADO-Gardinen „mit Goldkante“ aus Aschendorf
Von dem Areal an der Hüntestraße in Aschendorf aus gingen einst Gardinen in Wohnzimmer in nahezu alle Welt. Bekannt wurden sie mit der „Goldkante“ und einem Reklame-Klassiker.
Aschendorf - Bundesweit in der damaligen West-Republik bekannt wurden die Ado-Gardinen durch TV-Reklame mit der Schauspielerin Marianne Koch. Sie bewarb die Vorhänge aus Aschendorf in mehreren Spots, die zu den Klassikern der 80er-Jahre zählen, als „Die Markengardine mit der Goldkante“. Der in die Vorhänge eingewirkte Goldfaden galt gleichermaßen als Qualitätssiegel wie Markenzeichen.
Aufschwung im Wirtschaftswunder
Das aber ist längst ebenso Geschichte wie das gesamte Unternehmen und sein unrühmliches Ende im Jahr 2013. Seitdem wurde das gigantische Areal in Teilen verschiedentlich genutzt. Kurz diente es beispielsweise als zentrale Flüchtlingsunterkunft für das Emsland. Die Liste der Nachfolge-Episoden ist lang.
Eine Vision, ein Kredit und zwei alte Webstühle: Aber von Anfang an. Die Historie der ADO-Gardinenwerke ist untrennbar mit dem Namen von Hubert Wulf (1924 – 1989) verknüpft. Der Unternehmer aus Rheine gründet die Firma 1954 in Aschendorf – mit zwei ausrangierten Webstühlen aus dem Betrieb seines Vaters Felix, einem Kredit und einer Vision. Damit beginnt eine Erfolgsgeschichte.
25 Jahre nach der Gründung ist ADO größter Gardinenhersteller in Europa. Die Firma expandiert, unter anderem in die USA. Ende der 1970er-Jahre beschäftigt das Unternehmen in weltweit 17 Niederlassungen insgesamt mehr als 1200 Menschen, davon 550 am Stammsitz in Aschendorf. Allein in der ehemaligen Kreisstadt umfasst die Produktionsfläche 100.000 Quadratmeter. Für die Papenburger Stadtverwaltung gelten die Gardinenwerke neben der Meyer Werft als „der bedeutendste Arbeitgeber in Papenburg-Aschendorf“.
Auf dem Gelände an der Hüntestraße existieren unterirdische Gänge. Einer soll bis zum Anwesen der Familie Wulf im hinteren Teil des Werksgeländes führen. Frühere Beschäftigte erzählen davon, dass der Firmengründer die Katakomben regelmäßig genutzt habe, um zwecks Arbeitskontrolle unvermittelt in der Produktion „aufzutauchen“.
Erst übernimmt die Witwe, dann die Söhne
Nach dem Tod von Hubert Wulf übernimmt seine Frau Marianne die Geschäftsführung. Drei Jahre später übernehmen die Söhne Andreas und Klaus die Leitung. ADO expandiert weiter nach Asien. Der Markt für Gardinen aus Deutschland wird indes immer schwieriger – nicht zuletzt wegen asiatischer Billigkonkurrenz.
Am Stammsitz wechseln derweil immer wieder die Geschäftsführer. Den wirtschaftlichen Niedergang von ADO mit mehreren Entlassungswellen halten aber weder sie noch diverse Nachfolgefirmen auf. Daran ändern auch Sonderproduktionen wie Gardinen gegen Elektrosmog oder die „teuerste Gardine der Welt“ etwas. Auch Pläne als Zulieferer für die Autoindustrie zerschlagen sich.
In die riesigen Fabrikhallen zieht gähnende Leere ein
Das Schlusskapitel wird im Jahr 2013 geschrieben. ADO verkauft seine Markenrechte an den Textilverlag Zimmer + Rohde nach Oberursel bei Frankfurt/Main.
Die Gardinenwerke sind bereits seit 2008 in ein komplexes Firmengeflecht aufgespalten, die Goldkante wird 2011 öffentlich zum „Auslaufmodell“ erklärt. Nachdem der Nachfolgebetrieb Deutsche Textilfabrik 2013 Insolvenz anmeldet, wird wenige Wochen später die Produktion von Gardinen in Aschendorf eingestellt. In die riesigen Fabrikhallen zieht gähnende Leere ein.
2015 wagt einer der Söhne von Hubert Wulf eine Art Neustart mit einem Unternehmen für Fadenvorhänge. Acht Jahre später ist es zahlungsunfähig.
Für kurze Zeit zentrale Flüchtlingsunterkunft für das Emsland
Zwischenzeitlich werden die ehemaligen Fabrikhallen durch den Landkreis als zentrale Flüchtlingsunterkunft im Emsland hergerichtet – für 3,7 Millionen Euro und bis zu 1000 Geflüchtete. Letztlich werden sie als solche aber nur kurzzeitig genutzt.
Im Herbst 2023 kauft das Bauunternehmen Schulte aus Haselünne einen Großteil der früheren Werkshallen. Sie waren für 3,2 Millionen Euro von der Immobiliengruppe Fehrmann aus Haren angeboten worden. Über den genauen Kaufpreis vereinbarten die Beteiligten aber Stillschweigen.
Auf früherem ADO-Gelände entsteht Logistikzentrum „Hüntepark“
Unter dem Namen „Hüntepark“ lässt Schulte dort ein Logistikzentrum entstehen. Ein Teil des Geländes wird beziehungsweise wurde von verschiedenen Firmen genutzt, zeitweise auch von Bands.
Bemerkenswert: Weit vor dem ADO-Aus dient eine der Hallen vorübergehend für den Sportunterricht der Heinrich-Middendorf-Oberschule. Im September 2004 war die Großraumturnhalle abgebrannt.
Zurück in die Gegenwart: Ankermieter im „Hüntepark“ bleiben dem Bauunternehmen Schulte zufolge die Firma Emons Spedition und Logistik sowie die Demir Food GmbH (Lebensmittel-Groß- und Einzelhandel).
In einem anderen Teil der früheren ADO-Hallen (links der Werkstraße), die nicht Schulte gehören, läuft derweil der Betrieb von IDD-Parts. Dort werden Paneele für Tore und Verladetechnik hergestellt.