München  G-Kräfte und Geschwindigkeiten: So gefährlich ist Skifahren für den Körper

Moritz Büscher
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Von Moritz Büscher
| 18.02.2025 08:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Beim Weltcup in Wengen: Vincent Kriechmayr aus Österreich zischt bei der Abfahrt an der Torstange vorbei. Foto: dpa/KEYSTONE/Marcel Bieri
Beim Weltcup in Wengen: Vincent Kriechmayr aus Österreich zischt bei der Abfahrt an der Torstange vorbei. Foto: dpa/KEYSTONE/Marcel Bieri
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Skifahren im Profisport sieht halsbrecherisch aus. Ein Arzt der deutschen Ski Alpin-Nationalmannschaft gibt Einblicke: Warum der Körper im Rennen keine Schmerzen wahrnimmt und wie groß die Gefahr für einen Kreuzbandriss ist.

Fragen Sie sich das auch öfter: Wie schaffen es die Skifahrer, sich die steilen Pisten mit zahlreichen Richtungsänderungen und hoher Geschwindigkeit herunterzustürzen – und dabei glücklicherweise in den meisten Fällen ohne Verletzungen ins Ziel zu kommen? Für viele Zuschauer, die nicht im Wintersport zu Hause sind, grenzt diese Leistung nahezu an ein körperliches Wunder. Für Manuel Köhne ist es als leitender Mannschaftsarzt der deutschen Alpin-Nationalmannschaft gelebter Alltag.

Skifahren sei Risikosport, betont der Kniespezialist aus München. Er ist seit 2011 beim Deutschen Skiverband und betreut seit 2017 mit seinem 40-köpfigen Team in leitender Funktion rund 120 Athleten des deutschen Bundeskaders.

Unfälle und Verletzungen gab es in dieser Zeit im Profisport immer wieder. „Überwiegend sind die Unterextremitäten betroffen: Verletzungen tauchen vor allem am Knie und an den Sprunggelenken auf. Die chronischen Überbelastungen sind vermehrt am Rücken“, erklärt Köhne.

Etwa 35 Prozent der Verletzungen betreffen das Knie. Allein zehn Kreuzbandrisse pro Jahr gebe es laut dem Teamarzt innerhalb der deutschen Alpin-Nationalmannschaft. Die Ursachen für gesundheitliche Probleme sind je nach Disziplin unterschiedlich: Während beim Slalom die höchsten G-Kräfte auf einen Skifahrer – das zwei- bis dreifache des Körpergewichts – wirken, werden bei der Abfahrt die höchsten Geschwindigkeiten gemessen.

„G-Kraft heißt nicht Verletzung, sondern eher Überlastung“, betont der Kniespezialist. Deshalb seien Stürze, Risse von Bändern und Brüche bei der Abfahrt viel häufiger anzutreffen als beim Slalom, wobei hier chronische Überlastungen am unteren Rücken als Problem auftreten.

Die häufigste Verletzung, vor allem für einen Kreuzbandriss, entstehe während des Rennens beim sogenannten Slip-Catch-Mechanismus. Die Sturzgefahr und die Beschaffenheit der Piste spielen in den Köpfen der Athleten aber keine Rolle – gerade beim Lauf auf der Strecke. „Das Adrenalin hat einen unglaublichen Einfluss. Dass ein Athlet im Rennen Schmerzen spürt, geht gegen null: Die Profisportler sind enorm fokussiert und die Körper wahnsinnig tolerabel“, betont Köhne.

Damit es erst gar nicht zu Verletzungen kommt, sei die Prävention neben der Schutzkleidung eine effektive Maßnahme. Es gebe für diese Form der Verletzungsvorbeugung extra eine Prähabilitationsstelle, wie der Arzt betont. „Im Falle einer Verletzung können wir dann möglichst gut und schnell rehabilitieren“, erklärt er. Die Erfolgsquote bei der Rehabilitation sei im Profisport sehr hoch, sodass die Athleten nach überstandener Genesung wieder in den Wettbewerbsmodus kommen können.

Die Medizin lebe in der Hinsicht von der Genetik. „Ein Sportler mit weniger guten Voraussetzungen muss umso mehr prophylaktisch trainieren und seine Rücken- und Rumpfmuskulatur stärken, um den G-Kräften etwas entgegenzusetzen“, sagt Köhne. Zur Vorbereitung auf ein Rennen sollten sich die Sportler selbst durch Dehnübungen aktivieren und Körperspannung aufbauen, um nicht „wie ein nasser Sack“ in den Lauf zu gehen.

Falls im Nachgang des Rennens gesundheitliche Probleme auftreten, sei die Zusammenarbeit im Ärzteteam von besonderer Bedeutung. „Meine wichtigste Frage ist, wie die Nacht war und wie es sich am nächsten Tag anfühlt. Das Zusammenspiel zwischen der Anamnese, das heißt dem Gespräch, der Vorgeschichte und dem klinischen Bild unseres Physiotherapeuten ist entscheidend“, erklärt der Kniespezialist.

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