Audio-Projekt am Gymnasium Auf Albrecht Weinbergs Spuren in Rhauderfehn
Eine Geschichtslehrerin am Albrecht-Weinberg-Gymnasium hat aus dem Buch über den Holocaust-Überlebenden Weinberg ein Audio-Projekt für ihre Schüler erstellt. Das steckt dahinter.
Rhauderfehn - Anfang Januar 2025 ging es für eine 10. Klasse des Albrecht-Weinberg-Gymnasiums in Rhauderfehn im Geschichtsunterricht raus aus dem Klassenraum – und hinaus auf die Straße für eine historische Entdeckungstour. Der Holocaust-Überlebende und der heute 99-jährige Albrecht Weinberg ist in Westrhauderfehn aufgewachsen und hat im Buch „Damit die Erinnerung nicht verblasst wie die Nummer auf meinem Arm“ von Nicolas Büchse einige Erlebnisse aus seinem Heimatort geteilt. Eine Geschichtslehrerin in Rhauderfehn hat daraus nun ein interaktives Lernprojekt erstellt – und unter anderem Sätze wie „Das Haus steht dort heute noch. Am Untenende 74. Gleich hinter der Straße lag eine Wieke, an der ich oft mit der Angel saß“ einsprechen lassen.
Wir haben mit der Lehrerin – die nicht namentlich genannt werden möchte – über ihre Initiative gesprochen.
Im Buch erwähnte Orte in Rhauderfehn wurden von Schülern erkundet
„Ich möchte, dass sich die Schüler in die Zeit hineinversetzen können“, so die Lehrerin. Weinbergs Erfahrungen aus Rhauderfehn hat sie deshalb von insgesamt fünf ihrer Schüler einsprechen lassen. Mithilfe der Orte, die der 99-Jährige im Buch erwähnt, ist es den Zehntklässlern somit möglich, begleitet durch Audioaufnahmen, Rhauderfehn zu erkunden – und die zentralen Orte, die in Weinbergs Zeit in Rhauderfehn eine große Rolle gespielt haben. In einer Passage des Buches – die auch von einer Schülerin eingesprochen wurde – steht beispielsweise: „Meine Mutter hatte mir verboten, hier zu stehen. Sie schickte uns Kinder in den Hinterhof, wenn die Männer mit den braunen Uniformen an dem Platz arbeiteten. Manchmal kamen sie zu unserem Haus, klopften an die Fenster oder Türen und brüllten. Ich und Friedel hatten Angst vor ihnen [...]“.
Für die Schüler sei es greifbarer, wenn die Schüler das Erlebte hören können, während sie genau an den Orten stehen, über die Weinberg spricht, sagt die Lehrerin im Gespräch. „Das ist hier in Rhauderfehn passiert“, macht sie deutlich. Den Unterrichtsinhalt über den Nationalsozialismus also mit einem lokalen Aufhänger zu versehen, sorge dafür, dass den Schülern das Thema deutlich näher komme. Das Audio-Projekt macht Weinbergs Schilderungen noch greifbarer.
Herzensangelegenheit der Lehrerin
Anfang Januar zogen die Schüler also los – und waren vor allem am ehemaligen Haus von Weinbergs Familie am Untenende unterwegs. „Ideal wäre es natürlich, wenn wir auch wissen würden, wo der Friseur oder die Schule waren“, so die Lehrerin. Auch die ehemaligen Stürmerkästen, in denen in Rhauderfehn die nationalsozialistische Propaganda-Zeitung „Der Stürmer“ ausgestellt wurden, wären künftig spannende Orte, um das Projekt zu ergänzen.
„Das ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit“, sagt die Geschichtslehrerin. Deshalb habe sie auch in Eigenleistung die Initiative für das Projekt ergriffen. „Wenn ich noch einmal eine zehnte Klasse habe, kann ich mir gut vorstellen, das noch mal zu machen“, bestätigt sie. Aber da gebe es eben noch einige Details, die sicher gut zu ergänzen wären – so unter anderem weitere Rhauderfehner Plätze, die in Weinbergs Kindheit eine Rolle spielten. Bei den Schülern sei das Projekt jedenfalls positiv angekommen, so die Lehrerin.
Aus dem Audio-Projekt erstellten die Schüler einen Social-Media-Beitrag
Aufgabe während des Projekts war es auch, zu notieren, welche Erinnerungen von Weinberg die Schüler beim Hören der eingesprochenen Buchstellen überraschte haben – und was sie womöglich nachdenklich gemacht oder beeindruckt hat. Am Ende der Geschichts-Doppelstunde sollten die Schüler dann einen Beitrag für Social Media erstellen. „Das ist für die Schüler immer toll, wenn wir zeigen, dass das, was sie erarbeiten, nicht nur in einer Schublade landet“, so die Lehrerin.
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In dem Beitrag geben die Schüler Einblick in den sogenannten Audio-Walk und an welchen Orten sie in Rhauderfehn unterwegs waren. Neben Weinbergs ehemaligem Elternhaus, wird dabei auch auf die Stolpersteine verwiesen, die daran erinnern, welche Gräueltaten Albrecht Weinberg und seine Familie im Nationalsozialismus erleben mussten.
Lehrerin setzt wiederholt auf kreative Lernformen
Es ist nicht das erste Mal, dass die Geschichtslehrerin am AWG Rhauderfehn auf solche alternativen Lernmethoden setzt. Bei der Verlegung von Stolpersteinen habe sie etwa Rollenspiele mit den Schülern durchgeführt. Auch Graphic Novels (graphische Romane, Anmerkung der Redaktion) würden gerade jüngeren Schülern eine tolle Möglichkeit geben, sich mit Geschichte auseinanderzusetzen. Außerdem gebe es mittlerweile einige Spiele – so auch zum Thema Widerstände während des Nationalsozialismus. „In den letzten Jahren ist vieles auf den Markt gekommen, was wirklich gut ist“, sagt die Lehrerin. Das zeigt ganz praktisch: Schule kann so viel mehr als nur Frontalunterricht.
Von der Initiative der Lehrerin wisse Albrecht Weinberg nichts. Aber: Albrecht Weinberg besuche das Gymnasium in Rhauderfehn noch immer regelmäßig. Auch das mache für die Schüler einen großen Unterschied, erklärt die Lehrerin. Sie kennen den Menschen, über dessen Erlebnisse sie im Geschichtsunterricht sprechen. „Wenn er bei uns ist, sitzt er in diesem Sessel“, so die Lehrerin und zeigt auf einen bunten Sessel im neuen Albrecht-Weinberg-Zimmer der Schule. „Aber er hat natürlich viele Termine, deshalb ist er nicht mehr so oft hier“.