Berlin Kein Fernsehabend ohne Scholz, Merz und Co.
Noch nie gab es so viel Polit-Talk im Fernsehen vor einer Wahl. Für die Fernsehzuschauer gab es kein Entkommen. Was daran gut war – und warum wir trotzdem froh sein können, dass damit am Sonntag Schluss ist.
Haben Sie auch das Gefühl, dass Sie Alice Weidel, Olaf Scholz, Robert Habeck und Friedrich Merz in den letzten Wochen häufiger gesehen haben als ihre besten Freunde? Es verging kein Abend in diesem Wahlkampf ohne Wahlarena, Duell, Quadrell und so fort. Selbst der Senderwechsel half nicht weiter. Hatte man von Merz und Scholz genug gehört, traf man beim Umschalten auf dem nächsten Kanal auf Christian Lindner, Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi. Es gab kein Entkommen.
Aber Abschalten kam für viele offenbar nicht infrage. Im Gegenteil. Die Sendungen hatten sensationelle Einschaltquoten. Zwischen 5 und mehr als 10 Millionen Zuschauer hatten die Live-Befragungen der Kandidaten. Man verabredete sich vielerorts sogar zum Public Viewing für die Polit-Talks. Wer hätte das für möglich gehalten? Ein Hoch auf diesen Wahlkampf, der alles hatte: Attacken, Emotionen, Inhalte - und mit Merz’ Migrations-Move vor drei Wochen einen Cliffhanger, mit dem niemand gerechnet hatte.
Vielleicht war diese TV-Polit-Dauerschleife auch so gefragt, weil sie mit alten Gewohnheiten brach. Statt eines Zweikampfs zwischen CDU- und SPD-Kandidaten kamen in den unterschiedlichen Sendungen alle derzeit relevanten politischen Strömungen zu Wort. Es war die richtige Entscheidung, am Ende sogar noch ein Quadrell mit Robert Habeck, Friedrich Merz, Olaf Scholz und Alice Weidel zu veranstalten. Alle im Ring - jeder bekam seine Chance zu überzeugen.
Damit ist auch die weinerliche Opfererzählung der AfD, so sie denn je stimmte, an ihr Ende gelangt. Alice Weidel konnte sich zur besten Sendezeit wie alle anderen dem Fernsehpublikum präsentieren. Sie musste sich allerdings auch damit abfinden, dass ihre Beiträge Widerspruch erfuhren und durch manchen Faktencheck fielen. Fazit: Auseinandersetzung ist besser als Ignoranz. Demokratischer ist sie sowieso.
Vielleicht aber haben auch Sie inzwischen den Eindruck, dass Merz, Habeck und Co. ihre neuen Mitbewohner im Wohnzimmer sind. Vielleicht verfolgen die Kandidaten sie schon bis in Ihre Träume. Das muss nun auch wieder nicht sein. Deshalb ist es gut, dass an diesem Sonntag erstmal Schluss ist mit der Dauer-Polit-Berieselung. Nun ist wirklich alles gesagt.