Diskussion in der Politik  Wird die Hindenburgstraße in Leer umbenannt?

Jonas Bothe
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Von Jonas Bothe
| 20.02.2025 12:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Hindenburgstraße befindet sich in Loga. Foto: Ortgies
Die Hindenburgstraße befindet sich in Loga. Foto: Ortgies
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Im vergangenen Jahr wandte sich die zehnjährige Sophia aus Leer an den Bürgermeister. Sie wünscht sich, dass die Hindenburgstraße umbenannt wird. Jetzt hat die Politik ausführlich darüber diskutiert.

Leer - Seit 1928 – also fast seit 100 Jahren – gibt es im Leeraner Stadtteil Loga die Hindenburgstraße. Sie führt von der Hauptstraße an der lutherischen Friedenskirche vorbei zum Hohen Weg. Ein gutes Dutzend Häuser stehen an der Straße. Doch der Name ist umstritten. Ist die Straße doch nach Paul von Hindenburg benannt. Ein großer Kritikpunkt: Der ehemalige Reichspräsident der Weimarer Republik hatte Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt.

In der Folge ermöglichte Hindenburg der NSDAP die Errichtung einer Diktatur. Am 1. Februar 1933 löste er den Reichstag auf und unterzeichnete „Notverordnungen“, die ab dem 4. Februar die Presse- und Meinungsfreiheit einschränkten und ab dem 28. Februar die Grundrechte außer Kraft setzten. Unter dem NS-Regime wurden schließlich Massenmorde in beispiellosem Ausmaß verübt.

Schülerin schrieb Brief an Bürgermeister Claus-Peter Horst

Im vergangenen Jahr wandte sich schließlich Sophia Löhdefink in einem Brief an den Leeraner Bürgermeister. „Es wurden so viele Menschen umgebracht, dass es echt schlimm ist, dass diese schöne Straße nach so einem Menschen benannt ist. Er hat das gar nicht verdient“, findet die Fünftklässlerin. Klar geworden sei ihr das nach einer Lesung mit dem Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg im Zollhaus im Oktober 2024. „Er hat von seinem Leben und den Taten der Nazis erzählt“, sagt Sophia. In der Schule werde das Thema erst ab der neunten Klasse behandelt.

Sophia Löhdefink hatte im vergangenen Jahr einen Brief an den Leeraner Bürgermeister Claus-Peter Horst geschrieben. Foto: Heinig/Archiv
Sophia Löhdefink hatte im vergangenen Jahr einen Brief an den Leeraner Bürgermeister Claus-Peter Horst geschrieben. Foto: Heinig/Archiv

An diesem Dienstag, 18. Februar 2025, befasste sich nun der zuständige Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur mit dem Thema. Die Verwaltung hatte im Vorfeld vorgeschlagen, auf eine Umbenennung zu verzichten und stattdessen Informationstafeln anzubringen, „um eine kritische Auseinandersetzung mit der historischen Person Hindenburg zu fördern, gleichzeitig aber die Vergangenheit nicht auszulöschen“. Die Entscheidung, eine Straße nach Hindenburg zu benennen, sei getroffen worden, „bevor er den verhängnisvollen Fehler beging, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen“.

Politik diskutierte ausgiebig über die Hindenburgstraße

Im Ausschuss wurde ausführlich diskutiert. So betonte Hilltrud Richmond für die CDU, dass man den Vorschlag der Verwaltung unterstütze. „Statt umzubenennen, sollte lieber aufgeklärt werden“, sagte sie. „Aus unserer Sicht kann ein Stück Zeitgeschehen nicht einfach durch das Umbenennen von Namen ausgelöscht werden.“ Dennoch schlug sie vor, die Abstimmung zu verschieben und zunächst einmal die Anwohner zu befragen.

Mechthild Tammena, beratendes Mitglied der Grünen im Ausschuss, fand die Argumentation der Verwaltung „etwas seltsam“. Es komme nicht darauf an, wann die Straße umbenannt wurde. „Es geht um die Person Hindenburg in Gänze“, so Tammena. Diese sei nicht haltbar. „Er war nicht Steigbügelhalter für Hitler. Er hat das Pferd in den Abgrund geritten.“ Die Grünen seien für eine Umbenennung zum ursprünglichen Namen – Friedensstraße.

Bürgerdialog zu dem Straßennamen gefordert

In der SPD-Fraktion habe man lange und emotional über das Thema diskutiert, machte Dr. Heiner Schröder deutlich. „Wir sind der Meinung, dass ein Schild nicht ausreicht“, fasste er das Ergebnis zusammen. Hindenburg solle nicht dadurch gewürdigt werden. „Er war von Anfang jemand, der die Demokratie nicht wollte und sie bekämpft hat“, so Schröder. Zudem habe er im ersten Weltkrieg Kriegsverbrechen begangen, sei der Mitbegründer der sogenannten Dolchstoßlegende und SPD-Hasser. Die Stadt solle ein Verfahren starten, Namensvorschläge zu unterbreiten.

Schließlich bat Sönke Eden (SPD) um eine Unterbrechung der Sitzung. Seine Fraktion zog sich zur Beratung zurück. Er stellte den Antrag, in dieser Sitzung nicht über Schild oder Umbenennung abzustimmen, sondern einen Bürgerdialog zu starten. Dabei sollten sowohl die Anwohner als auch weitere Bürger, aber auch Schulen mit einbezogen werden.

Bereits 2010 wurde über die Hindenburgstraße diskutiert

Dem konnten sich die anderen Fraktionen anschließen. Günter Podlich (FDP/Moin) erklärte zudem noch, dass ein Schild nicht als Würdigung gesehen werden sollte, sondern als Denkanstoß. So könnten beispielsweise Schulen dort hinkommen, um sich kritisch mit der Person Hindenburg auseinanderzusetzen. Der Ausschuss stimmte schließlich einstimmig dafür, die Anwohner zu befragen und einen Bürgerdialog über eine mögliche Umbenennung zu starten.

Bereits 2010, kurz nach der Umbenennung der Von-Lettow-Vorbeck- zur Evenburg-Kaserne, war schon einmal über die Hindenburgstraße diskutiert worden. Damals sah die Politik allerdings noch keinen Handlungsbedarf. Zuletzt hatte sich die Leeraner Politik mit der Bavinkstraße befasst. Nach langen Diskussionen über eine Umbenennung wurden dort Infotafeln aufgestellt, der Name bleibt. Das Handeln und Wirken des 1879 in Leer geborenen Bernhard Bavinks ist umstritten. Er war zwar ein namhafter und erfolgreicher Wissenschaftler, war aber auch ein Anhänger der Nationalsozialisten und hatte mit anderen die theoretischen Grundlagen für das Dritte Reich gelegt. Das hatten Recherchen des ehemaligen Leeraner Bürgermeisters Wolfgang Kellner ergeben.

Wie es jetzt mit der Hindenburgstraße in Loga weitergeht, steht noch nicht fest. Wenn die Anwohner gehört und auch weitere Bürger in den Dialog einbezogen wurden, entscheidet abschließend die Politik, ob der Straßenname geändert wird. Wann es so weit ist, ist aber noch nicht klar.

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