Gewalt in Arztpraxen  Ärzte beklagen zunehmende Attacken in ihren Praxen

| | 20.02.2025 17:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Beleidigungen, verbale und körperliche Angriffe – das Klima in den Hausarztpraxen ist sehr viel rauer geworden.Foto: Weißbrod/dpa
Beleidigungen, verbale und körperliche Angriffe – das Klima in den Hausarztpraxen ist sehr viel rauer geworden.Foto: Weißbrod/dpa
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Immer mehr Ärzte klagen über zunehmende Gewalt und verbale Angriffe auf sich und ihr Praxisteam. Auch in den Wartezimmern in Ostfriesland wird der Ton immer rauer.

Hannover/Ostfriesland - Laut einer Online-Umfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung unter knapp 7600 Ärzten, Psychotherapeuten und medizinischen Fachangestellten haben vier Fünftel von ihnen 2023 Beschimpfungen, Beleidigungen oder Drohungen erlebt. 43 Prozent der Befragten erlebten in einem Zeitraum von fünf Jahren auch körperliche Gewalt – von Tritten gegen das Schienbein, Schubsen und Bespucken bis hin zu schweren Angriffen.

„Je problematischer das Gesundheitssystem wird, umso größer ist die Gefahr, dass Patienten auch mal die Nerven verlieren“, sagt Mareike Grebe, Vorsitzende der Bezirksstelle Aurich der Kassenärztlichern Vereinigung Niedersachsen (KVN). „Da hat sich der Ton bei manchen Patienten schon sehr geändert, das erleben wir zunehmend“, sagt Grebe, die selbst als Hausärztin in Hesel tätig ist. Man versuche dann immer zu deeskalieren. „Aber das hat auch seine Grenzen und im schlimmsten Fall muss man dann jemand auch der Praxis verweisen.“

Bei Hausbesuchen besonder gefährdet

Was speziell niedergelassenen Ärzten das Leben erschwert: Hausärzte verzichteten auf persönlichen Schutz, indem sie sich in potenziell gefährliche Situationen begäben, um Patienten zu helfen – wie beim Hausbesuch. „Das ist immer wieder Thema unter den Kollegen und Kolleginnen“, weiß auch Grebe. „Insbesondere, wenn wir über die Notdienste sprechen. Aber wir bekommen im Sommer eine große Notdienst-Reform, laut der wir niedergelassenen Hausärzte dann nicht mehr für die Fahrdienste eingeteilt werden“, sagt Grebe. Ihre Hausbesuche bei den eigenen Patienten seien bisher immer gut verlaufen. „Ich persönlich habe noch keine negativen Erfahrungen gemacht.“ Es sei eher so, dass verbale Angriffe vor Ort in den Praxen zunehmen.

Bei einer Umfrage der Ärztekammer Westfalen-Lippe unter ihren Mitgliedern zu deren Erfahrungen mit Gewalt von Mai 2024 meldeten sich binnen weniger Tage 4513 Ärztinnen und Ärzte zurück – mehr als die Hälfte (2917) davon bejahte die Frage, im ärztlichen Alltag bereits Gewalt erfahren zu haben.

Ärztekammer vermutet hohe Dunkelziffer

„Von der Ärztekammer Niedersachsen gibt es inzwischen sogar eine Broschüre mit Tipps, wie man sich bei Übergriffen auf Praxisteams verhalten soll“, sagt Grebe. Marion Charlotte Renneberg, die Vizepräsidentin der Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) befürchtet, dass die tatsächliche Anzahl von gewalttätigen Übergriffen viel größer ist, als die Zahlen vermuten lassen. „Viele Kolleginnen und Kollegen sprechen bisher nicht über diese Vorfälle“, bedauert sie . „Mir werden in persönlichen Gesprächen immer wieder bedrohliche Situationen oder Vorfälle anvertraut, die nie öffentlich gemacht oder zur Anzeige gebracht werden.“ Renneberg ist selbst als Hausärztin tätig. „Wir spüren in den Arztpraxen und Kliniken, dass die Stimmung im Warte- und Sprechzimmer zunehmend angespannter ist.“

Verschärfung des Strafrechts gefordert

Ein Gesetzentwurf der gescheiterten Ampel-Koalition sollte mit einer leichten Verschärfung des Strafrechts unter anderem Rettungskräfte besser vor Gewalt schützen. Diese Regelung müsse „um alle in der direkten Patientenversorgung tätigen Berufsgruppen“ erweitert und von einer neuen Bundesregierung beschlossen werden, mahnt Renneberg an.

Mit dieser Forderung steht sie nicht allein. Die Bundesärztekammer mahnt sogar ein ganzes Maßnahmenbündel an, das über eine Strafrechtsverschärfung weit hinausgeht: Ermittlungsbehörden und Gerichte bräuchten notwendige personelle und finanziellen Ressourcen, um die rechtlichen Möglichkeiten voll auszuschöpfen, fordert der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt: „Nur so werden potenzielle Täter verinnerlichen: Angriffe auf Beschäftigte des Gesundheitswesens sind keine Kavaliersdelikte, sie sind schwerwiegende Straftaten.“

Mit Material von DPA

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