Hannover Niedersachsen kämpft gegen Ärztemangel: Dieser 10-Punkte-Plan soll die Versorgung sichern
In Niedersachsen fehlen hunderte Hausärzte. Mit einem neuen 10-Punkte-Plan will das Land nun gegensteuern. Was sieht dieser konkret vor, um dem Ärztemangel entgegenzuwirken? Und was sagen Mediziner und Kommunen dazu?
Der Ärztemangel spitzt sich zu: In den niedersächsischen Hausarztpraxen sind nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) aktuell 577 Sitze unbesetzt. Besonders viele Hausärzte fehlen unter anderem in den Bereichen Delmenhorst (24), Papenburg (20) und Cloppenburg (17). Auch Fachärzte fehlen. Mit einem 10-Punkte-Plan will das Land gemeinsam mit Hochschulen, Ärzteschaft und Krankenkassen die Zahl der Hausärzte im Land erhöhen. Diese seien „das Rückgrat der Versorgung in einem großen Flächenland“, betonte Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) am Mittwoch in Hannover.
Die zehn Punkte verteilen sich auf drei Bereiche: Studium/Forschung, Weiterbildung und Versorgung. Aktuell beginnen jedes Jahr 791 Menschen ein Medizinstudium an den drei Medizin-Hochschulen im Land.
An der Universitätsmedizin Oldenburg (UMO) wird zum Wintersemester 2026/2027 die Zahl um 80 auf 200 Erstsemester erhöht. Ziel bleibe es, die Zahl der Plätze in Hannover (MHH), Göttingen (UMG) und Oldenburg um je 50 zu erhöhen, so Wissenschaftsminister Falko Mohrs (SPD).
Im Herbst 2023 wurde die „Landarztquote“ mit insgesamt 60 Plätzen eingeführt. Die Bewerberzahl sei fünfmal so hoch, so Philippi. Das Auswahlverfahren für die Landarztquote soll optimiert werden; die Allgemeinmedizin soll im Studium einen höheren Stellenwert erhalten. Wer einen Studienplatz über diese Quote bekommt, verpflichtet sich, die ersten zehn Jahre nach der Facharztprüfung als Hausarzt an einem Ort mit besonderem Bedarf zu arbeiten.
Um aber insgesamt die Versorgungslücke zu schließen, sind nach KVN-Berechnungen pro Jahr 447 zusätzliche Studienplätze erforderlich. Zum Hintergrund: Ein Medizinstudienplatz kostet rund 250.000 Euro; Kosten für Gebäude und Forschungseinrichtungen nicht eingerechnet.
Um Studium und Praxis besser zu verzahnen, soll es ein Mentoring-Programm geben, das Studierende frühzeitig mit Hausärzten zusammenbringt. Schon heute kooperieren 6000 Hausarztpraxen mit Universitäten.
„Wir müssen die Dosis mit positiven Erfahrungen erhöhen“, so Prof. Dr. Nils Schneider vom Institut für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Studierende, die ihr praktisches Jahr in einer Hausarztpraxis machen, sollen vom Land besonders gefördert werden. Außerdem wollen die drei Medizin-Hochschulen ein „Wissenschaftszentrum Allgemeinmedizin“ aufbauen.
Ärzte anderer Fachrichtungen, die zur Allgemeinmedizin wechseln, sollen wieder gefördert werden. Geplant ist ein Zuschuss des Landes, um die Gehaltseinbußen während der zweijährigen Weiterbildung zumindest teilweise zu kompensieren. Voraussetzung ist, dass die Quereinsteiger sich verpflichten, sich später in einer Gemeinde mit weniger als 30.000 Einwohnern niederzulassen. Die Facharzt-Weiterbildung soll besser organisiert werden.
Zur Entlastung der Hausärzte sollen mehr Leistungen von anderen Fachkräften übernommen werden. Niedersachsen will den „Physician Assistant“ (PA) stärken. Bundesweit gibt es etwa 5000 PA mit Bachelor-Abschluss. Sie seien aber meist in Kliniken tätig und würden dort Tätigkeiten wie Blutabnahme oder Verbandswechsel erledigen. Das Land will den PA im ambulanten Bereich einsetzen und dazu Projekte fördern.
Auch digitale Lösungen, etwa KI-gestützte Untersuchungen, und weniger Bürokratie sollen den Arbeitsalltag der Allgemeinmediziner erleichtern. Der stellvertretende KVN-Vorsitzende Thorsten Schmidt mahnte vor allem einen Abbau der Bürokratielast an: 61 Tage im Jahr arbeite ein Hausarzt nur für die Bürokratie.
Für den 10-Punkte-Plan stellt das Land in diesem Jahr eine Million Euro bereit, so Philippi. Eine Geschäftsstelle in seinem Ministerium soll die Umsetzung überprüfen. Mediziner Schneider würdigte den Plan als „großen Wurf“, weil viele Einzelmaßnahmen zwischen den Akteuren abgestimmt seien.
Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband lobte ihn als „elementaren Schritt zur Sicherung der hausärztlichen Versorgung“. Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund reagierte erfreut auf den Plan. Der Sozialverband VdK Niedersachsen-Bremen forderte, die Zahl der Medizinstudienplätze massiv auszuweiten und die Zugangsvoraussetzungen zu erleichtern.