Berlin Oscar-Star Leonie Benesch erklärt den Film, der alle Menschen in der Pflege angeht
Mit zwei Oscar-Filmen in Folge ist Leonie Benesch ein Aushängeschild des deutschen Kinos. Ihr Film „Heldin“ schildert nun den Pflegenotstand. Im Interview spricht sie über eine Begegnung mit Robbie Williams, ihre Oscar-Nächte und kindliche Begegnungen mit dem Tod.
Mit nur 17 Jahren hat Leonie Benesch schon im Siegerfilm von Cannes gespielt. Und mit 33 Jahren ist sie jetzt schon zum zweiten Mal mit einem Oscar-Kandidaten im Rennen. Auf der Berlinale feiert gerade ihr kommender Film „Heldin“ Premiere, ein atemloses Drama zum Pflegenotstand. Und während sie schon wieder im nächsten internationalen Projekt steckt, nimmt Leonie Benesch sich nach Drehschluss noch Zeit für ein Gespräch – über ihren Krankenhaus-Film, über das Sterben und über eine überraschende Begegnung mit Robbie Williams.
Frage: Frau Benesch, mit Ihrem Film „Das Lehrerzimmer“ haben Sie es bis zur Oscar-Verleihung geschafft. Für „September 5“ waren Sie jetzt schon wieder auf Oscar-Tour.
Antwort: Absurd, aber wahr.
Frage: Und wie ich höre, hat Robbie Williams Ihre Frisur gelobt.
Antwort: Das war im November bei den Governor‘s Awards. Da werden die Ehren-Oscars vergeben, die schon vor der eigentlichen Gala feststehen. Die Filmstudios mieten sich für sehr viel Geld einen Tisch – und führen die Filmteams ein, mit denen sie im Oscar-Rennen sind. Es ist eine wirklich schöne Veranstaltung, weil alle noch relativ entspannt sind. Ich saß am Tisch für „September 5“, unserem Film über das Münchner Olympia-Attentat. Das Studio dahinter ist Paramount. Und die hatten auch Tische für „Gladiator II“ und für „Better Man“ gebucht – den Film über Robbie Williams. Deshalb saß er in diesem riesigen Saal relativ nah in unserer Ecke. Irgendwann kam er an mir vorbei und sagte: „Love the hair“.
Frage: Was haben Sie geantwortet?
Antwort: Mir ist nichts eingefallen. Ich konnte ja nicht einfach nur wiederholen, dass seine Haare auch schön sind. Also hab ich einfach „Thank you“ gesagt.
Frage: Wenn ein Film nominiert ist, sind die Mitglieder der Oscar-Academy angehalten, ihn anzusehen: Tausende einflussreiche Leute. Prasseln einem dann sofort neue Angebote ins Haus?
Antwort: Das kann ich gar nicht beantworten. Natürlich bedeutet es mir was, dass ein Regisseur wie Pedro Almodóvar „Das Lehrerzimmer” gesehen hat und ihn liebt. Mir ist klar, dass dieser Film mit der Oscar-Nominierung meine Karriere woanders hingehoben hat. Aber „September 5“ – der Film, mit dem ich jetzt wieder auf Oscar-Tour war – wurde gedreht, als „Das Lehrerzimmer“ noch gar nicht im Kino war. Hinter den Kulissen ist aber viel los. Mein Team tut viel dafür, mich auf die Teller von bestimmten Leuten zu schieben.
Hier sehen Sie den Trailer zu Leonie Beneschs neuem Film „Heldin“:
Frage: Gibt es einen Teller, auf den Sie besonders gerne möchten?
Antwort: Da gibt es viele. Ich würde z.B. sehr gern mit Jane Campion drehen oder mit Paul Thomas Anderson. Und mit Justine Triet, der Regisseurin hinter „Anatomie eines Falls“. Dass ich bei der auf dem Teller liege, glaube ich aber schon zu wissen. Das hat sie mir selbst gesagt, als ich sie bei den Oscars getroffen habe, direkt am roten Teppich – auf dem sie mit Sandra Hüller gemeinsam war, die natürlich komplett belagert wurde. Sie meinte zu mir „I adore you!“. Damit war meine Oscar-Nacht schonmal top gelaufen.
Frage: In Ihrem neuen Film „Heldin“ spielen Sie eine Pflegefachfrau, die Fehler macht, weil das System überlastet ist. Hat der Film Ihr Sicherheitsgefühl verändert – falls Sie selbst mal ins Krankenhaus müssen?
Antwort: Ich habe jetzt einen klareren Begriff davon, was der Begriff Pflegenotstand real bedeutet. Ich verstehe besser, wieso Pflegende immer gestresst sind. Trotzdem habe ich keine Sorge, mich in ihre Hände zu begeben. Zum einen, weil das gut ausgebildete und motivierte Menschen sind. Und zum anderen – ich habe ja gar keine Wahl.
Frage: Als Floria erleben Sie im Film die alltägliche Überforderung von Pflegenden. Werden Sie damit zum Sprachrohr einer ganzen Berufsgruppe?
Antwort: Unsere Regisseurin hat mir wirklich gerade geschrieben, dass unter Pflegenden schon der Hashtag #jesuisfloria kursiert. (Auf Deutsch: Ich bin Floria, Anm. d. Red.) Die Leute fühlen sich anscheinend gesehen. Wenn das die Reaktion ist, haben wir alles richtiggemacht.
Frage: Als Film-Pflegefachfrau kommen Sie in Klinik-Bereiche, die Patienten nicht sehen – zum Beispiel in die Aufbahrung für die Toten.
Antwort: Stimmt. Der Drehort für den Korridor mit unseren Patientenzimmern liegt in einem stillgelegten Klinikflügel. Der Aufbahrungsraum war in einem Krankenhaus, das in Betrieb ist, und er wird auch noch genutzt. Mir sind solche Räume nicht unvertraut. In so einem Kühlraum war ich noch nie. Aber in dem normalen Aufbahrungsraum zum Abschiednehmen bin ich als Kind öfter gewesen.
Frage: Wie kam es denn dazu?
Antwort: Das hat mit dem Beruf meines Vaters zu tun, der Pfarrer in der Christengemeinschaft ist. (Einer anthroposophischen Kirche nach den Lehren Rudolf Steiners, Anm. d. Red.). In der Kirche in Bielefeld gab es einen Aufbahrungsraum. Mich hat das fasziniert. Die Menschen waren dort drei Tage aufgebahrt, sodass die Angehörigen sich verabschieden konnten. Und manchmal habe ich mir das angeschaut. Meine Eltern haben mich mitgenommen und mit mir darüber gesprochen.
Frage: Das war ja mutig von Ihren Eltern.
Antwort: So mutig finde ich das gar nicht. Natürlich hat man als Kind Fragen zum Ende des Lebens. Was ist da mit dem Körper? Ich finde es total absurd, wie chirurgisch wir als Gesellschaft Tod und Sterben von unserem Alltag abgetrennt haben. Genau das ist es ja, was in Krankenhäusern oder Pflegeheimen jeden Tag passiert. Es ist eher unnatürlich, das alles von uns wegzuhalten.
Hier sehen Sie den Trailer zu Leonie Beneschs Oscar-nominiertem Film „Das Lehrerzimmer“:
Frage: Eine Rolle erarbeitet man sich als Schauspielerin auch über das Kostüm. Hat die unförmige Berufskleidung der Pflegenden was mit Ihnen gemacht?
Antwort: Ich mochte die Kleidung. Vor dem Dreh hatte ich sie schon eine Woche lang getragen, bei einem Klinikpraktikum. Außer Tee kochen durfte ich dort natürlich nichts machen. Ich verstehe, warum die Kleidung ist, wie sie ist. Sie ist nicht schön, aber sie macht Sinn. Am Ende jedes Tages kommt alles in die Wäsche. Und mit der neuen Kleidung kommen am nächsten Tag auch neue Aufgaben.
Frage: Ein Gegenstand ständiger Klagen ist das Essen im Krankenhaus. Haben Sie trotzdem die Klinikküche fürs Catering eingespannt?
Antwort: Ja – ich habe mich einfach in die Kantine gesetzt, als Selbstzahler. Das Essen war gut. Sie dürfen nicht vergessen, dass wir in einer Schweizer Klinik gedreht haben. Da gelten auch im Notstand gewisse Standards.
Frage: Ihre Figuren im „Lehrerzimmer“ und in „Heldin“ machen Fehler mit gravierenden Konsequenzen. Gibt es im Ihrem realen Beruf auch Fehler, vor denen Sie Angst haben? Vom Texthänger bis hin zu Rollenangeboten, die Sie absagen – um es später zu bereuen?
Antwort: Ich habe noch nie bereut, ein Projekt abgesagt zu haben. Und umgekehrt habe ich auch nie bereut, zugesagt zu haben. Es gibt Projekte in meiner Vita, die ich mir hinterher nie angeschaut habe und die ich heute nicht mehr spannend finde. Aber es gab immer einen guten Grund, es gemacht zu haben. Wenn ich mir frühere Performances anschaue, denke ich natürlich: Mein Gott, war ich klein! Wie wenig ich damals wusste!
Frage: Das ist überraschend. Schließlich war Ihr erster Film Michael Hanekes „Das weiße Band“ – der in Cannes gleich die Goldene Palme gewonnen hat.
Antwort: Das stimmt, damals war ich 17. Und meine Unerfahrenheit passte für den Film. Haneke hat das gesehen. Im Zuge der Vorbereitung und auf Hanekes Wunsch hin hatte ich vorher Schauspielunterricht bekommen. Damals ging es aber eher in Richtung Method Acting. Mittlerweile bin ich sozusagen auf der anderen Seite des Spektrums angekommen, was meine Art der Vorbereitung betrifft. Ich würde mir eine Rolle heute nicht mehr so erarbeiten wie damals. Aber ich bin auch nicht mehr 17 und kein Film wird jemals wieder mein erster sein.
Frage: Zum allersten Mal gespielt haben Sie an der Waldorfschule. Verdanken Sie Ihre Karriere auch der Schultheater-AG?
Antwort: In einer Theater-AG war ich nie. An den Waldorfschulen gehört es dazu, dass man mit der ganzen Klasse ein Stück aufführt, in der 8. Klasse und in der 12. dann noch mal. Ein paar Jahrgänge über mir war Paula Kalenberg, die damals schon Filme wie z.B. „Kabale und Liebe“ gedreht hatte. Ich habe sie immer auf dem Schulhof gesehen, mehrere Wochen lang Mut aufgebaut und sie dann gefragt, ob sie mir helfen kann. Sie hat mir die Adresse ihrer Agentur in Köln gegeben, Maria Schwarz Agentur. Und mir gesagt, wie man sich bewirbt.
Frage: Nach dem „Weißen Band“ haben Sie weitergearbeitet – aber noch vier Jahre gewartet, um dann doch noch auf die Schauspielschule zu gehen.
Antwort: Beworben hatte ich mich aber schon vorher, zum Beispiel in Berlin bei der Ernst-Busch-Schule. Ich bin nur nicht genommen worden.
Frage: Geklappt hat es später in London – auf der Schule, auf der auch Superstars wie Orlando Bloom, Daniel Craig und Ewan McGregor waren. Erhöht das den Druck? Oder denkt man: Der nächste Star bin ich?
Antwort: Es ist ein bisschen von beidem. Wenn man es in so eine Schule geschafft hat, fühlt man sich erstmal euphorisch – um dann sehr schnell zu merken: Wir haben Glück, wenn wir nach der Schule überhaupt Arbeit finden. Die Zahl der Kollegen, die auf dem Level von Ewan McGregor stattfinden, ist extrem klein. Er war übrigens tatsächlich mal bei uns an der Schule. Als Alumni hat er das neue Gebäude angeschaut und sich mit uns unterhalten.
Frage: Hat der Wechsel in den englischen Sprachraum Ihre Wahrnehmung in der Branche verändert?
Antwort: Auf jeden Fall. Das war auch ein Grund dafür, warum ich nach England wollte. Ich war mit 14 Jahren im Schüleraustausch für drei Monate in New York und hatte damals entschieden: Wenn ich jemals studiere, dann im Ausland. In meinem Beruf hilft es mir sehr: Wenn man akzentfrei Englisch spricht, dann ist man nicht mehr ausschließlich „die Deutsche“. Damit eröffnet sich ein komplett neuer Markt.
Frage: Frau Benesch, man signalisiert uns, dass ich zur letzten Frage kommen soll. Vielleicht nehmen wir diese etwas alberne: Im „Lehrerzimmer“ zeigt schon die erste Nahaufnahme auf Ihre Arme, wie viele Sommersprossen Sie haben. In „Heldin“ sind die unsichtbar. Liegt das daran, in welcher Jahreszeit Sie drehen?
Antwort: Ich glaube, das liegt an den Filtern, mit denen gedreht wird. Je nachdem, in welchem Licht ich bin, sehen auch meine Haare röter oder weniger rot aus. Die Sommersprossen sind immer da und die werden auch nicht weggeschminkt.
Frage: Für „Heldin“ musste ja im Gegenteil noch ein Tattoo auf den Arm geschminkt werden.
Antwort: Das ist nicht geschminkt. Das ist meins. Sie haben das im „Lehrerzimmer“ nur nicht gesehen, weil es später gestochen wurde. Hier, bitte schön, da ist es: eine Katze.